Matta-Clark, Gordon (geb. Matta, Gordon Roberto Echaurren), US-amer. Bildhauer, Installations-, Performance-, Film-, Fotokünstler, Zeichner, *22.6.1943 New York, †27.8.1978 ebd.
Matta-Clark, Gordon
Sohn von Roberto Matta und Anne Clark (1950 verh. Alpert). Halbbruder von Pablo Echaurren. Patenkind von Alexina und Marcel Duchamp. Nach der bald nach seiner Geburt erfolgten Trennung der Eltern wächst M. zus. mit dem Zwillingsbruder John Sebastian bei der Mutter auf, hält aber durch mehrere längere Aufenthalte in Chile und Frankreich auch Kontakt mit dem Vater. Stud.: 1962-68 School of Archit., Cornell Univ., Ithaca/N.Y.; 1963-64 Sorbonne, Paris (frz. Lit.). Während der Studentenunruhen im Mai 1968 ist M. erneut in Paris, wo er sich u.a. mit der Theorie der Situationisten um Guy Debord und mit dem Dekonstruktivismus v. Jacques Derrida auseinandersetzt. Ebenfalls 1968 konzipiert M. die erste, dem Andenken des gerade verstorbenen Paten gewidmete Performance Memorial for M.Duchamp (Cornell Univ.) und die temporäre, in die freie Natur eingreifende Installation Rope Bridge (Ithaca Reservoir). Im Rahmen der vom Andrew Dickson White Mus. of Art, Ithaca/N.Y., veranstalteten Ausst. Earth Art assistiert er 1969 Jan Dibbets und Dennis Oppenheim bei der Ausf. ihrer Land-Art-Installationen "A Trace in the Wood in the Form of an Angle of 30 Degrees Crossing the Path" und "Beebe Lake Ice Cut". V.a. aber die gleichzeitige Begegnung mit Robert Smithson (1938) prägt M.s künftige künstlerische Praxis in entscheidender Weise, was sich v.a. in der akribischen Dokumentation eig. Projekte, Interventionen und Performances durch Filme, Fotogr., Zchngn und schriftliche Aufzeichnungen manifestiert. 1969 zieht M. nach New York, wo er zus. mit einigen weiteren jungen Künstlern für die Schauspielerin, Kunstsammlerin und spätere Galeristin Holly Solomon und deren Ehemann einen nicht kommerziellen Ausst.- und Veranstaltungsraum im Gebäude 98 Greene Str. einrichtet. Gleichzeitig konzipiert er versch. performative und installative Arbeiten, die sich mit der künstlerischen Transformation alltäglicher Objekte oder Stoffe beschäftigen (z.B. Photo-Fry, 1969, eine Ser. von gebratenen und mit Blattgold belegten Polaroid-Fotogr. v. Christbäumen in Geschenkschachteln; Garbage Wall, 1970, Manhattan, St. Mark's Church, eine Performance, bei der eine Schutzwand aus Abfall-Mat. errichtet wird). In den frühen 1970er Jahren kooperiert M. häufig mit weiteren Vertretern der jungen alternativen Kunstszene von SoHo, wobei er bei Planung und Ausf. der Projekte meist eine führende Funktion übernimmt. So unterstützt er etwa 1970 Jeffrey Lew bei der Einrichtung der alternativen 112 Greene Str. Gall. und gründet zus. mit Tina Girouard, seiner damaligen Lebensgefährtin Carol Goodden, Suzanne Harris und Rachel Lew das Restaurant Food, das 1971-73 zugleich als Raum für Kommunikation und experimentelle Performances dient. Wohl primär zur einfacheren Abgrenzung zum Werk des berühmten Vaters verwendet M. von 1971 an den Doppelnamen Matta-Clark. 1971 beteiligt er sich an den Vorbereitungen des mon. Land-Art-Projektes "Valley Curtain", das Christo (1935) im Aug. 1972 in Colorado realisiert. M.s eig., z.T. fast alchemistisch anmutende Performances und interventionistische Projekte dieser Zeit umfassen u.a. Kochprozeduren (Pig Roast, 1971, Brooklyn Bridge) oder Experimente mit Wachstum und biochemischen Prozessen (Cherry Tree; Winter Garden: Mushroom and Waistbottle Recycloning Cellar, beide 1971). Aufsehen erregt 1971 M.s Ablehnung der Teiln. an der Bien. von São Paulo, ein Boykott, den er in einem offenen Brief als Protest gegen die damals in Brasilien herrschende Militärdiktatur begründet. Im Gegensatz zur trad. Land-Art nutzt M. für seine Aktionen und Interventionen vornehmlich den urbanen Raum, etwa bei den Arbeiten Open House (1972; ein Industriecontainer in der Greene Str., in den mit Hilfe von Abfall-Mat. versch. Räume eingebaut werden) oder Clockshower (1973; eine Performance, bei der sich M. in schwindelnder Höhe auf dem Clocktower in Downtown Manhattan wäscht, rasiert, die Zähne putzt). Viele dieser ephemeren Werke und Aktionen im öff. Raum werden in ihrem Verlauf nun systematisch in Fotogr. und Filmen dokumentiert. 1973 gründet M. zus. mit Laurie Anderson, T.Girouard, Jene Highstein, Richard Landry und einigen weiteren Künstlern die Anarchitecture Group. Ihr Name, der programmatisch eine Verbindung zw. den Begriffen Archit. und Anarchie impliziert, weist auf eine kritische, nach konkreten Alternativen suchende Auseinandersetzung mit der zeitgen. funktionalistischen und standardisierten Baukultur US-amer. Großstädte. In diesem Kontext entwickelt M. rasch ein eig. bildnerisches Vokabular der subversiven Destruktion. Mit Schnitten und Perforierungen, Splittings und Cuttings greift er unmittelbar in die Bausubstanz verlassener, verfallender oder zum Abriss bestimmter Gebäude ein. Die ersten dieser Interventionen in bestehende archit. Kontexte entstehen in der Illegalität, auf nächtlichen Streifzügen durch aufgelassene Lagerhallen auf den Piers in der Nähe des eig. Lofts (z.B. Pier In/Out, 1973). Auf einer Italienreise realisiert M. 1973 ähnliche Projekte in Genua (A W-Hole House, Gall. Forma), Sestri (A W-Hole House: Rooftop Atrium and Datum Cut) und Mailand (Infraform, in aufgelassenen Kaufhäusern in der Nähe der Piazza Garibaldi). Die bekannteste dieser Arbeiten gestaltet M. 1974 in Englewood/N.J., wo ihm Holly und Horace Solomon ein von ihnen erworbenes, zum Abbruch vorgesehenes Wohnhaus zur Verfügung stellen. Bei dieser Aktion Splitting teilt er das typische US-amer. Vorstadtsiedlungshaus durch einen mittig gesetzten vertikalen Schnitt durch sämtliche strukturellen Oberflächen in zwei Hälften. In einem zweiten Arbeitsschritt schrägt M. auf einer Seite des Gebäudes das Fundament soweit ab, dass sich durch ein leichtes Kippen dieser H. der Schnitt von unten nach oben keilförmig erweitert. Schließlich entfernt er unterhalb des Daches vier gleich große Ecksegmente, die er als freistehende Fragm.-Skulptur Splitting: Four Corners neu arrangiert (heute im MMA, San Francisco). Neben zahlr. Fotogr., Fotocollagen, Zchngn, einem Buch und einem Film ist diese Arbeit das einzige tatsächliche Relikt der archit. Transformation. M.s Interventionen in bestehende archit. Strukturen erweisen sich zunächst als Akte zerstörerischer Destruktion. Im Laufe dieses (im Sinne Martin Heideggers oder J.Derridas) destrukturierenden bzw. dekonstruktivistischen Prozesses aber entsteht letztlich eine gänzlich neue Konstruktion. Rein formal betrachtet, transformiert M. hierbei Archit. in Skulptur, wobei durch die präzise geplante Setzung der Cuttings, Splittings und Openings zugleich dreidimensional-räumlich ausgreifende Zchngn entstehen. Mit der Ser. der sog. Cut Drawings (1972-76), geometrisch-konstruktivistischen Einschnitten in geschichtete Papierstapel oder Karton, überträgt er dieses bildnerische Prinzip schließlich aus dem archit.-skulpturalen Raum auf die Fläche. V.a. mit den Arbeiten Conical Intersect (1975) und Office Baroque (1977) realisiert M. noch zwei weitere spektakuläre mon. Archit.-Interventionen. So treibt er in dem von dem Experimentalfilm "Line Describing a Cone" (1973) des Expanded-Cinema-Pioniers Anthony McCall inspirierten, im Rahmen der Bienn. von Paris entstandenen Werk Conical Intersect einen konisch geformten, horizontal gelagerten Schnitt durch zwei Abbruchhäuser und schafft so einen Durchblick auf das unweit gelegene, gerade im Bau befindliche Centre Pompidou. In Office Baroque arbeitet sich M. ohne Öffnung der Außenmauern mit Halbkreisschnitten und kreisförmigen Durchbrüchen durch fünf Stockwerke im Inneren eines ehem. Handelshauses in Antwerpen. Der Versuch, dieses "dekonstruierte" und in eine lichtdurchflutete, begehbare archit. Skulptur transformierte Gebäude nach dem frühen Krebstod des Künstlers 1978 als Mus. zu erhalten, scheitert jedoch, sodass auch diese archit. Intervention wie alle and. ephemeren Werke M.s heute nur noch in Zchngn, Fotogr. und Filmen nachvollzogen werden kann. - M.s Schaffen, das u.a. einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Entwicklung der dekonstruktivistischen Archit. - bes. von Frank O.Gehry - genommen hat, ist jenseits aller formalen Überlegungen stets auch ges.-politisch intendiert. In gleichsam utopischer Manier strebt sein Prinzip der Anarchitecture nicht nur nach der Zerstörung vorhandener archit. und urbaner Komplexe, sondern zugleich nach der Schaffung neuer konstruktiver ges. Strukturen. Die Kritik am funktionalistischen Städtebau, am kapitalistischen Spekulantentum und an dem daraus resultierenden allmählichen Verfall ganzer Wohnviertel, wie sie sich etwa auch in der provokativen Foto-Installation Window Blow-Out (1976) äußert, bei der M. eigenhändig die Scheiben des Ausst.-Raumes mit einem Gewehr zerschossen hat, geht für ihn einher mit der Schaffung neuer, alternativer und kooperativer Einrichtungen wie nichtkommerziellen Gal., offenen Kommunikationsräumen oder auch seinem Food-Restaurant-Projekt. M. ist zugleich einer der ersten Künstler, der sich ernsthaft mit zeitgen. Graffitis auseinandersetzt, sie als kreative Zeugnisse einer urbanen Subkultur versteht und in die eig. künstlerische Praxis integriert (Ser. Photoglyphs, 1975). Nicht zuletzt verweist sein Werk auf alternative Lebensweisen, z.B. auf mit der Natur in Einklang stehende energetische Behausungen aus Bäumen, die er sowohl in Zchngn (Energy Drawings, 1972-73) als auch in Performances (Tree Dance, or Tree House, 1971-72) imaginiert. Es ist v.a. diese Kunst und ges. Leben miteinander verknüpfende Praxis, die M.s interventionistische Kunst bis in die Gegenwart für zahlr. jüngere Künstler immer wieder vorbildhaft erscheinen lässt.
Wallspaper, N.Y. 1973; Splitting, N.Y. 1974; M./J.R. Kirshner, Circus, the Caribbean Orange, Chicago 1978; G.Moure (Ed.), M. Works and collected writings, Ba. 2006; Art cards, Brooklyn, N.Y. 2014 (Texto en accion, 8).
Einzelausstellungen:
New York: 1969 John Gibson Gall.; 1990, '94 Holly Solomon Gall.; 2005 Queens Mus. und White Columns (K); 2007 Whitney (Retr.; Wander-Ausst.; K) / 1978 (Künstlerbuch), '85 (Retr.; K), 2011 Chicago, MCA / 1978 San Francisco, Art Inst. (K) / 1979 Düsseldorf, StKH (K) / 1986-87 Mönchengladbach, StM Abteiberg (Retr.; Wander-Ausst.; K) / 1992-93 Valencia, IVAM Centro Julio Gonzàlez (Wander-Ausst.; K) / 1993 Paris, Jeu de Paume (Falt-Bl.) / 1994 Dresden, GG NM (Falt-Bl.) / 1997 Wien, Generali Found. (K) / 1997-98 Los Angeles, MAK Center for Art and Archit. (K) / 2004 Frankfurt am Main, Portikus (K) / 2006 Madrid, CARS (K); San Diego (Cal.), Mus. of Art (mit R.Matta; K) / 2011 London, Barbican AG (mit L.Anderson und Trisha Brown; K) / 2012 Barcelona, MAC / 2013 Venedig, Fond. Querini Stampalia (mit R.Matta und P.Echaurren; K) / 2022 Salzburg MMK Mönchsberg / 2023 Genf, MMCA. -
Gruppenausstellungen:
1974 New York, 112 Green Str. Gall.: Anarchitecture / 1977, '97 Kassel: documenta / 1980 Venedig: Bienn. /1999-2000 Münster, Westfälisches LM für Kunst und Kultur-Gesch.: Food (K).
Weitere Lexika:
ContempArtists, 1983; Künstler. Kritisches Lex. der Gegenwartskunst, Ausg. 48, H. 29, M. 1999; R.Kostelanetz, A dict. of the Avant-Gardes, N. Y. 22000; R.Mißelbeck (Ed.), Prestel-Lex. der Fotografen, M. u.a. 2002; J.M. Marter (Ed.), The Grove enc. of Amer. art, 3, N.Y./Ox. 2011
Gedruckte Nachweise:
H.Böhringer, Moneten, B. 1990; U.Bischoff/H.Kronthaler, Dresdener Kunst-Bll. 38:1994(3)88-93; S.Breitwieser (Ed.), White Cube/Black Box, W. 1996; ead. (Ed.), Reorganizing structure by drawing through it. Zchng bei M. (K), W./Köln 1997 (WV der Zchngn); D.Corbeira (Ed.), ¿Construir... o deconstruir?, Salamanca 2000; P.M. Lee, Object to be destroyed, C., Mass. u.a. 2000; C.Diserens (Ed.), M., Lo. 2003; S.Jenkins (Ed.), City slivers and fresh kills. The films of M., S.F. 2004; S.Walker, M. Art, archit. and the attack on modernism, Lo./N.Y. 2009; B.Jenkins, M. Conical intersect, Lo./C., Mass. 2011; H.von Amelunxen u.a. (Ed.), M., Moment to moment: Space, Nü. 2012; P.Muir, M.s Conical intersect, Farnham u.a. 2014
Archive:
Montréal, Canad. Centre for Archit.: M. arch.
Onlinequellen:
Website Gal. David Zwirner