Frei zugänglich

Gray, Eileen

Geboren
Brownswood (Wexford), 9. August 1878
Gestorben
Paris, 31. Oktober 1976
Land
Frankreich, Irland
Geschlecht
weiblich
GND-ID
Weitere Namen
Gray, Eileen; Gray, Eileen Kathleen Moray; Gray, Kathleen Eileen; Gray, Kathleen Eileen Moray; Moray Gray, Kathleen Eileen; Smith, Eileen Moray; Smith, Kathleen Eileen Moray (Geburtsname)
Berufe
Architekt*in; Designer*in; Innenarchitekt*in; Kunsthandwerker*in; Lackkünstler*in; Möbelgestalter*in; Teppichweber*in
Wirkungsorte
Paris, Castellar (Alpes-Maritimes)
Zur Karte
Mitglied von
Von
Lang Jakob, Evelyne
Zuletzt geändert
29.04.2024
Veröffentlicht in
AKL LXI, 2009, 73

VITAZEILE

Gray, Eileen (geb. Smith, Kathleen Eileen Moray), irische Architektin, Designerin, *9.8.1878 Brownswood b. Enniscorthy/Co. Wexford, †31.10.1976 Paris. Tochter des Malers und Illustrators James Maclaren Smith.

LEBEN UND WIRKEN

Übernahm 1895 den Namen G., nachdem ihre Mutter 1893 den Adelstitel Baroness G. erhalten hatte. Stud.: 1901-02 Slade School of FA bei Henry Tonks, Philip Wilson Steer und Frederick Brown sowie 1901, '05-07 Lackkunst in der Wkst. D.Charles, beides London; 1902-05 Acad. Colarossi und Acad. Julian, Paris. Ab 1907 ebd. ansässig in 21, rue Bonaparte (mit einigen Unterbrechungen bis zum Tod). Begann in Paris eine intensive Zusammenarbeit mit dem jap. Lackmeister Seizo Sugawara; ab 1910 gemeinsame Lackkunst-Wkst. (11, rue Guénécaud) und zusätzlich Web-Wkst. (17, rue Visconti) mit Evelyn Wyld (bis ca. 1924), in der G. eig. Teppichentwürfe fertigte. 1912 Amerikareise, 1915-17 in London. 1922-30 erneut in Paris; dort eig. Gal. Jean Désert (217, rue du Faubourg-St-Honoré) zum Verkauf ihrer Möbel, Lackarbeiten, Wandschirme und Teppiche. 1921 erste archit. Studien, dann bis 1932 Arbeit als Architektin zus. mit dem rumänischstämmigen Architekten und Archit.-Theoretiker Jean Badovici; danach vorwiegend Architekturprojekte. - Ihre künstlerische Begabung lebte G. zunächst in der exklusiven Lackkunst aus, die sie virtuos beherrschte. Der führende Kunstsammler Jacques Doucet und die reiche Modesaloninhaberin Jeanne Mathieu-Levy, bek. als Suzanne Talbot, waren ihre wichtigsten Auftraggeber. Die Wohnung Talbots an der rue de Lota richtete G. 1918-24 gänzlich neu ein; das geschmackvolle, gleichsam luxuriöse wie schlichte Ergebnis wurde von der Fachpresse als Höhepunkt des Art Déco gerühmt. Für die Verkleidung der Eingangshalle hatte G. die sog. Brickscreens erfunden, aus einzelnen beweglichen Quadern zusammengesetzte Paravents (hier: Brick, schwarzer oder weißer Lack, mit 4, 5 oder 6 Paneelen, 1922-25); diese fungieren sowohl als Möbel als auch als raumdefinierende Elemente. Das 1923 im Salon des Artistes Décorateurs gezeigte Boudoir de Monte-Carlo (1922-23) war ein Meilenstein in G.s Werk: Die multifunktionelle Einrichtung bestach durch die Sachlichkeit und die strenge, kubisch anmutende geometrische Linienführung. Gleichzeitig baute G. in Zusammenarbeit mit Badovici ihre eig. Ladengalerie um: großzügige Verglasung für die Fassade, minimalistische Treppe und Einführung von natürlichem Licht ins Untergeschoss mittels Glasscheiben. Danach zunehmende Hinwendung zur Archit. und mod., industriell hergestellten Mat. wie Chromstahl, Lochblech, Bakelit und Glas. Bei dieser Neuorientierung spielte Badovici eine wichtige Rolle. Er führte G. in die Architektenwelt ein und machte sie mit der frz. (u.a. Le Corbusier, Pierre Chareau) und der holl. (De Stijl) Avantgarde bekannt. Durch fiktive Projekte und das Stud. der Klassiker der Moderne wie Loos und Le Corbusier erlernte G. autodidaktisch das Architektenhandwerk. Praktische Erfahrungen erlangte sie anhand von Umbauten und Renovierungen versch. Ferienhäuser in Zusammenarbeit mit Badovici. 1926-29 baute sie die Maison en bord de mer E 1027 (Kryptogramm von EG und JB) in Roquebrune am Mittelmeer. Das Haus ähnelt einem gestrandeten Ozeandampfer und wurde infolge der zahlr. Publ. (gefördert durch Badovici, der 1923-33 für die Fach-Zs. L'architecture vivante verantwortlich war) zu einer Ikone der Archit. der Moderne. Jeder Raum weist eine optimale Ausrichtung und Belüftung auf; dem Tagesbereich ist eine großzügige Terrasse zugeordnet; der Weg zum und im Haus ist abwechslungsreich und voller Überraschungen, Sichtachsen werden gebrochen, und für jede Tätigkeit gibt es eine adäquate Einrichtung. Für dieses Haus entwarf G. eine Vielzahl zeitloser und praktischer Stahlrohrmöbel, raumsparend und flexibel in der Nutzung. Um diese Zeit baute G. zus. mit Badovici in Vézelay mehrere Wohnhäuser um. 1932 begann G. für sich in Castellar/Alpes-Maritimes, in der Nähe der süd-frz. Küste oberhalb von Menton, einen Ort des Rückzuges zu bauen: das Haus Tempe a Pailla, wo sie nach Fertigstellung 1934 bis 1945 überwiegend lebte. Der introvertierte, mod. Bau mit Flachdach, Dachterrasse, Längsfenster, gestrafftem Grundriss und beweglicher, ausgeklügelter Innenausstattung ist ein Meisterwerk an lebensfreundlichem Funktionalismus. Danach entwarf sie zahlr. zeittypische (u.a. vorfabrizierte und provisorische) Projekte, mit denen sie auf wenig Resonanz stieß und die zumeist unrealisiert blieben: Haus für einen Ingenieur, 1926; Campingzelt, mit Badovici, 1930-31; Haus für zwei Bildhauer, 1933-34; "Maison minimum", Stadthaus in Nizza, viergeschossige Villa, Appartementblock, Hochhaus, Textil-Inst., alle ca. 1935; vorfabriziertes Ellipsenhaus, 1936; Ferien- und Freizeitzentrum, 1936-37 (auf Einladung von Le Corbusier für den Pavillon des Temps nouv. der WA 1937 in Paris entstanden); Maisons de rapport suspendues, ca. 1940; Ort der Meditation "Bastide blanche", 1941; Kultur- und Sozialzentrum, 1946-47. 1954-58 baute G. oberhalb von St.Tropez einen in einem Weingarten stehenden Schuppen zu einem Alterswohnsitz, Lou Perou, um. Bei seiner Fertigstellung war sie 77 Jahre alt und arbeitete zurückgezogen, doch mit ungebrochener Energie an Projekten und Möbelentwürfen. Erst bei der Versteigerung der Einrichtung des Studios von Jacques Doucet 1972 wurde die Öffentlichkeit auf ihre Möbel aufmerksam, weil ihr Wandschirm Le Destin (vierteilig, roter Lack mit Figuren in Silber auf der Vorder- und abstrakten Mustern in Schwarz und Silber auf der Rückseite, 1913) zu einem Rekordpreis verkauft worden war. Gleichzeitig erwachte das Interesse für ihre Stahlrohrmöbel: Das sog. Lota-Sofa (1924), der Transat-Stuhl (sechs Versionen; Gestell meist schwarz lackiert, mit Leder bezogen, 1925-26) und das verstellbare gläserne Beistelltischchen E 1027 (1927) wurden von den Fa. Zeff Aram in London, Ecart in Paris u.a. neu in Serie produziert und erfolgreich verkauft. Zu ihren bed. Möbelkreationen zählen neben den bereits genannten Arbeiten: La Voie lactée (vierteiliger Wandschirm, blauer Lack mit eingelegtem Perlmutt, 1912); Wandschirmserie aus perforiertem Metall mit runden oder quadratischen Löchern (1926-29); Wandschirm aus rauchfarbenem Zelluloid (1930-35); Pirogue-Sofa (Schildpatt und brauner Lack außen, Silber innen, 1919-20; Virginia MFA, Richmond); Monte-Carlo-Diwan (schwarzer Lack, weiße Stuckfüße, 1922); Lota-Sofa mit zwei Lackkuben als Seitenwangen (Matratze mit vier großen Kissen in drei Farbversionen, 1922-25); Sessel Bibendum (Stahlrohr verchromt, weißer Lederbezug, 1929; inspiriert durch das sog. Michelin-Männchen); Barhocker (drei Versionen: ein-, zwei- oder dreibeinig, lackiertes Metall, Ledersitz, 1928-35); Lotustisch (grün und weißer Lack, vor 1917); Tisch Guéridon (schwarzer Lack, zwei runde Tischplatten, quadratische Beine, vor 1917); Bettisch E 1027 (Stahlrohr verchromt, runde Platte aus Glas oder schwarzem Email, 1925-28); Hängelampe Satellite (drei flache Ringe aus Metall, verchromt und lackiert, darin drei aufgehängte Zapfen mit Glühbirnen, 1919-25). Für ihren Beitrag zur Entwicklung der mod. Archit. und des Designs wurde G. 1972 mit dem engl. Ehrentitel R.Designer for Industry ausgezeichnet; ihrem Œuvre wurden mehrere Ausst. gewidmet (u.a. 1972 London, RIBA; 1980 New York, MMA). Sie war Mitgl. der Soc. des Artistes Décorateurs (1919-33), Gründungsmitglied der Union des Artistes mod. (1929) und Ehrenmitglied des R. Inst. of the Architects of Ireland (1973).

WERKE

Bauten: Paris, 21, rue Bonaparte: Renovierung der Wohnung E.G.s, 1930. - Rue Chateaubriand: Innenausbau der Wohnung Badovicis, 1929-31 (mit Badovici). Saint Tropez: Wohnhaus Lou Perou, 1954-58. Samois/Seine: Ferienhaus, 1921-23 (Um- und Ausbau). Vezelay: Haus Battachon/Renaudin, 1926-32 (Umbau und Rest.; mit Badovici). - Haus Badovici, 1927-31 (Umbau und Rest.; mit Badovici). - Künstlerwohnhaus, 1927-32 (Umbau mit Badovici). - Slgn: Edinburgh, Scottish NG of Mod. Art. London, V&A: u.a. Archit.-Zchngn. New York, MMA: Beistelltisch E 1027. Paris, Centre Pompidou. - MAD.

SELBSTZEUGNISSE

L'archit. utilitaire, in: L'archit. vivante 1926(Winter)17-24; E 1027. Maison en bord de mer, in: ibid. 1929(Winter; Sonderheft); La maison minimum, in: L'archit. d'aujourd'hui 1:1930(Nov.)64 ss.; Wohnhaus am Meeresufer bei Cap Martin, in: Der Baumeister 28:1930(10)421-424 (alle mit J.Badovici); Projet pour un centre cult., in: L'archit. d'aujourd'hui 41:1959(82).

AUSSTELLUNGEN

Einzelausstellungen:

1973 Los Angeles, Women's Building, Architectural League of New York / 1979 London, V & A; Edinburgh, Scottish Arts Council Gall. / 1980 New York, MMA / 1994 Cambridge (Mass.), Harvard Univ. Graduate School of Design / 2013 Paris, Centre Pompidou (Retr., K) / 2019 Berlin, AdK. -

 

Gruppenausstellungen:

Paris: 1913 (Debüt), '19, '23, '24, '33 Salon des Artistes décorateurs; 1922, '33 Salon d'Automne; 1930, '31, '55 Union des Artistes mod.; 1937 WA (Pavillon des Temps nouv.); 1976 MAD: Rétr. 1925 / 1922 Amsterdam: Meubles franç. / 1984 Washington (D.C.), NG: The Folding Image. Screens of the 19th and 20th c. / 1989 Stuttgart, Design Center: Frauen im Design (Wander-Ausst.; K) / 2006 Brüssel, De Markten und Berlin: A Room for one's own. Not being located where you're supposed to be (K).

 

QUELLEN

Weitere Lexika:

Wood, 1971; M.Emanuel (Ed.), Contemp. architects, N.Y. 1980; Hatje, 1983; Kjellberg, 1994; M.Byars, Design enc., M. 1994; DA XIII, 1996; Dict. internat. des arts appliqués et du design, P. 1996; N.Pevsner u.a., Lex. der Welt-Archit., Da. 31996; Snoddy, 1996; J.Banham (Ed.), Enc. of interior design, I, Lo./Chicago 1997; ContempDesigners, 31997; Dict. de l'archit. du XXe s., P. 1996; C.Olmo (Ed.), Diz. dell'archit. del XX sec., III, T. 2001; Sanchez, Salon d'automne II, 2006

 

Gedruckte Nachweise:

L'archit. vivante 1924(Winter)27 s., 36; Wendingen 6:1924(Sonderheft); J.Badovici, Intérieurs franç., P. 1925; Mod. Bauformen 36:1937(8); Domus 469:1968(Dez.; Sonderheft); ArchitRev 1972(Aug.)125; 1972(Dez.)357-361; E.G. Pioneer of design (K), Lo. 1973; Archit., mouvement, continuité 37:1975(Nov.)49-56; J.S. Johnson, E.G. Designer 1879-1976 (K New York), Lo. 1979; P.Garner, Möbel des 20.Jh., M. 1980; L'archit. d'aujourd'hui 1980(Sept.)6-9; Casabella 46:1982(480)38-45; B.Loye, E.G., P. 1984; Y.-A. Bois u.a., De Stijl et l'archit. en France (K Paris), Liège/Br. 1985; Duncan, 1986; P.Adam, E.G., Schaffhausen u.a. 1989 (engl. Ausg.: Lo. 1987; mit Möbel-Kat. und Bibliogr.); Archithese 21:1991(4; Sonderheft zu G.); P.Garner, E.G., Köln 1993; B.Colomina, Rev. d'esthétique 29:1996, 135-141; C.Constant/W.Wang (Ed.), E.G. Eine Archit. für alle Sinne (K Dt. Archit.-Mus. Frankfurt am Main), Tb. 1996 (engl. Ausg.; WV, Bibliogr.); Baumeister 94:1997(6)62-67; Irish arts rev. yb. 15:1999; B.Koehler, Archithese 31:2001(3)22-27; S.Ricon Baldessarini, Wie Frauen bauen. Architektinnen Julia Morgan bis Zaha Hadid, B. 2001; G.Kaldewei (Ed.), Kork. Gesch., Archit., Design 1750-2002 (K Delmenhorst), Ostfildern-Ruit 2002; C.Kerner, Die Nonkonformistin, Weinheim 2002; C.Threuter, in: V.Schmidt-Linsenhoff (Ed.), Kunst und Politik. Jb. der Guernica-Ges., IV, Gö. 2002, 49-62; P.Antonelli, Design. Die Slg des MMA (K New York), M. u.a. 2003; K.Dörhöfer, Pionierinnen in der Archit., Tb./B. 2004; C.Threuter, Archit. als Bild. Mod. Künstlerinnen und ihre Wohnhäuser (Habil.-Schr. Trier 2005); C.Constant, E.G., Lo. 2007 (WV; Lit.); elles@centrepompidou. Artistes femmes dans la coll. du MNAM, Centre de création industrielle (K), P. 2009; T.Mars/J.Householder (Ed.), Caught in the act. An anthology of performance art by Canad. women, Tor. 2004; A.Toromanoff, Raising the roof: women architects who broke through the glass ceiling, M./N.Y./Lo. 2021

 

Archive:

Edinburgh, RSA, Arch. of Fac. of R. Designers / London, RIBA; V&A / Paris, MAD.

 

Onlinequellen:

Oxford DNB, 2004; La coll. de design du Centre Georges Pompidou, 2005; Dict. universel des Créatrices, 2023; Dict. of Irish architects 1720-1940, 2024