Frei zugänglich

Kitagawa, Utamarô

Geboren
Kawagao oder Edo?
Gestorben
Edo
Land
Japan
Geschlecht
männlich
GND-ID
Weitere Namen
Utamaro (1754); Kitagawa Utamaro; Utamaro (1); Sekiyô; Yusuke; Fude no Ayamaru; Toyoaki; Utamaro I; Entaisai; Issôshurichôsai; Kitagawa Shimbi; Mokuen
Berufe
Maler*in; Holzschnittzeichner*in
Wirkungsorte
Kawagoe, Edo/Tokio
Zur Karte
Von
Papist-Matsuo, Antje
Zuletzt geändert
23.07.2025
Veröffentlicht in
AKL LXXX, 2014, 352

VITAZEILE

Kitagawa Utamarô, (Yusuke; Shimbi; Gô: Toyoaki; Entaisai; Issôshurichôsai; Mokuen; Sekiyô; Utamaro; Fude no Ayamaru), jap. Maler, Holzschnittzeichner, *1753? Edo? (Tokio), †31.10.1806 Edo.

LEBEN UND WIRKEN

Über K.s Leben ist wenig bekannt. Sowohl Geburtsort als auch -jahr sind nicht gesichert. Lange Zeit galt die Vermutung, er sei 1753 in Kawagoe (alte Prov. Musashi) geboren und nach dem frühen Tod des Vaters mit der Mutter in die nahegelegene Residenzstadt Edo gezogen (1775). Dort soll er als junger Mann mehrere Jahre als Beamter der shôgunalen Reg. tätig gewesen sein, was vermuten ließ, dass er einer vornehmen Familie entstammte. Heute wird eher Edo als Geburtsstadt angenommen. Als gesichert gilt, dass K. durch den einflussreichen Maler Toriyama Sekien (1712–1788) unterrichtet wird, der ab 1770 auch den Hschn. als künstlerisches Medium für sich und seinen Schüler entdeckt. Unter dem Künstlernamen Toyoaki ill. K. 1775 sein erstes Buch und erprobt sich an Schauspielerbildern im Stil des Katsukawa Shunshô. Um 1782 nimmt ihn der Verleger Tsutaya Jûsaburô in sein Haus auf. Durch ihn erhält K. Zugang zum wichtigsten Netzwerk von in Edo lebenden Künstlern und Dichtern, die im Ukiyoe-Stil arbeiten und die städtische Kunst der Tokugawa-Zeit entscheidend prägen. K. wird durch den berühmten Verleger gefördert und entwirft unter dessen Obhut unmittelbar vor den rigiden Reformen der Kansei–Ära (1789–1801) mehrere bahnbrechende kyôka ehon ("Bilderbücher mit Scherzgedichten"). War diese Art Buch vorher kleinformatig und in Schwarzweiß ill., so entwirft K. nun Anthologien mit üppigen Vielfarbendrucken (jap. nishiki-e) im Ôban-Format im Verlag des Jûsaburô. Die Bücher umfassen naturalistische Darst. von Landschaften ebenso wie detailgetreue Wiedergaben von Insekten, Fischen, Vögeln und Pflanzen. Berühmt ist das 1788 ersch. zweibändige Holzschnittbuch Ehon mushi erami (Mus. für Asiat. Kunst, Berlin) mit 15 doppelseitigen, farbig gedruckten Darst. von Insekten und Pflanzen im Leporelloformat, denen raffinierte Scherzgedichte bek. zeitgen. Dichter beigefügt sind. Das Werk spiegelt u.a. den Einfluss der neuen, aus China eingeführten realistischen Blumen- und Vogel-Malerei wider. Auch das wachsende Interesse der Zeit an westlichen Gestaltungsprinzipien ist spürbar. In die gleiche Zeit fällt auch die Herausgabe eines berühmten Buches mit erotischen Zchngn (shunga) (Ehon uta makura, Farb-Hschn., 1789). In den Jahren 1792/93 kreiert der Künstler mehrere Ser. großformatiger Kurtisanen-Darst. (bijin ôkubi-e), die formal (Halbfiguren), technisch (u.a. mit Glimmergrund) und konzeptuell (z.B. Bedienstete als Thema) das Genre der "Darstellungen schöner Frauen" erneuern. Mit ihnen und in seinen folgenden Entwürfen gelingt K. eine nahezu psychologisierende Erfassung einzelner Frauencharaktere aus den unterschiedlichsten ges. Bereichen, wobei die raue Wirklichkeit der Frauen in eine poetische Schönheit verwandelt wird (Verwandtschaft zu Suzuki Harunobu) (Ser. Kasen koi no bu/Great Love Themes of Classical Poetry; fünf Bll. bek., frühe 1790er; Sugatami shichinin keshô; M. 1790er). Die Verwendung von fleischfarbenen Linien anstelle der üblichen Tuschelinien in Schwarz für Gesichtsphysiognomien wird in diesen Bll. bes. deutlich; in manchen Entwürfen fehlen die Konturlinien ganz. Auch in der Ser. Fujo ninsô juppon/Female Facial Types of Ten Classes, (um 1792-93) werden innere Gefühlszustände der Dargestellten meisterhaft durch Körperhaltung, Gestik und Gesichtsausdruck visualisiert. Stilistisch folgt K. anfänglich Kitao Shigemasa und Torii Kiyonaga, entwickelt im Laufe der Zeit aber seinen eig. unverkennbaren Stil. In den 1790er Jahren ist K. der führende Ukiyoe-Künstler in Edo. Unter dem Einfluss des innovativen Tôshûsai Sharaku entwirft K. um 1794 die Ser. Tôji zensei bijin soroe/A Coll. of Beauties at the Height of Their Popularity), die sich durch dramatische Bildentwürfe und ungewöhnliche Figurenproportionen auszeichnet. Bes. treten hier die für K. typischen gedämpften Farbtöne und -kombinationen zu Tage, die zugleich die warmen Rottöne der Unterkleidung und der Lippen hervorheben. Seine Frauenporträts können als künstlerische Gegenentwürfe zum zeitgen. Stereotyp idealer Frauengestalten ohne Individualität und Expressivität verstanden werden, auch wenn Kriterien formaler und ästhetischer Schönheit der Figuren des K. im Vordergrund stehen. In rascher Folge zeichnet er auf der Höhe seines Ruhmes Ser. von Einzel- und Mehr-Bll. zum Leben v.a. der Frauen in Edo (Ser. Musume hidokei /A Sundial of Maidens, um 1795) und im Yoshiwara sowie zu narrativen Legenden, wie der Ser. von Yamauba und Kintarô (1801-03). K. spielt kontinuierlich mit Polaritäten von Erotik und Sexualität, wenn er Physiognomien von sich ankleidenden, aus dem Bade kommenden oder Kinder stillenden Frauen entwirft. Sein künstlerisches Interesse gilt aber weniger dem Thema der Erotisierung, als vielmehr der Möglichkeit, über die Matrix des Körpers der reichhaltigen Materialität von Textilien einen visuellen Bezug zu geben (Ser. Hokkoku goshiki zumi/Five Shades of Ink in the Licensed Quarter, um 1794-95). Dies gilt insbesondere für seine Gem. (Woman at her morning toilette, um 1800, Hängerolle, BM). Seine Werke unterliegen immer wieder der Zensur, so dass er einige umbenennen muss, da die Bezüge zu Zeitgen. zu deutlich sind. So ändert K. den Titel der Hschn.-Ser. Kômei bijin rokkasen/Famous Beauties Selected from Six Houses (ca.1794) um in Fûryû rokkasen/Fashionable Six Poetic Immortals (1796). Die Kartuschen auf den Bll. der urspr. Ser. besitzen verschachtelte Bezüge zu berühmten zeitgen. Kurtisanen in Form von Bildrätseln; diese werden durch Abbilder von sechs bek. Dichterinnen aus der Gesch. ersetzt. Ungewöhnlich im druckgrafischen Werk des K. sind neuartige Techniken, die zur haptischen und visuellen Fülle seiner Entwürfe wesentlich beitragen. So verwendet er u.a. Sand, um feinste Texturen im Druckblock einprägen zu können, anstatt diesen zu beschnitzen. Der Effekt ist gewebeartig, daher der Begriff "Textilgewebe-Druck" (nunomezuri) für diese Technik. In der Ser. Seirô rokkasen/Six Poets of Yoshiwara (um 1800) gibt K. die Handlungen seiner Protagonistinnen durch Momentaufnahmen wie fotogr. Schnappschüsse wider. Nach dem Tod seines Mentors und Verlegers Tsutaya erlahmt K.s Schaffenskraft nach 1800, seine Zchng wird routiniert und manieriert; viell. liefern Schüler unter seinem Namen. 1804 wird er u.a. wegen eines politisch anstößigen, da satirischen Triptychons (Taikô gosai rakutô yûran no zu/Taikô Hideyoshi and his Five Wives on an Excursion to Eastern Kyoto) zu einer Haftstrafe wegen Majestätsbeleidigung verurteilt. K. hatte als Quelle das populär-hist., jedoch mit einem Bann belegte Werk Taikôki (A Record of Hideyoshi) verwendet. Danach gelingt ihm keine künstlerisch überzeugende Arbeit mehr (Der Feldherrr Mashiba Hisayoshi und sein Lieblingspage, 1804, Riese-Slg). K.s Gem. sind selten; sie thematisieren wie seine Hschn. weiblichen Reiz und das Leben im Yoshiwara (Young Woman Playing the Shamisen, um 1804-06, Hängerolle, Boston, MFA), aber auch populäre daoistische Bildthemen wie Shôki/The Demon-queller (Hängerolle) und Shichifukujin/The Seven Gods of Good Fortune (Hängerolle). K. gehört neben Utagawa Hiroshige und Katsushika Hokusai zu den jap. Hschn.-Meistern, die einen nachhaltigen Einfluss auf die westliche Moderne des 19. und 20. Jh. hatten (u.a. Impressionismus). So sind z.B. im Werk der Mary Cassatt thematische und stilistische Einflüsse zu K. evident (u.a. The Bath, 1891). Bereits 1891 publ. Edmond de Goncourt eine Monografie zum Künstler.

WERKE

Abu Dhabi, Louvre Abu Dhabi. Ann Arbor, Univ. of Michigan MoA. Atami, MOA MoA. Berlin, Mus. für Asiatische Kunst. Boston/Mass., MFA. Cambridge, Fitzwilliam Mus. Chiba, City Mus. of Art. Chicago, Art Inst. Greensboro/N.C., Weatherspoon AM. Honolulu, Acad. of Arts. Kamakura, Kamakura Mus. Kawajima, Tôyama Memorial Mus. of Art. London, BM. Matsumoto, The Japan Ukiyo-e Mus. Minneapolis/Minn., Inst. of Art. Moskau, Staatliches Orient-Mus. New York, Metrop. Mus. Tokio, Idemitsu AM. - Josai Univ., Mizuta Mus. of Art. - NM. - New Ôtani AM. - Suntory AM. - Ukiyo-e Ôta Memorial Mus. of Art. Washington, D.C., Freer Gal.

SELBSTZEUGNISSE

Im Garten ein Summen: die Bilder und Gedichte des Ehon Mushi Erabi, M. 1988.

AUSSTELLUNGEN

Einzelausstellungen:

1954 Zürich, Kunsthaus (K) / 1964 Tokio, Nihon Ukiyoe Kyôkai (K) / 1993 Gifu, City Mus. of Hist. u.a. (K) / 1995 London, BM/Chiba, City Mus. of Art (K) / 1998 Fukuoka, AM (K) / 2006 Chicago, Art Inst. (K) / 2010 Amherst, Mead Art Mus. (K); Sydney, AG of New South Wales (K). -

 

Gruppenausstellungen:

Tokio: 1957 NMMA: U. and Hokusai (K); 1976 Tôkyô Hyakkaten: U. and Hiroshige: from the Honolulu Acad. of Arts; 1988 Ikebukuro Tôbu Hyakkaten: Edo bunka no hana (K); 2010 Suntory Mus. of Art: Tsutaya Jûzaburo, publisher who discovered U. and Sharaku (K); 2012 Ukiyo-e Ôta Mem. Mus. of Art: Harunobu, Kiyonaga, U. and Their Ages (K) / 1991 Ôsaka, Matsuzakaya u.a.: Heiteres Treiben in der vergänglichen Welt (K) / New York: Asia Soc.: 1992 Undercurrents in the Floating World: Censorship and Jap. Prints (K), 2008 Designed for Pleasure. The World of Edo Japan in Prints and Paint., 1680-1860 (K); 1995 Japan Soc.: Gems of the floating world: ukiyo-e prints from.the Dresden Kpst-Kab. (K) / 1997 Köln, Mus. für Ostasiatische Kunst: Meisterwerke des jap. Farbholzschnittes (K) / 2002 Washington, D.C., Freer Gall. of Art: Masterful illusions. Jap. prints in the Anne van Biema coll. (K) / 2006 Kôbe, City Mus. u.a.: Drama and Desire. Jap. Paint. from the Floating World 1690-1850 (K) / 2011 Himeji, Hyôgô Pref. Mus. of Hist.: Great Ukiyo-e Masters: Sharaku, U., Hokusai and Hiroshige (K).

 

QUELLEN

Thieme-Becker, Vollmer und AKL:

ThB34, 1940

 

Weitere Lexika:

ELU IV, 1966; Roberts, DJA, 1976; Bauer, GEM VIII, 1978; Nihon bijutsushi jiten, To. 1987; DA XVIII, 1996; K.Rawlings (Ed.), Benezit dict. of Asian artists II, N.Y. u.a. 2012 (s.v. "Utamaro I").

 

Gedruckte Nachweise:

T.Yoshida, U. zenshû, To. 1941; J.Hillier, Utamaro: Colour Prints and Paint., Lo. 1961; S.Kikuchi, Ukiyoe, Genshoku Nihon no bijutsu, vol. 17, To. 1977; S.Yoshida, Ukiyoe no mikata jiten, To. 1987; K.Fukuda, K.U., To. 1992; J.Nelson Davis, K.U. and the construction of a public identity in ukiyo-e prints, Diss. Univ. of Washington 1997; S.Asano, K.U., To. 1997; J.M. Rosenfield/F.E. Cranston, Extraordinary persons (K Slg Kimiko und John Powers), III, C., Mass. 1999; T.Kobayashi, U. no bijin, To. 2006; J.Nelson Davis, U. and the Spectacle of Beauty, Univ. of Hawai'i Press 2007.