Ulrichs, Timm, dt. Konzept-, Objekt- und Performancekünstler, selbsterklärter "Totalkünstler", Hochschullehrer, *31.3.1940 Berlin, †29.4.2026 ebd. Seit 2008 verh. mit der Künstlerin Ursula Neugebauer.
Ulrichs, Timm
1959-66 Stud. der Archit. an der TH Hannover (abgebrochen), gleichzeitig erste künstlerische Konzepte, u.a. 1961 Gründung der Werbezentrale für Totalkunst & Banalismus mit "Zimmer-Gal. & Zimmer-Theater", 1969 der Kunstpraxis (Sprechstunden nach Vereinbarung). 1969/70 Gast-Prof. HBK Braunschweig; 1972-2005 Prof. für Bildhauerei und Totalkunst KA Münster. Teiln. an zahlr. Ausst., u.a. 1977 an der documenta in Kassel. Ausz.: 1968 Förderpreis für Lit. des Niedersächsischen Kunstpreises; 1977 Kritikerpreis für Bild. Kunst des Verb. der dt. Kritiker, Berlin; 1980 Kunstpreis der Stadt Nordhorn; 1983 Kunstpreis der NORD/LB, Hannover; 1985 Karl-Ernst-Osthaus-Preis der Stadt Hagen; Will-Grohmann-Preis der AK Berlin; 1988 Konrad-von-Soest-Preis (Westfälischer Kunstpreis, Münster); 1998 Niedersächsischer Kunstpreis Bild. Kunst; 2001 Niedersächsischer Staatspreis; 2007 Preis der Helmut-Kraft-Stiftung zur Förderung der Bild. Kunst, Stuttgart; 2009 mfi (management für immobilien AG)-Preis für Kunst am Bau (Versunkenes Dorf, München); 2020 Käthe-Kollwitz-Preis AK Berlin. - Als Künstler Autodidakt; erste künstlerische Anregungen im Archit.-Stud. durch den Prof. für Malen und Zeichnen Kurt Sohns. Das Buch "Vision in Motion" von László Moholy-Nagy (Chicago 1947), das Bauhaus, Suprematismus und De Stijl, Dada und Surrealismus werden zu wichtigen Vorbildern, namentlich Raoul Hausmann, René Magritte, Man Ray und der in Hannover allgegenwärtige Kurt Schwitters. Auf erste serielle Grafiken (1960) folgen bald seriell geordnete Buchstaben und Wortkonstruktionen, die der Konkreten und Visuellen Poesie zuzurechnen sind (u.a. publ. in: M.Bense/E.Walther [Ed.], T.U. Lesarten und Schreibweisen, St. 1968; E.Gomringer [Ed.], Konkrete Poesie, St. 1972). Gleichzeitig entsteht 1961 U.s Idee, sich selbst als Erstes lebendes Kunstwerk auszustellen. Der Versuch der Realisierung bei der Juryfreien Kunstausstellung Berlin 1965 scheitert offiziell aus formaljuristischen Gründen; die Ausst. findet 1966 in der Gal. Patio in Frankfurt am Main statt. U. setzt damit Marcel Duchamps Idee des Readymade fort und scheitert ebenso wie jener 1917 mit "Fountain" beim Versuch der Präsentation in einer angeblich juryfreien Ausst.; U.s Antrag auf Eintragung beim Amtsgericht Hannover ins Musterregister als "lebendes Kunstwerk" wird 1968 hingegen bewilligt. Das erste öff. Bekenntnis zu Schwitters ist die Vermählungsanzeige mit Anna Blume an dessen 80. Geburtstag (20.6.1967) in der Hannoverschen Allg. Zeitung. Die während des Stud. verf. Sprachspiele und Reflexionen werden häufig erst sehr viel später bildnerisch umgesetzt (das zeigt sich auch an den Dat. mit mehreren Jahresangaben), sie bilden die Grundlage seiner "Totalkunst", die aus Objekten, Szenen, Lsch., Expeditionen, "Totalpoesie", "Totalmusik" und "Totaltheater" besteht. Seine Werke sind "konkrete, materiale, serielle, visuelle, kinetische Texte, Bilder, Gegenstände und gehören zu seiner interdisziplinären, integralen, transitorischen Kunst, der Permanent-Kunst, Instant Art, Placebo Art, Basic Art, Ideen-Kunst, Ich-Kunst, Kopf-Kunst, Körper-Kunst, Naturkunst oder Panaristik" (lt. eig. Biogr., Holeczek, 1982, 10). U. betont bis heute, dass der Begriff "Totalkunst" auch die Forderung von Joseph Goebbels nach dem "totalen Krieg" bloßstellt und ad absurdum führt. Die Aktion Zettel ankleben verboten!, bei der U. Zettel mit diesen Worten überall in der TH Hannover anklebt, und and. Manifestationen führen 1964 zur zeitweisen Relegation und sind vergleichbar mit der 1968-2010 entstandenen Ser. Fotografieren verboten mit Fotogr., auf denen ein solches Schild zu sehen ist (Publ. und Ausst. Biel 2011). Von den ab 1961 entstandenen visuellen Texten wie ordnung - unordnung werden zehn 1969 als Siebdruck (Mappenwerk Weiter im Text) ed.; sie zählen zu U.s meist verbreiteten Arbeiten. Zu den Sprach-Arbeiten zählen auch Anagramme wie Natur - Unrat (1967/71) oder der Film IKON - KINO (1969/79; 24 Bilder/Permutationen pro Sekunde). Die Identität von Sprache und Sache findet sich im Würfel mit den sechs Buchstaben W, Ü, R, F, E, L (1964) sowie im Objekt Concrete Poetry (1972/73), bei dem die Lettern der beiden Worte aus Beton gegossen sind. Auf die elektrische Laufschrift ...eine Tautologie ist eine Tautologie ist ... (1969/70; 2010 auch in LED realisiert) folgt die Homage to Gertrude Stein (1972/77), deren berühmten Satz "A rose is a rose is a rose" U. als Objekt mit zunehmendem Abstraktionsgrad realisiert. Die Beschäftigung mit dem Ich (dem Lebenden Kunstwerk), führt zu Werken wie Die weißen Flecken meiner Körperlandschaft (1969) mit den eingerahmten Teilen seines Körpers, die er nie direkt sehen kann, oder Selbst-Porträt (1970/71), beim dem auf einem rechteckigen Stück Lw. "T.U.s Körperoberfläche" mit "18360 cm²" angegeben ist. Er lässt sich tätowieren: auf dem Oberarm mit seiner Sign. (1962/71), auf der Brust mit einer Zielscheibe (1971/74), auf dem rechten Augenlid mit dem Schriftzug The End (1970/1981; ein dazugehöriger Film von 1990/97 zeigt 60 "End"-Einstellungen und Schlussbilder klassischer Filme sowie die Tätowier-Aktion), am Bein mit dem Copyright-Vermerk © by Timm Ulrichs (2005). Die Negativform seines Körpers befindet sich in einem bronzenen Würfel (T.U.: in Würfelform, 1980/89/97; Hagen/Westf., Osthaus-Mus.), von einem weiteren Abguss (Im Sockel - vom Sockel, 1981/90) wird ein Negativ hergestellt und in der Künstler-Nekropole Kassel in die Erde gelassen, so dass nur noch die Fußsohlen sichtbar sind. Im Kopf der Bronze (mit Glasabdeckung) wird sich später seine Asche (und die seiner Frau) befinden (T.U.: auf der Unterseite der Erdoberfläche, 1972/80/90). Bereits von 1969 stammt der Grabstein mit dem Spruch Denken Sie immer daran, mich zu vergessen (Kalkstein; Hagen/Westf., Osthaus-Mus.). Im weitesten Sinne als Body-Art zu bezeichnen sind auch die lebensgefährlichen performativen Werke wie T.U., den Blitz auf sich lenkend, 1977/7 (im Gewitter mit einem am nackten Körper befestigten kupfernen Fangstangenrohr); Der Findling, 1978/80/81 (Gal. Nordhorn; 10 Stunden in einem passgerecht ausgehöhlten Granitstein); Skylla und Charybdis (1978; Abano Terme; U. bewegt sich zw. zwei unter Strom stehenden Lötzinn-Leitungsdrähten mit den Worten "sich das leben holen - sich den tod nehmen"). Zum Thema "Ich, immer ich" (Film-Anthologie, Neuenhaus, KV Grafschaft Bentheim, 2004-05) gehören auch die von U. in Auftrag gegebenen versch. Beschattungen, u.a. durch eine Detektei (T.U., beschattet, 1970/71) und durch die Polizei (Schuß und Gegenschuß, 1970/93); Letztere ist filmisch dok., ebenso Durchsicht: durchs Ich. Eine endoskopische Reise (1971/2004; ein knapp 90-minütiger Stummfilm zeigt mit Hilfe einer verschluckten Mikrokamera das Innere von U.). Eine weitere Werkgruppe bilden die 1964-91 geschalteten Zeitungsannoncen (z.T. dok. im Kat. zur Ausst. Die Zeitungsannonce als Kunstwerk, Bonn, Gal. Magers, 1974); die Annonce Möchten Sie einen berühmten Künstler zum Freund? (22.9.1973) wird am 30.7.1975 in der TV-Sendung "aspekte" des ZDF wiederholt (bei positiver Antwort erhält der Absender eine vierseitige von U. ausgefüllte und sign. Urkunde); sie dokumentiert auch U.s immer wieder formulierten Wunsch, berühmt zu werden. Daneben beschäftigt sich U. mit versch. Transformationen. Bei der Aktion übersetzung-translation-traduction von 1968/74/75 lässt U. den Brockhaus-Eintrag zum Stichwort "Übersetzung" nacheinander in 25 Sprachen und wieder ins Dt. übersetzen (publ. Hn. 1975); bei Geld/Wechsel/Geld (1968/78) wechselt U. 100 DM nacheinander in 20 versch. Währungen und zum Schluss wieder zurück, es bleiben nur 6,75 DM übrig. Weitere Ser. sind die 25 Bildrückseitenbilder (1968) und die 1978 beg. Ser. Kunst & Leben (quadratische Ausschnitte von Abb. aus Pornoheften mit Kunstwerken im Hintergrund). Bei Möbelskulpturen wird das Möbel zum handelnden Subjekt (Erster sitzender Stuhl, 1970) oder seiner eigtl. Aufgabe beraubt (S.Gimignano, 1983/86). Dazu gehört auch die Foto-Ser. mit aus Pappe gestalteten Möbeln von Obdachlosen (1993-98; vgl. T.U. macht mobil, FiB. 1999 [K]). 2000 präsentiert U. im öff. Raum in München 20 ausgewählte und arrangierte Gehäuse für Denkmäler und Brunnen (Kunstplattform Ecke Luisen-/Elisenstr.), die die Wahrnehmung von Sichtbarem und Unsichtbarem und damit das Umhüllen, Verhüllen und Enthüllen thematisieren (vervollständigt durch Bildpaare [Fotogr. von Neugebauer] der Denkmäler und ihrer Umhüllungen in einer Ausst. und Publ. [FiB. 2000]; vgl. U.s Text Verhüllung und Enthüllung von 1968, abgedruckt ebd.). Vergleichbar ist das Thema der Camouflage oder Tarnung, das U. seit den 1960er Jahren auf vielfältige Weise verfolgt (und damit sehr viel länger als Andy Warhol, dessen Camouflage-Ser. von 1986 stammt). Visualisierte Statistiken ziehen sich ebenfalls durch das Gesamtwerk. Die Lieblingsfarben der Deutschen von 1977/79 wird 2006/09, modifiziert zu Die Lieblingsfarben der Niedersachsen, als Kunst-am-Bau-Projekt im Neubau der VGH Versicherungen in Hannover realisiert (Wandverkleidung mit monochrom lackierten MDF-Platten in elf versch. Farben, nach dem Zufallsprinzip angeordnet). Ein weiteres großes Kunst-am-Bau-Projekt ist Versunkenes Dorf in München-Fröttmaning (2004/06), ein Duplikat (Beton, Kalkzementputz, Silikatfarbe) der aus dem 13.Jh. stammenden Hl.-Kreuz-Kirche, die urspr. zus. mit dem Dorf Fröttmaning unter einer Mülldeponie begr. werden sollte und nun neben diesem inzwischen begrünten Müllberg steht. U. lässt das im Maßstab 1:1 erb. Modell in den Berg hineinbauen und inszeniert so ein Untergangspanorama. Die für den öff. Raum geplanten Skulpturen Erdachse (Entwurf 1979) und von null bis unendlich (Entwurf 1986) werden 1999 auf dem Bahnhofsvorplatz in Magdeburg bzw. 2018 auf dem Marktplatz in Einbeck realisiert. - Die Vielfalt von U.s Arbeiten und das dadurch fehlende "Markenzeichen" sowie der umfangreiche Einsatz von (dt.) Sprache hat bisher internat. Aufmerksamkeit behindert, obwohl es sich bei U. um einen Künstler handelt, "der fast alles vorweggenommen zu haben scheint, was an künstlerischen Ideen in den letzten dreißig Jahren in Umlauf kam" (L.Seyfarth in K Hannover 2010, 149).
Eig. Schr. gelistet in K Braunschweig 1975, K Lüdenscheid 1980, Holeczek, 1982; spätere in versch. Ausst.-Kat. publiziert.
Einzelausstellungen:
1965 Frankfurt am Main, Gal. Patio (K) / Hannover: 1969 Ed. H; 1984 StG Kubus (K); 2002, '10 Sprengel Mus. (K); 2009 VGH gal. (K); 2010 KV (K) / 1970 Wien, Gal. nächst St.Stephan; Krefeld, Mus. Haus Lange / 1971 Wiesbaden, SM / 1973 Bielefeld, KH / Celle: 1973 KV (K); 2007, '20 KM mit Slg Robert Simon / 1975 Braunschweig, KV (K) / 1976 Modena, Gall. Civ. / 1980 Lüdenscheid, StG (K); Nordhorn, StG / 1984 Ludwigshafen, Wilhelm-Hack-Mus. (K) / 1991 Recklinghausen KH (K) / 1993 Essen, KV Ruhr (K); Iserlohn, StG (K) / 1994 Budapest, Ludwig-Mus.; Siegen, Siegerland-Mus. (K) / Berlin: 1997 Neue Ges. für Bild. Kunst (K); 2020 AK (K); Haus am Lützowplatz (K) / 1999 Freiburg im Breisgau, Gal. Blau (K) / 2000 München, Kunst-Plattform und Foyer des Kulturreferats (K) / 2001 Antwerpen, Middelheim-Mus. / 2004, '09 Fellbach, StG (K) / 2007 Graz, Mus. der Wahrnehmung (K) / 2009 Sofia, City AG / 2010 Waldenbuch, Mus. Ritter (K) / 2012 Wunstorf, Meerkunstraum (K) / 2012 Ingolstadt, Mus. für Konkrete Kunst (K) / 2015 Buchholz in der Nordheide, KV; Cuxhaven, KV; Jesteburg, Kunststätte Bossard; Neuenkirchen, KV & Stiftung Springhornhof (ein K) / 2020 Worpswede, Heinrich-Vogeler-Mus. / 2020-21 Düsseldorf, Slg Philara / 2021-22 Bremen, Weserburg MMK / 2023 Ahlen, KM (K). -
Gruppenausstellungen:
2022 Bonn, KM: Welt in der Schwebe (K).
Weitere Lexika:
ContempArtists, 1983; Künstler. Kritisches Lex. der Gegenwartskunst, Ausg. 20, M. 1992; Delarge, 2001; R.Kostelanetz, A dict. of the avant-gardes, N.Y./Lo. 22001; Schweers III, 2008
Gedruckte Nachweise:
W.Herzogenrath (Ed.), Selbstdarstellung, Dd. 1973; B.Holeczek, T.U., Bg. 1982; J.Raap, Kunstforum Internat. 126:1994(4)295-327; L.Wiesing, Phänomene im Bild, M. 2000; S.Bartelsheim, Pflanzenkunstwerke, M. 2001; M.Reichelt, Kunstforum internat. 157:2001(5)391; T.U., Die Druckgrafik (ed. N.Nobis), Hn. 2003 (WV); A.Schnurr, Über das Werk von T.U. und den künstlerischen Witz als Erkenntnisform, Norderstedt 2008; M.Stoeber, Kunstforum internat. 206:2011(1)258-263; 304-307; H.G. Schütz, Von der zweifelhaften Evidenz des Sichtbaren, Mh. 2012; R.Jelinek, Der Konterfei 05:2014; 016:2015. - Filme: H.-G. Hillgruber, Ich, T.U., ein Ego-Genie, 1981; W.Dresler, Ich kann keine Kunst mehr sehen. T.U., Totalkünstler, 1990; W.Braden, T.U. Versunkenes Dorf, 2007; R.P. Post, Der Totalkünstler, 2018; S.Boecker, Kunstforum Internat. 281:2022(Mai-Juni)269-271; M.Reichelt, Interview ibid. 288:2023(April)224-227; C.Posca, ibid. 291:2023(Sept.-Okt.)228-230
Persönliche Auskünfte:
U.