Trockel, Rosemarie, dt. Objekt-, Installations-, Video- und Konzeptkünstlerin, Grafikerin, *13.11.1952 Schwerte/Westfalen, lebt in Köln.
Trockel, Rosemarie
T. wuchs als mittlere von drei Töchtern des techn. Zeichners der Dt. Bundesbahn Josef T. und dessen Frau Ruth in Leverkusen-Opladen auf. 1971 begann sie an der Pädagogischen HS Köln zunächst ein Lehramtsstudium in den Fächern Biologie, Mathematik und Theologie, an das sich 1974-78 ein Stud. im Fachbereich Kunst und Design an der 1971 neu gegr. FHS Köln anschloss, wo sie bei Werner Schriefers Malerei studierte. 1980 lernte sie die Architektin und spätere Galeristin Monika Sprüth kennen, mit der sie Reisen in die USA unternahm; dort machte sie Bekanntschaft mit den Künstlerinnen Jenny Holzer, Barbara Kruger und Cindy Sherman. In Köln war T. mit den Mitgl. der Künstlergruppe Mülheimer Freiheit befreundet. 1998 erhielt sie eine Prof. an der Staatl. KA Düsseldorf, 1995 wurde sie Mitgl. der AK Berlin, 2012 der Nordrhein-Westfälischen Akad. der Wiss. und der Künste sowie der AK der Welt in Köln. Ausz.: 1989 Ströher-Preis, Frankfurt am Main; 1991 Fruhtrunk-Preis, Akademieverein München; 1998 Staatspreis des Landes NRW, Düsseldorf; 2001 Kulturpreis, Köln; 2004 Wolfgang Hahn-Preis der Ges. für Mod. Kunst am Mus. Ludwig, Köln; 2006 Westfälische Ehrengalerie; 2008 Kunstpreis der Landeshauptstadt Düsseldorf; 2010 Peter Weiss-Preis der Stadt Bochum; 2011 Kaiserring der Stadt Goslar; 2014 Roswitha Haftmann-Preis, Zürich. Im Kunstkompass des Manager Magazins rangierte T. 2013 und '19 unter den ersten fünf Plätzen auf der "Weltrangliste der lebenden Künstler". - In ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung zeigte T. 1985 im Rheinischen LM in Bonn "Bilder, Skulpturen und Zchngn". Der lapidare Titel täuschte programmatisch darüber hinweg, dass die in der Ausst. gezeigten Kunstwerke alles and. als klassisch waren. In einem regalhohen Display zeigte T. Gefäße und Köpfe, die in ihrer seriellen Auslage an Waren erinnerten, sowie erstmals Bilder, bei denen sie Strickgewebe großformatig auf Keilrahmen spannte. Durch Mat., Motive sowie die Form der Präsentation kontextualisierte T. ihre Arbeiten insbes. als Objekte des Designs, der Mode oder femininer Praxis. Gleichzeitig stellten diese Arbeiten aber auch zitathafte Bezüge zu bek. Größen der bild. Kunst her, etwa durch ein versetztes Plus-Minus-Muster zu dem Italiener Niele Toroni, durch das monochrome Blau zu Yves Klein, durch auf Ablagen präsentierte Objekte zu dem Amerikaner Haim Steinbach, durch das Motiv des gestreiften Markisenstoffs zu dem Franzosen Daniel Buren oder in der Anlage vieler Zchngn zu Joseph Beuys. T.s konzeptuell angelegtes Œuvre entwickelte sich von da aus hinsichtlich der von ihr eingesetzten Motive, Mat. und Techniken äußerst vielgestaltig. Es entstanden zahlr. unabgeschlossene Werkgruppen (Strickbilder und Wollarbeiten, Videos und Kurzfilme, Tonskulpturen und Masken, Zchngn, Objekte, Raumarbeiten und Installationen, Siebdrucke und Hschn., Fotoserien und Leuchtkästen, Ed. und Künstlerbücher, Kleidung und Möbel oder Häuser für Tiere), auch zu einzelnen Motivkomplexen wie etwa Herde, Tiere, Gefäße, Brigitte Bardot, Paare, Ei, Fleck, Mode oder Familie. Die Strickbilder wurden in den 1980er Jahren zu einer Art Markenzeichen der Künstlerin. Bei diesen computergenerierten, maschinengestrickten Werken nutzte sie motivisch zunächst einfache Satzzeichen (Plus-, Minus- oder Anführungszeichen) und geometrische Muster (Streifen, Karo, Wellenlinie), um dann Logos wie Wollsiegel oder das Playboy-Bunny im Rapport anzulegen. Es folgten klassische Stoffmuster wie Pepita, Hahnentritt, Vichy, Argyle oder Glencheck und schließlich Signets (Hammer und Sichel, Hakenkreuz, Marlboro Man), Schrift (Made in Germany, Sprechblasen) oder Flecken (Rohrschach) als Motive mit politischen, kommerziellen, soziologischen oder psychologischen Konnotationen. T. löste in einer konzeptuell-ikonoklastischen Geste gegen E. der 1980er Jahre dieses künstlerische Identifikationsmerkmal spielerisch selbst wieder auf, wenn sie etwa das Mat. des Stoffgewebes aus Wolle oder Nylon, das auch als Siebdruck auf transparentem Plexiglas angelegt wurde, wieder zerstörte: So weisen die Stoffe Fehlstellen durch rhythmisierte Perforierungen, durch Schnitte in den Bildträger (Lucio Fontana), durch Motten (Tiere) oder strategisch aufgerissene Löcher (Mode) auf. Mit Herde kam 1987 ein umfangreicher Motivkomplex hinzu. Aus einbrennlackierten Stahlblechplatten stellte T. Objekte her, auf die einzelne Herdplatten montiert wurden. So entstanden aus diesen für den Haushalt industriell gefertigten Mat. minimalische Wand- und Bodenskulpturen, die in vielerlei Variationen schwarze Punkte auf weißen Körpern zeigten. 1994 wurden in Genf und Wien erstmals T.s seit der Studienzeit entstandene Filme als eig. Werkgruppe vorgestellt sowie in Neapel eine fotogr. Ser. mit Porträts von Hunden in Frontal- und Profilansicht gezeigt, bei der die Künstlerin in formaler Hinsicht den medienkritischen Fotoarbeiten von Thomas Ruff eine Reverenz erwies. 1995 entstand in Kooperation mit dem mus. in progress in Wien beauty, das Projekt einer Plakatierung als Intervention im öff. Raum, bei dem die Gesichter von elf Frauen und einem Mann durch Spiegelung von jeweils nur einer Gesichtshälfte erzeugt wurden. Ein erstes Haus für Tiere entwarf T. 1993 mit dem - artgerechten - Hühnerstall, der in der Gal. Hufkens in Brüssel gezeigt wurde. In Zusammenarbeit mit dem Künstler Carsten Höller (1961) entstanden später weitere Installationen für Tiere, so die Arbeit Mückenbus, das Projekt Haus für Schweine und Menschen für die documenta 1997 in Kassel oder der Pavillon Augapfel - ein Haus für Ratten und Tauben für die Expo 2000 in Hannover. In den drei Sälen des Dt. Pavillons präsentierte T. 1999 auf der Bienn. Venedig eine dreiteilige Videoinstallation mit den Filmen Sleeping Pill, Kinderspielplatz und Auge. In den folgenden Jahren entstanden weitere raumgreifende Installationen, wie das animierte Kabinett s.h.e. (2000, '05, '10, '12) oder As far as possible (2012). Vermittels einer konzeptuellen Herangehensweise entwickelte T. eine Form von Kunst als Fragestellung, bei der es inhaltlich auch um eine Analyse von Strategien zur Behauptung von Macht innerhalb des Kunstbetriebes sowie der Ges. geht: Dabei werden z.B. Mat. wie Wolle, Motive der Küche (Herdplatten, Kacheln), des Textildesigns (Musterentwürfe für Stoffe) oder der Kleidung (Strickmützen, Pullover, Strumpfhosen) mit männlich-dominierten, arrivierten Kunstformen konfrontiert, seien es große Werkformate, das Prinzip der Serialität oder eine minimalistische Formgebung, um damit Stereotype und Gesetzmäßigkeiten des Denkens und Handelns sichtbar werden zu lassen, gemäß T.s Auffassung: "Die Kunst arbeitet an der Forts. der Politik mit and. Mitteln" (T./Drateln, 1988).
T./D.v.Drateln, Kunstforum Internat. 1988(93)212; T./W.Dickhoff, Jedes Tier ist eine Künstlerin, Lund 1993; Löffel + Mirabelle, Köln 1995; Pro Test: Manus Spleen 2, Köln 2002; T./M.Steinweg, Duras, B. 2008; T./H.Michaux, Die Hölle wird Wolle, B. 2012.
Einzelausstellungen:
1983 Bonn, Gal. Philomene Magers / 1983, '84, '86, '92 Köln, Gal. Monika Sprüth / 1988 New York, MoMA (K) / 1991-92 Boston, The Inst. of Contemp. Art (K Wander-Ausst.) / 1994 Wien, MAK (K) / 1998-99 Hamburg, KH (K Wander-Ausst.) / 2000 München, Lenbachhaus (K) / 2005 Köln, Mus. Ludwig, und Rom, MAXXI (K) / 2010-11 Basel, KM, Kpst.-Kab. (K Wander-Ausst.) / 2010 Zürich, KH / 2012-13 Madrid, MNCARS (K Wander-Ausst.) / 2015 Bregenz, Kunsthaus (K) / 2018 Malmö, Mod. Mus. (K). -
Gruppenausstellungen:
1987 London, Tate Modern: Art from Europe / 1989 Bonn, KV: Das Verhältnis der Geschlechter (K); Köln, Mus. Ludwig: Bilderstreit (K) / 1991 Berlin, Martin-Gropius-Bau: Metropolis (K) / 1994 São Paulo: Bien. / 1995 Paris, Centre Pompidou: Feminin-Masculin / 1996 Rotterdam: Manifesta 1 / 2007 Münster: Skulptur Projekte (K) / München: 2015-16 Mus. Brandhorst: Paint. 2.0 (K); 2023 PM: Textile Welten (Begleitheft) / 2020 Hamburg, KH: Trauern (Begleitheft) / 2022 Bonn, Bundes-KH: Das Gehirn in Kunst & Wiss. (K) / 2024 Potsdam, Kunsthaus Minsk: Soft Power / Wien: 2023-24 MAK: HARD/SOFT - Textil und Keramik in der zeitgen. Kunst; 2025 Albertina Modern: Remix (K); 2026 Albertina: Care Matters (K) / 2025 Neuss, Langen Found.: Slg Ringier (K).
Weitere Lexika:
Dunford, 1990; Käthe, Paula und der ganze Rest, B. 1992; DA XXXI, 1996; Künstler - Kritisches Lex. der Gegenwartskunst, 43. Ausg., M. 1998; I.F. Walther, Künstler-Lex., in: Kunst des 20. Jh., II, Köln u.a. 1998; Delarge, 2001
Gedruckte Nachweise:
C.Delisse, Durch 1990(8/9)151-180; G.Theewen, R.T. Herde, Köln 1997 (WV Herde, Lit., Ausst.); KölnSkulptur 3 (K Skulpt.-Park), Köln 2001; W.Becker, Streit-Lust - for argument's sake (K Aachen), Köln 2001; F.Fetzer, Du - Zs. für Kultur 2002(725)62-68; I.Goetz u.a., R.T., Ha. 2002; I.Graw/R.T., Artforum 2003(7)224-225; A.Husslein-Arco (Ed.), Vision einer Slg (K MdM Salzburg), M. u.a. 2004; R.T. Menopause, Köln 2005 (WV Wollarbeiten, Lit., Ausst.); Diagnose [Kunst] (K Ahlen/Würzburg), Köln 2006; 40jahrevideokunst.de, I (K Karlsruhe, ZKM), Ostfildern 2006; C.Gonnard/E.Lebovici, Femmes artistes, artistes femmes, P. 2007; C.v.Pape, Kunstkleider, Bielefeld 2008; Number Two: Fragile (K Düsseldorf, Julia Stoschek Coll.), Ostfildern 2009; elles@centrepompidou. Artistes femmes dans la coll. du MNAM, Centre de création industrielle (K), P. 2009; P.Bosetti, Art 2010(5)101; M.Seidel, Kunstforum Internat. 281:2022(Mai-Juni)264-266; D.Gregori, ibid. 294:2024(März)272-273; J.Restorff, ibid. 304:2025(Juli/Aug.)218-220.
Onlinequellen:
Dict. universel des Créatrices, 2024