Rogers, Richard (Richard George), engl. Architekt, *23.7.1933 Florenz, †18.12.2021 London.
Rogers, Richard
Stud.: Epsom, SchA; London, Archit. Assoc. (Dipl. 1959); New Haven, Yale Univ. (1962). Ehrenakademiker der Alfonso X El Sabio Univ., Madrid; Oxford Brookes Univ.; Univ. of Kent; Czech Technical Univ., Prag; Open Univ.; Univ. of Bath. 1962 Eintritt in das Architekturbüro Skidmore, Owings & Merrill. 1963 Rückkehr nach England, Gründung des Kollektivs Team 4 mit Norman Foster, Wendy Cheesewell und Su Brumwell (später Rogers). Diese Gruppe wird zum Synonym der sog. High-Tech-Archit., einer Art strukturellem Expressionismus der spätmodernen Archit., die großzügig High-Tech-Elemente in das Gebäudedesign integriert. Nach der Auflösung des Team 4 (1967) arbeitet R. weiterhin mit Brumwell sowie mit den Architekten John Young und Laurie Abbott zusammen. 1968 wird er mit dem Entwurf eines Hauses und Büros für Humphrey Spender beauftragt. Das mit kunststoffbeschichteten, profilierten metallischen Wandplatten versteifte und ausgefüllte und mittels eines Trockenbausystems gedämmte Außenskelett aus vernietetem Stahl weist auf R.s High-Tech-Gebäude voraus, die er kurz darauf für seine Fertigbau-Systemdesigns entwickelt. Diese Entwürfe leiten über zu seinen ersten Fertigbau-Entwürfen und zur Entwicklung des Zip-Up-Hauses (1968-71). Dessen Konstruktion weist die im Flugzeug-, Boots- und Autobau entwickelte Monocoque-Bauweise auf, bei der Körper und Chassis eine Einheit bilden und die "Haut" des Fahrzeuges ihren eig. Beitrag zur Stabilität leistet. Für das Zip-up-Haus sollten Fußboden, Wände und Dachkomponenten extern in Einzelteilen produziert und vor Ort zu einem etwa 90 Zentimeter breiten und neun Meter langen ringförmigen Segment montiert werden. Die vier Seiten des Segmentes konnten hinsichtlich Farbe, Durchfensterung und Oberflächenbeschaffenheit nach Wunsch gestaltet werden. Außerdem konnte es, je nach Raumbedarf, im Reißverschlussprinzip (zip) mit weiteren Segmenten zu einem theoretisch unendlich langen Rohr verbunden werden. 1971 erhält R. als Partner von Renzo Piano und Gianfranco Franchini den Auftrag zum Bau des Pariser Centre Pompidou, eines Gebäudes, das eine Architekturikone der 2. H. des 20.Jh. und zum Sprungbrett für R.s Karriere werden sollte. In Partnerschaft mit einem Team von Ove Arup und dem irischen Ing. Peter Rice realisierte er ein Projekt, dessen Ausgangsideen darin bestanden, das Mus. selbst in Bewegung zu zeigen und die gesamte Infrastruktur des Gebäudes offenzulegen. Ein an frühere Werke R.s erinnerndes Außenskelett umhüllt das Gebäude und exponiert alle funktionellen und tragenden Systeme, so dass diese verständlich werden und gleichzeitig ein ununterbrochener maximierter Innenraum entsteht. Die Systeme an der Außenseite des Gebäudes sind je nach Funktion in versch. Farben gestrichen: Das Tragwerk und die größeren Lüftungskomponenten sind weiß, die Treppen und Fahrstuhlanlagen silbergrau, Lüftungskanäle blau, Wasser- und Sprinklerleitungen grün, die Elektrik gelb und orange, Schächte und Technikräume des Aufzugs oder Elemente, welche die Bewegung durch das Gebäude ermöglichen, sind rot. Ein markantes Element ist die Rolltreppe an der Westfassade, deren Rohr in mehreren Stufen zum Obergeschoss des Gebäudes hinaufführt und den Besuchern während der Fahrt einen spektakulären Blick auf die Stadt bietet. Das Projekt wird 1977 vollendet. Die Gest. des ebenfalls mit Piano geplanten Hauptsitzes des Möbelherstellers B&B Italia in Como (1973 voll.) gewährleistet ein hohes Maß an Flexibilität. Das Gebäude reflektiert das Interesse des Unternehmens an erweiter- oder rückbaubaren Open-End-Systemen. Das Tragwerk besteht aus Leichtgewichts-Portalrahmen, in die der raumhoch verglaste Bürocontainer eingehängt ist. Zw. beidem ist die Haustechnik untergebracht. 1977 gründet R. mit Marco Goldschmied, Mike Davies und Young die Richard Rogers Partnership. 1985 RIBA Goldmedaille 1986 vollendet er in London das Lloyd's-Building. Ähnlich wie beim Centre Pompidou ist auch hier das Innere nach außen gekehrt: Alle funktionellen Teile sind an der Außenseite platziert, so dass der davon befreite Innenraum in jedem Stockwerk zu einer offenen und flexibel nutzbaren Fläche wird, die mittels Trennwänden umgestaltet werden kann. Der Gesamtbau besteht aus drei Haupttürmen mit jeweils einem angeschlossenen Versorgungsturm, die um ein rechteckiges eindrucksvolles (überdachtes) Atrium herum angeordnet sind, so dass jedes Stockwerk als eine Art Gal. fungiert, die das Atrium überblickt. Die (oberen) Hauptgeschosse des 1993 voll. Kabukicho Tower in Tokio treten aus dem zwölfgeschossigen Baukörper hervor. Die Leerstelle darunter ist mit einem effektvollen gläsernen (Schräg-)Dach ausgefüllt, durch das Tageslicht in einen öff. zugänglichen unteren Bereich mit Restaurants und Bars fällt. Dieses Dach ist am Hauptgebäude aufgehängt. In dem Projekt offenbart sich R.s Interesse an der Eleganz, der Lichtdurchlässigkeit und Anpassungsfähigkeit früher jap. Architektur. 1995 wird das Gebäude des Europ. Gerichtshofes für Menschenrechte in Straßburg vollendet. R. spricht das Wesen der Aufgabe dieses Gerichtes mit einer unmittelbar einladenden, humanen und würdevollen Abfolge von Baukörpern an. Die Eigenschaften der unmittelbaren Umgebung zu berücksichtigen und hervorzuheben ist ein weiteres Hauptziel, ebenso wie die Wirtschaftlichkeit des Gebäudebetriebs. Die beiden Hauptabteilungen des Europ. Gerichtshofes, das Gericht selbst und die Kommission, belegen zwei runde Säle in den Gebäudeköpfen, die mit Edelstahl verkleidet sind und deren sekundäre Tragelemente in grellem Rot herausstechen. In der von Tageslicht durchfluteten Empfangshalle bieten sich den Besuchern weitläufige Blicke. In einem zweigeteilten "Schweif" beherbergt das Gebäude Büros, Verwaltung und die Richterzimmer. 1995 hält R. als erster Architekt Reith-Vorlesungen in der der BBC. 1998 wird im Auftrag der brit. Reg. die Arbeitsgruppe Urban Task Force unter R.s Vorsitz gegr. mit dem Ziel der Unterstützung bei der Diagnose von Problemen im Zusammenhang mit dem Verfall von Städten und der Entwicklung von Lösungen für brit. Städte. Sie mündet in die Veröff. eines Weißbuches mit über 100 Vorschlägen für zukünftige Planer. 1999 vollendet R. den Londoner Millennium Dome. Der festliche, nicht hierarchische Bau mit seinem umfangreichen, flexibel nutzbaren Raum, der sich für Ausst., Vorführungen und vielfältige Eventnutzungen eignet, sollte den Beginn des 21. Jh. markieren. Seine zwölf gelben Stützmasten können als im Jubel erhobene Arme gelesen werden. Die bei aller Kritik an seiner Nutzung erfolgreich umgesetzten Hauptziele des in Partnerschaft mit BuroHappold entworfenen Gebäudes waren Leichtigkeit, Wirtschaftlichkeit und eine kurze Bauzeit. Der Bau löst das Problem der Umhüllung und des Schutzes der einzelnen inneren "Zonen" vor dem nicht vorhersagbaren engl. Wetter. Bedingt durch seine immanente Flexibilität konnte der Bau 2012 auch als Austragungsort für die Olympischen Spiele in London genutzt werden. Ausz.: 1999 Thomas Jefferson Med.; 2000 Praemium Imperiale für Archit., Japan Art Assoc., Tokio; 2001-08 Chefberater für Archit. und Städtebau des Londoner Bürgermeisters; 2006 Stirling Prize. Ab 2007 nennt sich R.s Fa. Rogers Stirk Harbour + Partners. 2006 Beginn des Three World Trade Center (Welthandelszentrum Gebäude Nr 3), New York. 2007 Minerva Medaille; Pritzker Prize. 2008 vollendet R. den Londoner Heathrow Terminal 5. Die Form des Terminals ist eine stützenfreie, weitgespannte "Hülle", die R. zus. mit Arup entwickelt, in der Flexibilität des Innenraums konzeptuell mit dem Centre Pompidou vergleichbar. Das Tragwerk ist in einem elegant gebogenen, schwebenden Dach enthalten, das an seinen Rändern von schlanken Säulen abgefangen wird, um den geforderten hochflexiblen, visuell beindruckenden Innenraum zu erhalten. 2009 Stirling Prize (zum 2. Mal). 2009 vollendet er zus. mit Estudio Lamela den Terminal 4 in Madrid Barajas. Dieser Terminal, der größte Spaniens, besteht aus einer Abfolge paralleler Bereiche. Sie sind jeweils durch Canyons getrennt, die Tageslicht tief ins Innere des Gebäudes einfallen lassen. Das elegante, wellenförmige, mit Bambus verkleidete Dach wird von mittig angeordneten Stützen getragen und ist mit einer Kette aus Oberlichten versehen, durch welche fein abstufbares Licht in die obere Ebene fällt. Die Maßnahmen zur Reduzierung des Energieverbrauches umfassen die Quellbelüftung der Flugsteige, eine niedrigstufige Luftzufuhr in allen Passagierbereichen, extensiven Sonnenschutz an Fassaden und Oberlichten, eine zonale Beleuchtung und Regenwasser zur Bewässerung der Grünanlagen. Dieses Projekt ist exemplarisch für das Spätwerk R.s, der Umweltverträglichkeit in Archit. und Städtebau hohe Bedeutung beimisst. R. Stirk Harbour + Partners unterhält Niederlassungen in London, Shanghai und Sydney.
mit M.Fisher/P.Bairstow, A New London, Lo. 1992; mit A.Power, Cities for a Small Country, Lo. 2000; Urban Task Force, Towards an Urban Renaiss., Lo. 2004; Cities for a Small Planet, Boulder 2008; Archit.: A Modern View, Lo. 2013; mit J.Melvin, R.R.: Inside Out, Lo. 2013.
Einzelausstellungen:
1986, 2013 London, RA / 2009 Madrid, Caixa Forum / 2011 Singapore, Urban Redevelopment Authority. -
Gruppenausstellungen:
New York, MoMA: 2004 Tall Buildings; 2008 Home Delivery: Fabricating the Modern Dwelling.
Weitere Lexika:
ContempArchitects, 31994; DA XXVI, 1996; Dict. de l'archit. du XXe s., P. 1996; M.Poisson, 1000 immeubles et mon. de Paris, P. 2009
Gedruckte Nachweise:
J.Bragstad, Pompidou Center, P. 1983; K.Powell, R.R., Z., 1994; R.Maxwell, AA Files 40:1999(1)54-55; A.Zaera-Polo, Log 4:2005(1)103-106; R.Torday, R.R., Ba. 2007; R.R. and Architects: From the House to the City, Lo. 2010; N.Jackson, The Modern Steel House, Lo./N.Y. 2016; F.Dal Co, Centre Pompidou: Renzo Piano, R.R., and the Making of a Modern Mon., New Haven/N.Y. 2016. - Fernsehfilm: 1995 BBC Reith Lectures
Onlinequellen:
Website Rogers Stirk Harbour + Partners