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Wölfli, Adolf

Geboren
Bowil (Bern), 29. Februar 1864
Gestorben
Bern, 6. November 1930
Land
Schweiz
Geschlecht
männlich
Weitere Namen
Wölfli, Adolf
Berufe
Maler*in; Zeichner*in; Schriftsteller; Komponist
Wirkungsorte
Bern
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Mitglied von
Von
Lüscher, Mario
Zuletzt geändert
14.04.2022
Veröffentlicht in
AKL CXVII, 2022, 30

VITAZEILE

Wölfli, Adolf, schweiz. Zeichner, Maler, Schriftsteller, Komponist, *29.4.1862 Bowil, †6.11.1930 Bern.

LEBEN UND WIRKEN

Wächst in prekären Verhältnissen auf. Arbeitet im Alter von acht Jahren als Verdingkind auf Emmentaler Bauernhöfen, ab 1880 als Knecht und Handlanger in den Kantonen Bern und Neuchâtel. 1883-84 Infanterierekrutenschule in Luzern. 1890-92 Inhaftierung in Bern wegen sexueller Handlungen mit Minderjährigen. 1892-95 als Handlanger tätig, zunehmende soziale Vereinsamung. 1895 erneute Verhaftung wegen versuchter sexueller Übergriffe an einem Kleinkind; nach Schizophreniediagnose Einweisung in die Psychiatrische Klinik Waldau b. Bern, wo W. bis zu seinem Tod interniert bleibt. 1899 beginnt er zu zeichnen, die frühesten erh. Bll. stammen von 1904. 1907-19 wird die Klinik vom Psychiater Walter Morgenthaler geführt, der W.s künstlerische Produktion fördert und begleitet. 1908-12 Niederschrift von W.s umfangreicher imaginärer Autobiografie Von der Wiege bis zum Graab (I-II, Ffm. 1985). 1912-16 entstehen die reich ill. Geographischen und allgebräischen Hefte. Ab 1916 systematische Produktion von Zchngn für den Verkauf. 1917-22 verfasst W. die mit Collagen versehenen Hefte mit Liedern und Tänzen. Ab 1919 Betreuung von W. durch die Psychiaterin Marie von Ries. Morgenthalers Schrift Ein Geisteskranker als Künstler (Bern 1921; frz. Ausg. 1964) wird neben Hans Prinzhorns Bildnerei der Geisteskranken (1922) die Rezeption der Werke psychisch Kranker im dt. Sprachraum entscheidend bestimmen. 1924-28 Niederschrift der Albumm-Hefte; 1928-30 entsteht die letzte Schrift Trauer-Marsch. - W.s lit. und bildnerisches Werk sind nicht voneinander zu trennen; Schrift, Bild und musikalische Notation präsentieren sich in enger Verflechtung, wobei seine lit. Autobiografie auch für die bildnerischen Arbeiten eine zentrale Referenz bildet. Neben den Schriften, die, mit Collagen und Ill. versehen, ca. 25000 Seiten umfassen, entstehen über 1000 Einblattzeichnungen, ausgef. mit Bunt- und Bleistift auf Papier. Nebenbei dekoriert W. Möbel, und 1926 gestaltet er für den Vortragssaal des Neubaus der Klinik Waldau ein großes Wandbild (Memorandumm). Seine unverkennbare Bildsprache gründet in der Verwendung eines stilisierten Formen- und Farbvokabulars, das er in unerschöpflichen Variationen zu ornamentalen Komp. manischer Dichte zusammenstellt, die zugleich eine graf. Umsetzung des titelgebenden Bildthemas leisten. Neben kosmologischen Fantasien schöpft W. thematisch aus der vorwiegend durch ill. Mag. vermittelten Populärkultur, v.a. Reisebeschreibungen, die als imaginäre Geografien und Abenteuergeschichten in endloser Wiederholung verarbeitet werden. Der Rezeption von W.s Werk im Rahmen psychiatrischer Arbeit folgt in den 1930er Jahren die Aufmerksamkeit von Künstlern wie André Breton und Jean Dubuffet, dem Stifter der Lausanner Coll. de l'Art Brut (1976). Harald Szeemanns Ausst. Bildnerei der Geisteskranken 1963 in der KH Bern (K) und die Rekonstr. von W.s Arbeitszelle 1972 auf der documenta in Kassel eröffnen die erweiterte Wahrnehmung von W.s Werk, die 1975 in die Gründung der A.-W.-Stiftung in Bern mündet. Eine Wanderausstellung 1976-80 durch Westeuropa und die USA (zuerst Bern, KM [K]) legt den Grundstein für die internat. Rezeption von Art Brut und Outsider Art, als deren prägendster Repräsentant W. gilt.

WERKE

Aarau, Aargauer Kunsthaus. Basel, KM. - Psychiatrische Univ.-Klinik, Psychiatrie-Mus. Bern, KM. Heidelberg, Slg Prinzhorn. Lausanne, Coll. de l'Art Brut. St. Gallen, KM. Warth, KM Thurgau. Zug, Kunsthaus.

SELBSTZEUGNISSE

Geogr. H. No. 11. Schr. 1912-13, St. 1991; 0 Grad 0/000. Entbrantt von Liebes, =Flammen». Gedichte, Ffm. 1996.

AUSSTELLUNGEN

Einzelausstellungen:

Bern: 1921 Verlagsbuchhandlung Ernst Bircher; 1984 Gal. Stuker (K); 1985, 2008 (K) KM / 1948 Paris, Compagnie de l'Art Brut / 1971, '98 (K), 2018 Basel, KM / 1974 St. Gallen, HM / 1981 Lausanne, Coll. de l'Art Brut / 1982 Berlin, HdK / 1987 Frankfurt (am Main), Städel (K) / 1988 Philadelphia (Pa.), Moore College of Art and Design (Wander-Ausst.; K) / 1990 Aarau, Aargauer Kunsthaus / 1991 Paris, Centre Cult. Suisse (Wander-Ausst.; K) / 1995 St. Gallen, Mus. im Lagerhaus / 2001 Wien, Slg Essl / 2003 New York, Amer. Folk AM (Wander-Ausst.; K) / 2011 Lille, MAC (K) / 2012 Prag, City Gall. (K) / 2014 Maria Gugging, Mus. Gugging / 2017 Kōbe, Hyōgo Pref. MoA (Wander-Ausst.; K) / 2021 München, Villa Stuck. -

 

Gruppenausstellungen:

1930 Winterthur, Gewerbe-Mus.: Kinder- und Jugend-Zchngn / Paris: 1949 Gal. René Drouin: L'Art brut préféré aux arts cult. (K); 1967 MAD: L'Art Brut (K); 1996 Centre Cult. Suisse: Le dernier continent (K) / 1983 Zürich, Kunsthaus: Der Hang zum Gesamtkunstwerk (Wander-Ausst.; K) / Bern, KM: 1987 Die Gleichzeitigkeit des Anderen (K); 2002 Kopfreisen (K); 2008 Der Himmel ist blau & Nackt sein (K) / 1991 Aarau, Aargauer Kunsthaus: Visionäre Schweiz (K) / 2007 Wolfsburg, KM: Präzision und Wahnsinn (K) / 2009 Heidelberg, Slg Prinzhorn: Surrealismus und Wahnsinn (K); Mendrisio, Mus. d'Arte: Harald Szeemann - Il viaggio meraviglioso (K) / 2011 Warth, KM Thurgau: Weltensammler (K); Frankfurt (am Main), Schirn: Weltenwandler (K) / 2013 Linz, LG: Geistesfrische (K) / Lausanne, Coll. de l'Art Brut: 2016 Jean Dubuffets Art Brut (K); 2020 Pathologie du cadre (K).

 

QUELLEN

Weitere Lexika:

Plüss/Tavel II, 1963; BLSK II, 1998

 

Gedruckte Nachweise:

W.Morgenthaler, Ein Geisteskranker als Künstler. A.W., Bern/L. 1921 (erweiterte Neu-Ausg. W./B. 1985; Köln 2021); J.von Ries, A.W., Bern 1946; A.Bader, Wunderwelt des Wahns, Köln 1961; T.Spoerri, Die Bilderwelt A.W.s, Basel 1963; A.Bruhin u.a., A.W. Gelesen und vertont, Z. 1978; E.Spoerri, Der Engel des Herrn im Küchenschurz. Über A.W., Ffm. 1987; B.Hunger u.a., A.W. Portr. eines produktiven Unfalls, Basel 1993; D.Baumann u.a., A.W. Schreiber, Dichter, Zeichner, Componist, Bern 1996; J.Maizels, Raw Creation, Lo. 1996; M.-F. Chanfrault-Duchet, A.W., FiB. 1998; D.Baumann/B.O. Polzer (Ed.), Kopfwelten. A.W., W. 2001 (Sonder-Nr der Zs. Wespennest); J.Maizels, Outsider Art Sourcebook, Radlett 2002; K.Tobler, Hodler, Stauffer, W., Z. 2011; L.Peiry, Coll. de l'Art Brut, Lau. 2012; K.Luchsinger, Die Vergessenskurve, Z. 2016; M.Lusardy u.a., L'Art brut, P. 2018

 

Onlinequellen:

E.Spoerri, in: SIKART Lex. zur Kunst in der Schweiz; Website A.-W.-Stiftung, Bern