Frei zugänglich

Serlio, Sebastiano

Geboren
Bologna, 6. September 1475
Gestorben
Fontainebleau (Seine-et-Marne)?, (um) 1553
Land
Italien, Frankreich
Geschlecht
männlich
GND-ID
Weitere Namen
Serlio, Sebastiano; Serlio, Sébastien; Bolognese, Sebastiano / Sebastiano Bolognese; Bolonyezi; Bollonezy (Pseudonym)
Berufe
Maler*in; Architekt*in; Architekturtheoretiker
Wirkungsorte
Bologna, Pesaro, Rom, Venedig, Fontainebleau (Seine-et-Marne), Paris, Lyon
Zur Karte
Von
Frommel, Sabine
Tassin, Raphaël
Zuletzt geändert
19.12.2023
Veröffentlicht in
AKL CIII, 2019, 126; ThB XXX, 1936, 513 ss

VITAZEILE

Serlio, Sebastiano, Architekt, Architekturtheoretiker, Maler, *6.9.1475 Bologna, †um 1553 Fontainebleau (?).

LEBEN UND WIRKEN

Weder das Datum von S.s Geburt noch seines Todes sind mit Gewissheit bekannt. Laut eines verlorengegangenen Taufregisters wurde er am 6. Sept. 1475 in der Pfarre S. Tommaso della Braina in Bologna geboren, während Dok. in Arch. in Pesaro eine Geburt in der M. der 1480er Jahre nahelegen (Berardi, 2001). Sein Vater war Bartolomeo di Antonio S., ein angesehener Kürschner, der eine führende Rolle in der Zunft innehatte. Dank einer gesicherten finanziellen Situation konnte er in der emilianischen Hauptstadt einige Immobilien erwerben. Dort erhielt S. eine wahrsch. breitgefächerte Ausb., durch seinen Vater als Kürschner und Gerber, bei einem nicht bek. Meister als Maler, und - wenn man Benvenuto Cellini glauben darf - auch als Schreiner. Zw. 1508 und 1517 war S. in Pesaro, wo die Mailänder Herzöge Sforza ansässig waren, nicht nur als Maler, sondern auch als Architekt tätig. Über seine Ausb. im Bereich der Baukunst ist nichts bekannt. Dort heiratete er am 11. Dez. 1511 die Bolognesin Lucrezia di Francesco Buletti, die eine Mitgift von 100 Dukaten in die Ehe brachte. Es entstanden Kontakte mit Girolamo Genga und Girolamo da Cotignola, mit dem er über 20 Jahre so eng zusammenarbeiten sollte, dass eine Händescheidung der Maler für die kunsthist. Forsch. unmöglich ist. In Pesaro erhielt S. von Giovanni Sforza den Auftrag für das Reliquiar von S. Terenzio, ein prachtvolles Werk, das im Chor der Kathedrale aufgestellt werden sollte. Nach seiner Rückkehr in das intellektuelle Klima in Bologna entwickelten sich Beziehungen zu herausragenden Figuren des humanistischen Milieus wie Achille Bocchi, Alessandro Manzuoli, Alessandro Malvasia und Giulio Camillo Delminio. 1522-23 fand die für seine künstlerische Laufbahn entscheidende Begegnung mit Baldassare Peruzzi statt, der sein Talent erkannte und ihn als Mitarb. für seinen Entwurf der Vollendung der Kirche von San Petronio hinzuzog. Am 14. Aug. 1522 honorierte ihn die Bauhütte mit 3 Lire, 10s für die zwei Grundrisse, wovon sich einer bewahrt hat. Indessen setzte sich die Zusammenarbeit mit Cotignola fort, insbes. in der Kirche S. Michele in Bosco, wo sie die Kap. von S. Benedetto ausschmückten und die elegante Kassettendecke der Sakristei verwirklichten, die S. am E. des Vierten Buches seines Traktats publizierte. In den frühen 1520er Jahren scheint er auch das Gem. mit der Anbetung der hll. drei Könige (Cesena, Priv.-Slg) ausgeführt zu haben, eine Variation von Peruzzis Karton zum gleichen Thema (London, BM) für den Conte Bentivoglio. In diesen Werken glaubte man lange die Hand Cotignolas zu erkennen, ebenso wie bei den drei Predellen der Verlobung der Jungfrau (Bologna, Pin. Naz.), die so deutlich S.s Züge tragen (Frommel, 1998; ead., 2004). Die Archit. spiegeln Versuche der Rezeption von antiken Vorbildern wider. Um 1523 folgte S. seinem Meister nach Rom. Dieser Aufenthalt zog eine entscheidende Wende in seiner Karriere nach sich, da er nun direkt, unter der Ltg Peruzzis, mit den Zeugnissen der Hochrenaissance sowie den antiken Mon. und Ruinen in Berührung kam. Nachhaltig beeinflusst blieb er von den Werken Donato Bramantes, Raffaels und von dessen Schüler Giulio Romano, der 1524 in den Dienst von Federico Gonzaga trat, den Markgrafen von Mantua. Diese Erfahrungen sollten sich sowohl in seinem zukünftigen Traktat als auch seinen eig. Entwürfen und Bauten niederschlagen. Als er 1525 in Bologna einen Gehilfen für Malereiarbeiten einstellte, bezeichnete er sich als "pictor et architectus". Der Vertrag, der sich auf Leistungen in S. Michele in Bosco, die Sakristei oder die Capp. Nuova von S. Benedetto beziehen mag, betraf eine Dauer von drei Jahren. Weiterhin lieferte S. Zchngn für die berühmten Intarsien von S. Domenico in Bologna, die Damiano Zambelli ausführte. Wahrsch. aufgrund der Bedrohung durch die anrückenden kaiserlichen Truppen von Karl V. in Richtung Rom floh S. 1527 nach Venedig, wo er 1528 sein Test. unterzeichnete. Zeugen waren der Maler Lorenzo Lotto und Alessandro Citolini, während Giulio Camillo zum Haupterben ernannt wurde. Letzterem verdankte er wahrsch. den raschen Zugang zur intellektuellen Elite mit Persönlichkeiten wie Pietro Bembo, Alvise Cornaro oder auch Pietro Aretino, mit dem ihn eine enge Freundschaft verbinden sollte. Seine herausragende Kenntnis der Antike und der Hochrenaissance beindruckten in einer Stadt, in der diese Kultur noch kaum Spuren hinterlassen hatte. Mit seiner zweiten Frau Francesca Palladia, die eine Ehrendame von Bona Sforza, der Königin von Polen, gewesen sein soll, führte er ein offenes Haus, in dem renommierte Künstler wie Tizian, Jacopo Sansovino und Lorenzo Lotto zu den ständigen Gästen gehörten. Im Auftrag des Dogen Andrea Gritti entwarf er die Kassettendecke der Sala della Libreria im Pal. Ducale (1528-31), die später einem Brand zum Opfer fiel. 1528 stellte er als "prof. di archit." beim Senat den Antrag für die Urheberschaft für Zchngn und Stiche der fünf archit. Ordnungen, die er in Zusammenarbeit mit Agostino Veneziano konzipiert hatte. Hier offenbart sich sein didaktischer Ehrgeiz und vollzog sich ein erster Schritt in Richtung auf das große Projekt des Architekturtraktats. Für Pietro Zen und dessen Sohn Francesco, einen Amateur der Baukunst, verwirklichte er die Umstrukturierung des Familienpalastes, wo er geschickt röm. Modelle mit lokalen Eigenheiten in Einklang brachte. Er unterzeichnete, neben Tizian, Sansovino und dem Humanisten Fortunario Spira, ein die Fassade von S. Francesco della Vigna betreffendes memoriale, das sich auf die musikalischen Proportionen von Leon Battista Alberti stützte. 1539 errichtete er im Hof des Pal. Porto zu Vicenza ein Theater aus Holz (Abb. im Zweiten Buch), und die Stadt ersuchte ihn um einen Entwurf für den Neubau des stark beschädigten Pal. Comunale, ebenso wie Sansovino, Michele Sanmicheli und Romano (Entwürfe dat. 1538-42), die allerdings weitaus besser entlohnt wurden. Den Auftrag erhielt schließlich Andrea Palladio, den S. wahrsch. kennengelernt hatte und mit dem sich ein wechselseitiger künstlerischer Austausch ergab. Dank seiner guten Kenntnisse der röm. Hochrenaissance lieferte er auch Vorbilder für gemalte Archit. in venez. Gem. (z.B. Paris Bordone, Fischer überreicht dem Dogen den Ring des hl. Markus, um 1535). In Venedig konkretisierte sich die Projektidee des Architekturtraktats, das in den 1520er Jahren im Umfeld Peruzzis gereift war. Dieser hatte selbst ein solches Vorhaben verfolgt und es ist kein Zufall, dass S. den ersten Bd 1537 publizierte, ein Jahr nach dem Tod seines Meisters, zu dessen Erben er gehörte. Abweichend von der vorgesehenen Abfolge der Bde, erschien zuerst das den Regole generali sopra le cinque maniere di archit. gewidmete Vierte Buch, in dem er den gesamten, aus sieben Büchern bestehenden Traktat vorstellte. Dank eines Empfehlungsschreibens von Pietro Aretino wurde es von dem angesehenen venez. Verleger Francesco Marcolini da Forlì verlegt. Nach Art eines Musterbuches stellte S. die fünf archit. Ordnungen systematisch vor, indem er deren Details durch eine kritische Gegenüberstellung von Vitruvs Prinzipien und den archit. Zeugnissen der röm. Antike bestimmte. Dieses Kompendium, das aus der verwirrenden und oft widersprüchlichen Vielfalt von Vorbildern eine gültige Auswahl traf, sollte nicht nur in Italien, sondern fast in ganz Europa großen Erfolg haben. Der ausgewogene Dialog zw. Text in der "lingua volgare" und Abb. in Form von Hschn. trug, ebenso wie die kohärente Präsentation der Zchngn, entscheidend zur Verbreitung bei. Dabei kam auch den Anwendungsbeispielen in Form von Fassaden eine besondere Bedeutung zu, da sie dem Leser zeigten, wie die antiken Ordnungen mit zeitgen. Bauten in Einklang zu bringen seien. 1540 folgte eine zweite Ausg. sowie das Dritte Buch über die antiken Mon., das S. Franz I., König von Frankreich widmete. Dieses stellte einige emblematische Bauten der Renaiss. wie etwa Bramantes "Tempietto", Entwürfe für St. Peter oder die Villa von Poggio Reale neben die klassischen Vorbilder, wodurch S. die Archit. der Renaiss. als der antiken Trad. ebenbürtig oder sogar überlegen zeigte. Da sich der wirtschaftliche Ertrag seines Schaffens in Venedig als zu gering erwies, suchte er nach Mäzenen und neuen Perspektiven. Es folgten lange Verhandlungen mit dem frz. Hof. Dank des Einsatzes der frz. Botschafter in Venedig (Lazare de Baïf, Georges d'Armagnac, Guillaume Pellicier) wie auch der Marguerite de Navarre, der Schwester Franz I., übersiedelte er 1541 mit Frau und Kindern nach Fontainebleau. Dort kamen sie im Spätsommer oder frühen Herbst an. Am 27. Dez. des gleichen Jahres wurde S. zum "paintre et architecteur ordinaire du Roy" ernannt und erhielt ein jährliches Gehalt von 400 livres. Obwohl S. nun ein renommiertes Amt am Hof eines der bedeutendsten und kunstsinnigsten europ. Fürsten innehatte, stellte sich schnell Ernüchterung ein: S.s Erwartungen, die klassischen Regeln in Frankreich einzuführen, erwies sich als schwierig. Die die Trad. schützenden Zünfte, vertreten in Fontainebleau durch die mächtige Figur Gilles Le Bretons, sträubten sich gegen den ital. Einfluss und eine Baukunst als "cosa mentale" - der völlig neue Dekorationsstil, den Rosso Fiorentino und Francesco Primaticcio in der Gal. von Franz I. entwickelten, blieb eine Ausnahme ohne frz. Einflussnahme und war nur im Bereich der figuralen Künste möglich. So beschränkte sich S.s praktisches Werk in Fontainebleau auf Voll. und Verschönerungen bestehender Bauten, wie die nördliche Fassade der Cour Ovale, die Kap. von St-Saturnin und viell. das extravagante ägypt. Tor am Pavillon des Armes. Seine Entwürfe für den Ballsaal in der Cour Ovale, für einen Badepavillon im grand jardin oder sein kühnes Projekt für den Neubau des Louvre blieben auf dem Papier, sind aber im Sechsten Buch dokumentiert. Doch verschaffte S. sein renommierter Posten am Hof Aufträge bei bed. und experimentierfreudigen Bauherrn. Schon kurz nach seiner Ankunft beauftragte ihn der Kardinal Ippolito d'Este, ein enger Berater von Franz I., sowohl mit dem Entwurf als auch der Bauleitung seines gegenüber dem Schloss gelegenen Stadtpalais' (während des ersten Kaiserreichs abgerissen). S. verstand es, die ital. Typologie der villa suburbana (erhöhtes Kellergeschoss, Eingangsvestibül in der Symmetrieachse, nur ein Wohngeschoss) geschickt mit der frz. Trad. zu verbinden (vgl. S.s Zchngn und Kommentare im Sechsten Buch). Der in zwei Phasen entstandene Baukomplex bestand aus einer Dreiflügelanlage um einen quadratischen Hof: rückseitig das herrschaftliche corps de logis, links die typisch frz. Gal. mit Kap., die zu einem Jeu de Paume ausgerichtet waren, rechts ein Wirtschaftsflügel, der durch einen eig. Eingang mit einem Wirtschaftshof verbunden war. Oberhalb des über eine pyramidale Freitreppe zu erreichenden Hauptgeschosses war ein bewohnbares Dachgeschoss eingerichtet, in dem S. und seine Fam. untergebracht waren. Im Kellergeschoss befand sich das berühmte Bad nach antikem Vorbild, das Primaticcio ausgeschmückt hatte und das sich wahrsch. noch heute unter der Erde verschüttet dort befindet. Die aus unregelmäßigen Blöcken bestehenden Mauern waren mit Stuck verputzt, auf aufwendige archit. Ordnungen in Form von Pilastern oder Halbsäulen wurde verzichtet. Dem Kardinal ging es um eine zügige und kostengünstige Ausf. des Baus, der seinen Festen und Empfängen wie auch dem otium dienen sollte. Bewahrt hat sich das rustizierte tuskische Portal (rest.) in der Eingangsmauer, die wahrsch. von Zinnen mit den Emblemen der Este bekrönt war. In der Abtei von Chaalis, einer Kommende des Kardinals im Norden von Paris, führte S. Erweiterungen aus und errichtete ein ähnliches Portal aus grob aufgeschichteten Bossen. Gleichzeitig beauftragte ihn Antoine III de Clermont, ein Edelmann aus der Dauphiné und Gatte von Françoise de Poitiers, der jüngsten Schwester der berühmten Diane, der Favoritin des Thronfolgers, mit dem Bau seines Schlosses in Ancy-le-Franc. Ein unvorhergesehenes Erbe und die Aussicht, nach der Thronbesteigung des Henri d'Angoulême zum Günstling im neuen Reich zu werden, trieb ihn zu diesem ehrgeizigen Bauunternehmen, das mit denen der bedeutendsten Persönlichkeiten des Reichs rivalisieren konnte. Für S. handelt es sich dabei um sein wichtigstes archit. Werk, bei dem er sowohl als Entwerfer als auch als ausführender Architekt in Erscheinung trat. Der Bau aus hellem Kalkstein wurde in rasanter Geschwindigkeit ausgeführt und war schon 1546 bewohnbar, doch konnte S. einige Teile des Innenbaus nicht mehr vollenden. Die Entwurfsgenese lässt sich aus den Zchngn und Kommentaren des Sechsten Buches rekonstruieren und zeigt, wie er seine Vorstellungen denen des Bauherrn annähern musste, während einige seiner Vorschläge gar nicht umgesetzt wurden. Hier verband er auf völlig neuartige Weise die Typologie des ital. Pal. (quadratischer Hof mit Loggien) mit Eigenheiten des frz. Schlosses (wehrhafte Instrumentierung in Form von Wassergraben, Zugbrücken, Schützenständen in den Kellern, niedrige Geschosshöhen, steiles Satteldach mit Gauben). Trotz der vielen Bezüge auf die frz. Bautradition war der Auftraggeber offenbar sowohl vom klassizistischen Char. seines Schlosses, das sich von allen vergleichbaren Residenzen dieser Zeit absetzte, wie von einigen in Frankreich noch unbek. Motiven angetan. Den Hof gliederte S. mit einer nahtlosen Aneinanderreihung von rhythmischen Travéen, die vom antiken Triumphbögen abgeleitet sind, und folgte dabei Bramantes oberem Belvederehof (im Dritten Buch abgebildet), von dem er sogar das Modulsystem übernahm. Die Proportion von Erdgeschoss zu Obergeschoss im Verhältnis von 4:3 stützt sich auf eine Regel Vitruvs, nach der S. sogar antike Bauten in seinen Zchngn "korrigierte". Gemäß dem Vierten Buch verwendete er im Ehrenhof zum ersten Mal die Superposition von korinthischen und kompositen Pilastern, am Außenbau die Variation der tuskischen bzw. dorischen Ordnung gemäß einer Hierarchie, wie sie bei antiken Mon. vorgebildet und bereits in die Renaiss. eingeführt war (Rom, Cancelleria). Er schuf dadurch in Frankreich ein Fassadenmodell, das bis ins kleinste Detail von rationalen Prinzipien bestimmt war. Bei der inneren Disposition versuchte er, das komplexe Raumprogramm eines frz. Schlosses in ein geometrisch ausgewogenes System zu übersetzen, das sich noch heute, trotz mannigfacher Abweichungen infolge funktioneller Forderungen von Seiten des Auftraggebers, ablesen lässt. Auch ein Teil der hölzernen Kassettendecken und Wandverkleidungen lässt sich S. zuschreiben. Diese zeigen, dass er den Bau in ital. Sinn als Gesamtwerk konzipierte. Die bestechende Präzision der archit. Ordnungen lässt darauf schließen, dass er frz. Handwerker an Hand von großmaßstäblichen Modellen anwies, wie er es später, in einem Brief von 1551, beschreiben sollte (Paris, BN, coll. Dupuy, ms. 728). Der Bau darf als Einzelfall in der europ. Architekturgeschichte gelten und beeinflusste auch frz. Meister wie etwa Pierre Lescot beim Bau des Westflügels des Louvre. Unter Franz I. publizierte S. weitere Bücher seines Traktats. 1545 erschienen bei dem Pariser Verleger Jean Barbé die der Geometrie und der Perspektive gewidmeten Erstes Buch und Zweites Buch, wobei er auf in Italien entstandenes Mat. zurückgriff. In der Einleitung betonte er, dass die Traktate in der "Einsamkeit von Fontainebleau" entstanden seien, wo er sich auf Primaticcios und Vignolas Rat gestützt haben mag. Das Fünfte Buch über den Kirchenbau widmete er 1547 seiner Gönnerin Marguerite de Navarre, die ihm eine jährliche Unterstützung zukommen ließ, und veröffentlichte es in Paris beim Verleger Michel de Vascosan. Mit diesem Traktat versuchte er seinem Gastland klassizistische Protypyen von bescheideneren Kosten und Dimensionen vorzuschlagen, als Alternative zu den aufwendigen Bauten nach gotischem Vorbild wie etwa St-Eustache in Paris, die eine typologische Erneuerung des Sakralbaus verhinderten. In diesen Jahren entstand auch das Ms. des Sechsten Buches über Wohntypologien gemäß dem sozialen Rang seiner Bewohner, in dem er in Italien gesammeltes Mat. mit seinen frz. Bauten und Entwürfen kombinierte und Letztere vielfachen Variationen unterzog. Er ließ davon Hschn. anfertigen, von denen sich Probedrucke erhalten haben (Wien, Österr. NB), die jedoch unvollendet blieben und einen jähen Abbruch des Vorhabens anzeigen. Wahrsch. war es der Tod Franz I. im März 1547, der S.s Bedingungen am Hof in Frage stellte. Im Umkreis des Kardinals d'Este verfasste er weiterhin einen Traktat über das röm. Militärlager nach der Beschr. des Polibius (München, Bayerische Staatsbibliothek). Diese Tätigkeiten, wie auch Mat., das er aus Italien mitgebrachte hatte, verschafften S. Anhänger und Schüler, in erster Linie der frz. Architekt und Stecher Jacques Androuet du Cerceau, der bei ihm lernte, indem er Zchngn kopierte und variierte. Auf diese Weise konnte er sich mit der klassischen Baukunst und deren Wiedererweckung durch die Renaiss. vertraut machen, ohne jemals nach Italien zu reisen. Unter Heinrich II. gestaltete sich S.s Rolle am frz. Hof tatsächlich noch schwieriger. Philibert Delorme wurde zum "surintendant" in Fontainebleau ernannt und verfolgte, trotz seiner Erfahrungen mit der ital. Baukunst und Bewunderung für S., ganz and. Prinzipien. Um sich dem neuen Machthaber zu empfehlen, verfasste S. nun eine neue Version seines Sechsten Buches, wobei er die einzelnen Projekte stärker den neuen stilistischen Tendenzen anpasste. Was die Baupraxis betrifft, konnte er mit einigen renommierten und großzügigen Bauherrn rechnen. Der Kardinal von Tournon beauftragte ihn mit seinem Kollegiums-Gebäude in Tournon (Ardèche) und dem Umbau seines Schlosses von Roussillon (Isère). Die Zunft der Goldschmiede verlieh ihm den Auftrag zum Bau ihrer kleinen Kap. in der Nähe des Chatelet in Paris (Paris, Arch. Nat., N III, Seine 946: Grundriss, Aufrisse, Schnitte), die er im Inneren, Vorbildern Peruzzis folgend, mit abstrakten stuckierten Ordnungen gliederte. Nach seiner Übersiedlung nach Lyon um 1549/50 wurde die Kirche von einem frz. Meister nach einem and. Entwurf vollendet. 1548 hatte S. den Kardinal Ippolito d'Este anlässlich des festlichen Einzugs Heinrich II. nach Lyon begleitet und dort womöglich Kontakte geknüpft. Die Prosperität dieser Stadt, die hohe Verlagsdichte und die große Präsenz seiner Landsleute mögen ihn zur endgültigen Übersiedelung bewogen haben. Dort beschäftigte er sich mit versch. Projekten: Er befasste sich mit der Umstrukturierung einer Parzelle auf der Place des Marchands und machte Entwürfe für eine Wechsler-Loge sowie für das von ihm als Rosmarino bez. Schloss von Lourmarin in der Provence, in dessen Besitz der Edelmann François d'Argoult 1547-48 gekommen war. Ähnlich wie in Ancy-le-Franc schlug er für dieses Schloss eine ital. anmutende Vierflügel-Anlage vor. Blieben die Projekte unausgeführt, so gliederte er die Zchngn dazu seinem Siebenten Buch ein, das 1575 (posthum) in Frankfurt erschien. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen des an Gicht leidenden S. verbesserten sich in Lyon allerdings nicht: 1552 beklagte S. sich in einem Brief an seinen Gönner François II de Dinteville, dass seine Mission in Frankreich gescheitert sei (Paris, BN, coll. Dupuy, ms. 728). Große Beachtung fand sein Extraordinario Libro (Lyon, b. Jean de Tournes, 1551) mit 50 vorbildlichen Portalen, zu dem ihn das gefeierte Rustikaportal des Grand Ferrare in Fontainebleau motiviert hatte. Hier hatte er sich von einem orthodoxen Vitruvianismus gelöst und freierer ornamentaler Formen bedient, wie sie auch in Italien zunehmend üblich waren. Die 1537 geplanten sieben Bde des Traktats waren damit auf neun angewachsen. Entscheidend für die Zukunft des theoretischen Werks war die Begegnung mit dem Künstler-Antiquar, Gelehrten und Sammler Jacopo Strada, der 1551 im Auftrag der Fugger nach Lyon kam und 1553 S. die übrigen Mss. abkaufte: das Siebente Buch über die "accidenti" (Einschränkungen im Verlauf einer Bauplanung), welches der protestantische Verleger André Wechel 1575 in Frankfurt publizierte; den Traktat über die "castramentazione di Polibio"; wie auch die beiden Mss. des Sechsten Buches (New York, Avery Libr.; München, Bayerische Staatsbibliothek), die erst in 1966 und 1978 publiziert wurden. Der gesamte Traktat spiegelt S.s stilistische Entwicklung wider, die vom Erbe der Hochrenaissance zu größerer künstlerischer Freiheit führt, und damit auch ein Spiegel der Entwicklungen in der 1. H. des 16. Jh. ist. Zu seinen letzten archit. Werken zählt der Pavillon de l'Officialité des bischöflichen Pal. in Auxerre für François II de Dinteville, Bischof dieser Stadt, der ihn auch um Entwürfe für eine Kirchenfassade und viell. sogar für das Schloss in Polisy bat. Am 28. Sept. 1552 wurde er mit "12 escuz d'or au soleil" für die Festdekoration anlässlich des Einzugs des Kardinals de Tournon in Lyon honoriert. 1553 mag S. dann nach Fontainebleau zurückgekehrt und dort kurz darauf gestorben sein. Schnell waren neue Ausg. und Übersetzungen seines Traktats entstanden, insbes. des Vierten Buches, z.T. ohne seine Einwilligung. Pieter Coecke van Aelst publizierte den Bd in niederl. (1539), frz. (1542) und dt. Sprache (1543) und förderte so die breite Rezeption in Nordwesteuropa, wo er entscheidend zur Entwicklung von lokalen Klassizismen beitrug. Dank der knappen, ill. Texte erlaubten seine Bücher eine viel einfachere Aneignung klassischer Prinzipien und Formen sowie rationaler Methoden, als es etwa durch mod. Ed. und Übersetzungen des Traktats von Vitruv oder Leon Battista Alberti der Fall war. Trotz zahlr. Neuauflagen, die sich in Spanien bis ins späte 17. Jh. fortsetzten, sollte jedoch Vignolas "Regola delli cinque ordini di archit." (1562), der mit knapperen Legenden auskam, S.s Traktat bald den Rang ablaufen, da jener auf der Baustelle leichter zu handhaben war. - Der Einfluss von S.s Bauten in Frankreich blieb relativ begrenzt, da sie aus Synthesen der ital. und frz. Tradition hervorgingen, die von individuellen Wünschen der Auftraggeber getragen waren, und sich von den gängigen Tendenzen entfernten. S.s Formenvokabular und Entwurfsmethoden setzten sich jedoch durch Pierre Lescot, einen der führenden Hofarchitekten, wie auch Jacques Androuet du Cerceau, Autor eines bed. Werks aus Zchngn und Kpst., bis weit in die 2. H. des 16. Jh. fort. Das gemessene klassizistische Vokabular seiner gebauten Fassaden wich dabei allerdings einer Neigung zu stärkeren Oberflächenreizen, Kontrasten und Dissonanzen, wie er sie in seinem theoretischen Werk noch mitvollzog (Extraordinario Libro und späte Tle des Siebenten Buches). Der Traktat spiegelt die besondere Fähigkeit des Erfassens und Ordnens von exempla gemäß einer Taxonomie wider (einer an der Univ. Bologna verbreiteten Methode), die in der Bestimmung eines festen Formenrepertoires zu einer Kanonisierung führt. Sein Viertes Buch und das Extraordinario Libro wurden in ganz Europa, und durch Portugal und Spanien auch in Lateinamerika, zum Katalysator typologischer und stilistischer Erneuerungsprozesse. Darin liegt noch ein wesentliches Potential der heutigen Forsch.: die Verbindung von ital. Vorbildern und lokalen Trad. auszuloten, um die Aneignung und Anpassung innerhalb eines spezifischen hist. Kontexts zu verstehen. Im Rahmen der Architekturtheorie dienten seine Bücher als Vorbild für zahlr. ill. Vitruv-Ausg. oder Kommentare, in denen gleichfalls Wort und Bild einem stets neuen Wechselspiel von ortsgebundenen Konventionen und neuen Einflüssen unterliegen. Büßten S.s Bücher durch die praktikableren Methoden Vignolas und durch die philologische und archäol. Genauigkeit der Vermessungen in Palladios Traktat an Aktualität ein, so garantierte ihnen das relativ unorthodoxe und anpassungsfähige Handhaben von Modellen und Prinzipien, wie es seine idealisierten Entwürfe widerspiegeln, ein langes Nachleben.

SELBSTZEUGNISSE

M.Rosci, Il trattato di archit. di S.S., Mi. 1966 (Ed. Sechstes Buch, Mss. Bayerische Staatsbibliothek); On domestic archit., ed. M.N. Rosenfeld, Cambridge/Mass. 1978 (Ed. Sechstes Buch, Ms. Avery Libr.); Archit. civile, ed. F.P. Fiore, Mi. 1994 (Ed. Sechstes, Siebtes, Achtes Buch, Ms. München, Bayerische Staatsbibliothek, Ms. Wien, Österr. NB); L'archit., i libri I-VII e extraordinario nelle prime ed., ed. F.P. Fiore, 2 Bde, Mi. 2001

QUELLEN

Thieme-Becker, Vollmer und AKL:

ThB30, 1936

 

Weitere Lexika:

Audin/Vial I, 1918; II, 1919; ELU IV, 1966; Oudin, 1970; DEB X, 1975; DA XXVIII, 1996

 

Gedruckte Nachweise:

W.B. Dinsmoor, ArtB 24:1942(1)55-91, (2)115-154; P.Du Colombier, Études d'art 2:1946, 29-50; C.Gould, JWarburg 25:1962, 56-64; J.Guillaume, Rev. de l'art 5:1969, 9-18; C.Pedretti, in: M.Gemin (Ed.), Tiziano e Venezia, Vi. 1980; C.Thoenes (Ed.), S.S.: Sesto Sem. Internaz. di Storia dell'Archit., Mi. 1989; Y.Pauwels, Rev. de l'art 119:1998, 33-42; S.Frommel, S.S. architetto, Mi. 1998 (frz. Übersetzung P. 2002, engl. Übersetzung Lo. 2003); P.Berardi, Pesaro città e contà 14:2001, 162-170; J.-M. Pérouse de Montclos, Ann. di archit. 13:2001, 71-79; F.P. Fiore, Trattati e teorie d'archit. del primo Cinquecento, Mi. 2002; D.Clot, Bull. de l'Assoc. des Historiens de l'Art Ital. 10:2004, 110-116; S.Deswarte-Rosa (Ed.), Le traité d'archit. de S.S., Lyon 2004; S.Frommel, in: R.Barilli u.a. (Ed.), Arti a confronto, scritti in onore di Anna Maria Matteucci, Bo. 2004; S.Frommel, Materiali e strutture 4:2006, 6-37; J.Onians, Art, cult. and nature, Lo. 2006; M.Vène, Bibliogr. serliana: cat. des éd. imprimées des livres du traité d'archit. de S.S. (1537-1681), P. 2007; F.P. Fiore, in: G.Beltramini (Ed.), Andrea Palladio and the archit. of battle, Ve. 2009; S.Frommel, in: T.Bernatowizc (Ed.), Polska i Europa w dobie Nowozytnej/L'Europe mod.: nouveau monde, nouvelle civilisation?, War. 2009; H.Günther, Zurich studies in the hist. of art 17/18:2010/11, 495-517; S.Frommel, in: Jacques Androuet du Cerceau (K Mus. Nat. des Mon. Franç.), P. 2010; ead., in: P.Lombaerde (Ed.), The notion of the painter-architect in Italy and the Southern Low Countries, Turnhout 2014; S.Frommel, Hist. et civilisation du livre 9:2014, 101-127; É.Faisant, Quad. dell'Ist. di Storia dell'Archit. 63:2014/15, 19-30; S.Frommel, in: K.Deutsch u.a. (Ed.), Höfische Bäder der frühen Neuzeit, B./Boston 2017; ead., in: O.Medvedkova (Ed.), Les Européens. Ces architectes qui ont bâti l'Europe (1450-1950), Bern 2017; R.Tassin, in: S.Frommel u.a. (Ed.), Construire avec le corps humain/Bauen mit dem menschlichen Körper, I, R./P. 2018

 

Onlinequellen:

New York, Avery Libr.: Digital S. Project

 


THIEME-BECKER

Artikel von: L. H. Heydenreich.

Serlio, Sebastiano, Maler u. Architekt, *6. 9. 1475 Bologna (Quartiere S. Tommaso), †1554 Fontainebleau. Sohn e. Malers Bartolommeo S. Ausgebildet als Maler in der Werkstatt s. Vaters; mit malerischen Arbeiten (?) am Rathaus in Bologna beschäftigt (Charvet). 1511/14 als Perspektivmaler in Pesaro erwähnt. 1514-ca 1527 in Rom, wo er bei Bald. Peruzzi lernte, dessen bevorzugter Schüler er gewesen sein muß und mit dem er in enger u. langer Arbeitsgemeinschaft lebte (Serlio, Tratt. lib. IV, proemio); Peruzzi vermachte ihm einen großen Teil s. Nachlasses an Zeichnungen (bes. Aufnahmen u. Studien nach der Antike, aber auch Entwürfe u. theoretische Untersuchungen). Vermutlich zus. mit Peruzzi verließ S. 1527 Rom und ging nach Venedig. Von dort aus Reisen in Istrien u. Dalmatien, wo er antike Kunstdenkmäler vermaß. In ält. Quellen und von S. selbst erwähnte Arbeiten in Venedig (Kassettendecke für die Bibliotheca S. Marco [Serlio, Tratt. lib. IV], Arbeiten am Pal. Bembo-Correr [1533] u. an S. Francesco della Vigna [1531]) sind nicht mehr näher bestimmbar. Michiel (Anmin-10 Morelliano) verzeichnet 1532, daß er einen von S. gemalten architekton. Hintergrund auf einem Bilde des Cariano gesehen habe. In Venedig begann S. mit der Abfassung seiner architekturtheoret. Schriften: als 1. Druck erschienen 1537 in Venedig die "Regole... sopra le cinque maniere degli edifici" (das IV. Buch der späteren Gesamtausg.) mit Holzschnitten, gewidmet Ercole II. v. Ferrara. In Venedig knüpfte S. durch Vermittelung des franz. Gesandten Beziehungen zu-Franz I. an, der ihm nach Überreichung eines Exemplars seiner Schrift 300 Dukaten zur Fortsetzung seines Werkes sandte. Als Dank widmete S. seine 2. Publikation dem König (Serlio, "II Libro terzo... Antichitä di Roma", Venedig 1540). Bald darauf erhielt er eine Berufung nach Frankreich zur Teilnahme am Bau des Schlosses Fontainebleau; Ende 1541 ging er mit s. Familie nach Frankreich und erhielt zunächst Wohnung im Palais des Tournelles in Paris (Serlio, Lib. VII). 27. 12. 1541 Ernennung zum "Peintre et architecteur ordinaire au fait de ses dits édifices et bastiments au dit lieu de Fontainebleau" durch den König mit einem Jahresgehalt von 400 Livres u. 20 Sols Tagesdiäten für Inspektionsreisen (De Laborde a. a. O.). Seine Stellung war ein bloßer Ehrenposten; es gelang ihm nicht, praktisch einen größeren Einfluß auf Entwurf u. Baugestaltung von Fontainebleau zu gewinnen. Seine Anwesenheit in F. dokumentarisch gesichert für folg. Daten; 2. 11. 1542, 18.7. 1544, 22. 2. 1553 (Charvet n. Taufregistern); in den "Comptes des bâtiments du Roi" ist er nur zweimal, 1550 u. o. J., mit ganz minderen Aufträgen genannt (De Laborde a. a. O.1 172/74, 190, 203/04). Wenn die "Comptes" auch nicht vollständig erhalten sind, macht doch die Klage S.s selbst, daß man ihn in F. niemals um auch nur den kleinsten Rat gefragt habe, deutlich, daß er kaum wirksam am Bau tätig war (Serio, Lib. VII). Ältere Zuschreibungen am Schloßbau (Félibien) als falsch widerlegt von Gebelin (a. a. O.). 1547 nach dem Tod Franz' I. verlor S. seine Stellung in F. und mußte Philibert de l'Orme weichen, der Oberleiter des Baus wurde u. alle früheren Planungen u. Anordnungen umstieß; hierauf bezieht sich wohl die Klage S.s (Lib. VII; Dimier, a. a. O. 149). Sein Ruf u. Ansehen am Hofe sanken rasch infolge der einsetzenden nationalen Bewegung in der franz. Kunst (Ducerceau's "épitre au Roy", Livre d'architecture, 1559). Mit dem Kardinal Ippolite d'Este ging S. 1547 nach Lyon, wo er die folg. 6 Jahre verbrachte. Aus dieser Zeit stammen Entwürfe für ein Schloß Romarino in Südfrankreich (Tratt. lib. VII) u. für die Loge du Change in Lyon; beide Bauten nicht ausgeführt. 1552 beteiligte S. sich an den Dekorationsarbeiten für den Einzug des Kardinals von Tournon in Lyon (Charvet, p. 91). In Frankreich führte S. seine schriftsteller. Arbeiten fort. 1545 erschienen in Paris die Bücher über Geometrie u. Perspektive (Bd I u. II d. Gesamtausgabe), 1547 das "Quinto libro" über Kirchenbauten (ebfalls in Paris); 1551 schließlich in Lyon das "Extraordinario Libro" über Rustikaportale. Die gleichfalls in Lyon fertiggestellten Manuskripte für das VI. (Profanbauten) und VII. (Restaurierungen) Buch verkaufte S. an den Antiquar Jac. de Strada, der diese nach S.s Tode druckte (s. u.). Über Materialsammlung z. einem VIII. Buche (über Festungsbauwesen) vgl. unten. Als einziges erhaltenes u. gesichertes Werk S.s Frankreich gilt das Portal des von ihm erbauten Fiedel de Ferrare in Fontainebleau. Glaubhaft zugeschrieben wird ihm der Entwurf zum Schloß Ancy-le-Franc (Sauvageot, Gébelin a. a. O. auf Grund analoger Pläne in seinem Traktat); ebenso ist ein gewisser Einfluß S.scher Gedanken an der "Grotte des Pins" u. am Südfltigel der "Cour du Cheval-Blanc" in Fontainebleau wahrscheinlich (Gébelin, a. a. O.). Falsch dagegen sind die Zuschreibungen Félibiens der Bauten von St-Germain u. Fontainebleau (s. o.) an S. (Richtigstellung bei Gébelin a. a. O.). So wenig S.sich gegen die einheimischen Künstler durchsetzen konnte - ein Entwurf S.s zum Louvrebau scheint v. König zugunsten eines Entwurfs von Lescot abgelehnt worden zu sein (Perrault a. a. O.) - so unbestreitbar ist der große Einfluß seiner theoretischen Werke auf die franz. Architektur: Jean Goujon, sein Schüler Guill. Philandrier, Phil. de l'Orme u. Palissier erwähnen sie mit hoher Anerkennung; ihre Einwirkung auf Bauten der Zeit ist deutlich spürbar (Beauregard, Saint-Jaury (Gébelin a. a. O.1, Louvre [Claude Perraults Äußerung, a. a. O., wo er auch von S.s Einfluß auf Lescot spricht]). S.s wesentliche histor. Bedeutung beruht auf seinen "Sieben Büchern über die Baukunst". Nach den noch zu seinen Lebzeiten erschien. Einzelveröffentlichungen wurden bald nach s. Tode die ersten Gesamtausgaben gedruckt, die starken Absatz fanden. Bis ins hohe 17. Jh. hinein folgte Ausgabe auf Ausgabe, auch in Übersetzungen (lateinisch, spanisch, französ., holl., engl. u. deutsch). - S. ist weder ein bes. begabter noch ein in seinem Schaffen bes. selbständiger oder in seinem Kunstwollen bes. ausgeprägter Architekt gewesen. Er kann vielmehr als ein Liebhaber der Baukunst, als Dilettant im besten Sinne gelten. Das beweist die völlige Uneinheitlichkeit der äußeren u. inneren Form seines Traktats. Als Oberitaliener im 3. Viertel des 15. Jh.s geboren, steht S. noch ganz in dem Stilkonflikt zwischen gotischer Tradition u. moderner Klassik, der das Kunstschaffen des ausgehenden Quattrocento im nördl. Italien kennzeichnet. Dieser Widerstreit spiegelt sich in seinem theoretischen Werk. Programmatisch entscheidet S. sich für Vitruv, d. h. die Klassik, faktisch aber bringt er nur eine - historisch zwar ungemein interessante - eklektische Synthese zustande: einmal steht S., hier Alberti folgend, Vitruv - und namentlich was den Text betrifft - noch freier, quattrocentistischer gegenüber als sein etwas jung. Zeitgenosse Vignola, der der erste Vitruv-Akademiker genannt werden darf. Ferner vermischt S. gleich in seinen ersten beiden Schriften über die antike Architektur antike u. moderne Bauten, weicht also von Titel u. Thema seiner Bücher ab, auch hierin gänzlich unsystematisch vorgehend. - Der Einfluß der "Freien Richtung" in der Cinquecentoarchitektur wird neben dem Bramantes und Raffaels deutlich: in seinen ersten in Venedig erschien. Büchern zeigen sich S.s Entwürfe unverkennbar abhängig von Werken Peruzzis, Jac. Sansovinos u. Sanmichelis. In den in Frankreich gearbeiteten Teilen (Lib. V, VI, VII) stehen Stiltypen der franz. Renaissancearchitektur gleichwertig neben ital. Formen; das Buch uber die Rustika-Portale ist ein wahres Musterbuch für den ital. - franz. Manierismus. - Alles in allem ist S. ein Autodidakt, der sich an Autodidakten wendet ("insegnare a quelli che non sanno", Lib. III, ed. 1551, f. 106). Innerhalb Italiens begegnet S. denn auch schärfster Kritik: Cellini betrachtet ihn mißtrauisch, Donati u. Lomazzo nennen ihn einen Plagiator nach Peruzzi; Lomazzo fügt hinzu, S. habe durch sein dilettantisches Werk mehr Pfuscherarchitekten verschuldet, als er Haare im Bart gehabt habe. Daran ist sicher etwas Wahres; S.s Traktat ist ein architektonisches Laien-Brevier. In seinem Versuch, klassische Norm u. absolute Wertmaßstäbe zu übermitteln, ist S. gescheitert. So war auch in Italien kein Raum für ihn, und er wird zum typischen Wanderkünstler, der im Ausland seinen Ruhm sucht u. findet. Denn gerade aus dem Schwanken zwischen ideal-klassischem Dogma u. antiklassischer Empirie heraus entsteht ein Typen-Musterbuch, wie es seit der Gotik nicht mehr gegeben hatte, und das in seiner phantastischen Reichhaltigkeit gerade außerhalb Italiens von größter Bedeutung werden konnte. Schließlich ist der Traktat S.s für die Historie eine ungemein wertvolle Quelle: 1. in Hinsicht auf die Überlieferung, denn er enthält cinc Unmenge von Bauplanungen seiner Zeit u. älterer Zeiten (z. B. Poggio Reale, Bramantes vatikan. Bauten, Raffael- u. Peruzzientwurfe, oberital. Palast- u. Gartenanlagen, franz. Architekturen u. a.); ferner Anweisungen zur Bühnenaschitektur- u. Dekoration (Lib. 1/11), Gartenanlagen usw. (Schlosser, Burckhardt, Flechsig, Hammitzsch). 2. In Hinsicht auf das Stilproblem der Zeit: Auffassung der Architektur als Monument- u. Raumbau, "Ansicht" und "Distanz" bei der Anordnung von Bauten, Umstilisierung bei Restaurierungen (Verwandlung einer gotischen Palastfront in eine klassische Renaissancefassade). (Diese Probleme noch ungenügend bearbeitet.) 3. In Hinsicht auf den außerital. Renaissancestil (Spanien, Portugal, Frankr., Niederlande, Dtschland, England). Bibliographie der Schriften Serlios: "Regole generali di architettura scpra le cinque maniere degli edifici..." ( - IV. Buch der Gesamtausgabe), Venedig 1537, folio, m. Holzschnitten. Spätere Ausgaben: Venedig, Marcolini, 1540 u. 1544 (z. T. m. Holzschn. von Agost. Veneziano); Nachdruck (mit Buch V) Venedig, Nicolini, 1551; ferner Venedig, Sessa, 1559. Franz. Übersetzung Antwerpen 1545; spanisch (m. d. III. Buch) Toledo 1565. - "II terzo Libro di S. S... (Antichitä di Roma)", Venedig, Marcolini 1540; Venedig, Sessa, 1551; Rampazetto 1562. -,'11 primo Libro di architettura (Geometria)", zus. m. d. "Second° Libro (Prospettiva)". I tal. m. franz. Übersetzung, Paris, Barbé, 1545. I tal. Venedig, Sessa, 1560. - "Il Quinto Libro d'architcttura (Tempi)". Franz. Übersetzung Paris, Vascosan, 1547. Ital., Venedig, Nicolini, 1551, u. Sessa, 1559. - "Extraordinario libro di Architettura... (Porte di Opera Rustica mista)", Lyon, de Tournes, 1551 (1558, 1560). Venedig, Sessa, 1557,- 1558, 1560, 1567 (=Buch VI d. Gesamtausgabe). - "II Sesto Libro", ungedruckt; druckfert. Manuskr. S.s i. d. Staatsbibl. München, Cod. iconogr. 189, u. d. Titel: Della habitatione di tutti li gradi degli homini fuori della città (Teil Il: dentro la città), z. T. verwertet im VII. Buch der Gesamtausgaben u. d. Titel "... edifici, tanto publici, come privati..."). - "II settimo Libro d'architettura (restaurazioni e restituzioni). Aus dem Nachlaß S.s hrsg. v. Jac. de Strada, Frankf. 1575 (Originalms. S.s 1550 in Lyon an Strada verkauft, jetzt in d. Ambraser Stichsmlg des ksthist. Mus.Wien). - "II ottavo Libro d'architettura". über Festungsbauwesen, von S. geplant u. von Strada im Vorwort erwähnt; die Holzstöcke waren schon fertiggestellt. Entwürfe S.s hierzu im Ms. Cod. iconogr. 190 d. Staatsbibl. München. Gesamtausgaben: 1. Quartausgabe der ersten 5 Bücher Venedig, Franc. Senese u. Zuanne Krugher Alemanno, 1566 (m. Holzschnitten des Letzteren). - 2. Vollst. Ausgabe in Quart, sämtl. Bücher, besorgt von Giov. Dom. Scamozzi, Venedig, Franceschi, 1584 (1600, 1618, 1619), Paris 1654. - 3. Übersetzungen: Lateinisch (Buch I-VI) v. Carlo Saraceni, Venedig, Fr. Sanese u. Krugher, 1569, in Folio; Ital. u. Latein., Venedig 1663; Holl. (Buch I-V) v. Pieter Coeke von Aelst, Antw. 1553 u. Adam 1616; Deutsch (Buch I-V) v. Lud. Koenig (?), Basel 1609; Englisch (wie die deutsche nach der holl. Ausg.) v. Rob. Peake, London 1611 (Buch I-V). - Ein Plagiat des S. ist F. Lysers "Architectura oder Newe Practische Baukunst", Frankf. 1672. 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Maggiori, II S., Dialogo. Intorno alla vita e l'opere di S. S., Ancona 1824. 8 82 S. - L. Charvet, S. S., Lyon 1869 (S.-A. aus dess. Verf. Biogr. d'Architectes, Paris 1869). - Handbücher u. Lexika: Bauchal, Nouv. Dict. d. Archit. franç., - G. v. Bezold, Die Batikst d. Renaiss. in Deutschl. Lpzg 1908 (Handb. d. Arch., hg. von Durm, 11/7), p. 100. - Blomfield, A Hist.of French Architect. etc., Lo. 1911. -Burckh ard †, Gesch.d.Renaiss. in Italien, 1867;' Eßlingen 1924. -Gampori, Gli Artisti etc, n. stati Kst., 1855. - Cla usse, Les San Gallo, 1902. - Cittadella, Not. rel. a Ferrara, 1864. - [Correr ed altri,] Venezia e Jesue lagune, 11/2 (1847). - Dehio, Handbuch d. dtsch. Kstdenkm., 4 (1911). - L. Dimier, Fontainebleau (Les Villes d'art cél.), 1911 p. 10ff., 30ff., 37, 151. - [Félibiend Entretiens sur les vies etc., 1785/88, I 263. - E. Flechsig, Die Dekoration d. mod. Bühne in Italien, I (1894) 37, 76/81, 94. - D. Frey, Bramantes St. Peter-Entwurf (Bram.-Studien, 1), 1915. - F. 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