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Turrell, James

Geboren
Los Angeles (California), 6. Mai 1943
Land
Vereinigte Staaten
Geschlecht
männlich
GND-ID
Weitere Namen
Turrell, James; Turrell, James Archibald
Berufe
Installationskünstler*in; Lichtkünstler*in
Wirkungsorte
Flagstaff (Arizona), Oxford (Maryland)
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Von
Heid, Birgitta
Zuletzt geändert
12.11.2025
Veröffentlicht in
AKL CXI, 2021, 45

VITAZEILE

Turrell, James (James Archibald), US-amer. Installations- und Lichtkünstler, *6.5.1943 Los Angeles, lebt in Flagstaff/Ariz. und in Oxford/Md.

LEBEN UND WIRKEN

T. wird als Sohn eines Luftfahrtingenieurs und Hochschullehrers in eine Quäkerfamilie geboren. Bereits mit 16 Jahren erwirbt er eine Pilotenlizenz; das Fliegen wird zu einer wichtigen Inspirationsquelle für seine Kunst. 1961-65 Stud. der Mathematik und Wahrnehmungspsychologie am Pomona College in Claremont/Kalifornien. Daneben belegt er Kurse in Astronomie und Geologie, durch die er Anregungen für seine Lichtkunst erhält, sowie in Kunst und Kunstgeschichte. Prägende Erlebnisse sind 1963 eine Marcel-Duchamp-Retr. im Pasadena AM, Claes Oldenburgs Happening "Autobodys" in Los Angeles und John Cages Aufführung seines Stücks "4'33'' am Pomona College. 1965-66 Stud. der Kunst und Kunstgesch. an der neu gegr. Univ. of California in Irvine. 1973 Master of Arts in Kunst, Claremont Graduate School. Stip. und Ausz.: 1974 Guggenheim-Stip.; 1975 Nat. Endowment for the Arts Matching Grant; 1980 Visual Arts Fellowship der Arizona Comm. for the Arts and Humanities; 1981 Lumen Award der New Yorker Sektion der Illuminating Engineering Soc. und der Internat. Assoc. of Lighting Designers; 2021 Praemium Imperiale für Skulptur, Japan Art Assoc., Tokio. - A. der 1980er Jahre gründet T. die Skystone Found. zur Finanzierung seiner Projekte und erhält als deren Gründer 1984 ein Fellowship der MacArthur Found., 1987 einen Preis der Lannan Found. und 1990 einen Preis der Andy Warhol Found. for the Visual Arts. 2014 Nat. Med. of Arts durch den Präs. der Vereinigten Staaten Barack Obama. - Während seines Stud. an der Univ. of California entstehen erste Werke mit Licht als Medium (Lichtskulpturen aus Gasflammen, wohl angeregt durch einen Artikel über Yves Klein). 1966 erste Licht-Arbeit mit einem Hochleistungsprojektor: Afrum, eine Cross-Corner-Projektion aus der Werkgruppe Projection Pieces (1966-69). Inspiriert ist sie lt. T. von dem Lichtstrahl, wie er bei Diaprojektionen in dunklen Vorlesungsräumen der Univ. sichtbar wird. Afrum (später Afrum-Proto betitelt) besteht aus einem durch einen Projektor erzeugten Licht-Rechteck in einer Raumecke, das als über dem Boden schwebender Licht-Kubus wahrgenommen wird. Für diese Ser. entwickelt T. revolutionäre Xenonlicht-Projektoren mit Hilfe des Lichtexperten Leonard Pincus, L.P. Associates, Los Angeles. 1966 mietet T. das ehem. Mendota Hotel an der Main & Hill Str. in Ocean Park/Cal., das ihm bis 1974 als Atelier, Wohnung und priv. Ausstellungsraum dient. Die Räume des Ateliers werden in weiße Boxen verwandelt, Licht und Lärm von draußen abgeschirmt. Er setzt die Projection Pieces mit Cross-Corner- wie auch Single-Wall-Projektionen fort und präsentiert sie 1967 in seiner ersten Einzelausstellung im Pasadena AM (K; der Katalogtext von John Coplans erscheint auch in Artforum). Weitere attraktive Ausstellungsangebote (u.a. Leo Castelli Gall., Pace Gall., Sted. Mus.) lehnt er zunächst ab, um sich intensiver der Forsch. an seiner Lichtkunst widmen zu können. Ab 1968 setzt T. farbiges Licht ein. An die Projection Pieces knüpft die Werkgruppe der Shallow Space Constructions (ab 1968) formal an. Eine Trennwand mit seitlichen Öffnungen wird eingebaut und der Zwischenraum dahinter ausgeleuchtet, so dass Licht die Öffnungen ausfüllt. Der Raum hinter den Öffnungen wird durch das Licht als flach wahrgenommen, es entsteht also ein zu den Projection Pieces gegenteiliger Effekt. Bei der Wedgework Ser. (ab 1969) ist die Trennwand in den Raum hinein verschoben, eine diagonale transparente Lichtwand wird erzeugt. 1968-69 nehmen T. und Robert Irwin an dem vom LACMA organisierten Art & Technology Program teil, ein Kooperationspartner ist das Luft- und Raumfahrtunternehmen Garrett Corporation. Dort arbeiten sie mit dem Wahrnehmungspsychologen Edard Wortz zus., ehem. Mitarb. des NASA Apollo Programms. Sie machen u.a. Versuche mit dem "Ganzfeld", einem Feld aus gleichförmigem Licht, dessen Grenzen außerhalb des Gesichtsfelds liegen. Die Ganzfeld Pieces (ab 1968), die an Überlegungen aus seiner Studienzeit anknüpfen, setzt er 1970 im Mendota Studio fort. Bei diesen Arbeiten erscheint Licht als raumbildende Substanz, in die man eintreten kann. Manche sind als Sequenz angelegt, bei der Raum für Raum durchschritten wird. Die erste Anordnung dieser Art ist City of Arhirit (1976), eine F. von vier Kabinetten im Sted. Mus. in Amsterdam (Ausst. 1976 [K]; von T. reinstalliert im J.T. Mus., Colomé). Beim Betreten des nächsten Raums überlagern sich nachwirkende retinale Reize mit dessen Farbstimmung. Zudem wirkt sich auf die Farbintensität das Tageslicht aus, das über die dahinterliegenden Fenster integriert wird. Die seit 1991 entstehenden Perceptual Cells (Ausst. Düsseldorf, KV für die Rheinlande und Westf., 1992; K) kombinieren das Ganzfeld z.T. mit Klängen, doch ist hier der Raum autonom und mobil. 1969 beginnt T. mit den Mendota Stoppages (1969-74), bei denen das verschlossene Atelier nach außen partiell geöffnet und Licht aus dem umgebenden Raum (Stadt- und Himmelslicht) für seine Licht-"Stillstände" einbezogen wird. Mit ihnen ist die Werkgruppe der Structural Cuts (ab 1974) angelegt, zu denen die Skyspaces (ab 1975) zählen, T.s meistverbreitete und am häufigsten realisierte Arbeiten. Dabei handelt es sich um Structural Cuts, die durch den Schnitt (rund, oval oder rechteckig) in eine Raumdecke entstehen und deren Öffnung vollst. über der Horizontlinie liegt. Indem so der Himmel in die Fläche der Raumdecke integriert wird, thematisiert T. das Zusammentreffen von Innen- und Außenraum. Die Skyspaces haben einen Tag- und einen Nachtaspekt, die eindrücklichste Veränderung ist in der Dämmerung zu beobachten; in dieser Zeit schaltet T. meist farbige Lichtabläufe hinzu. Skyspace I realisiert T. 1975 für Giuseppe Graf Panza di Biumo, seinen wichtigsten Sammler und Förderer, in dessen Villa in Varese, wo sich die Arbeit bis heute befindet; im selben Jahr installiert T. dort noch weitere Werke. Sein zweiter Skyspace ist Meeting, 1978, im PS1 in New York (1986 voll.). Während diese beiden Skyspaces in ein vorhandenes Gebäude integriert sind, erhalten die meisten and. dieser Werkgruppe ein eig. Gebäude. Das Besondere am Skyspace Third Breath (2005, installiert 2009; Unna, Zentrum für Internat. Lichtkunst) ist, dass der obere Raum mit Himmelsöffnung mittels einer Linse mit einem darunter liegenden Raum verbunden ist (Camera Obscura). Ebenfalls im Mendota Studio beginnt er 1969/70 mit Vorarbeiten für die Dark Spaces (ab 1983). Daneben realisiert T. 1970 zus. mit seinem Künstlerkollegen Sam Francis Sky drawings. Nachdem er 1974 das Mendota-Gebäude aufgeben muss, findet T. als neuen, idealen Ort fernab vom Licht der Stadt den Roden Crater, einen erloschenen, ca. 380000 Jahre alten Vulkan auf 1500 m Höhe am Rand der Painted Desert in Arizona, den er 1977 mit Hilfe der Dia Art Found. erwirbt. T. vermisst und erfasst den Vulkan geologisch und konzipiert unter astronomischen Gesichtspunkten Kammern, Gänge und Aussichtspunkte. Von den geplanten 21 Viewing Spaces und sechs Tunneln entstehen bis 2020 die Crater Bowl mit dem Crater's Eye, das East Portal, der Alpha (East) Tunnel sowie der Sun and Moon Space; der South Space ist derzeit (2020) im Bau. Die Anordnung ist im Hinblick auf Himmelsereignisse berechnet, z.B. erscheint auf dem Monolith des Sun and Moon Space alle 18,61 Jahre (z.B. 2006, 2025) das vollst. Bild des Mondes, der dann in seiner südlichsten Deklination genau über der Öffnung des East Portal steht, projiziert mit Hilfe einer Linse über den 340 Meter langen Alpha Tunnel. Auch Werkgruppen wie die bed. Space Division Constructions (ab 1976) entwickeln sich aus den Mendota Stoppages. So wird in der Prado Ser. (ab 1976) dieser Werkgruppe der Innenraum zweigeteilt: Eine H. wird zum Sensing Space, die andere zum Viewing Space. Die Wände des Betrachterraums sind mit seitlichen Spots versehen. Im Sensing Space herrscht diffuses Licht, erzeugt durch die Reflexion der Wände des Viewing Space. Aus der Entfernung wird das Zusammentreffen der Raumteile als rechteckige Fläche, als monochromes Gem. wahrgenommen, das berührbar scheint. Bei der Phaedo Ser. (ab 1980, erstmals installiert in der Leo Castelli Gall. in New York) kommt etwas Außenlicht hinzu. Das natürliche Licht bewirkt geringe Wechsel von Lichtintensität und Farbe. A. der 1990er Jahre realisiert T. drei Space Division Constructions, geplant als Dauerinstallationen, in dt. Mus.: im neu eröffneten MMK Frankfurt am Main Twilight Arch (1991) aus der Prado Ser. (mit UV-Licht; heute im urspr. Zustand deinstalliert); im Lenbachhaus München Side Look (1991) aus der Phaedo Ser. (mit Fluoreszenz- und Tageslicht; mit Abriss des Gebäudetrakts 2009 zerst.); im Sprengel Mus. Hannover ein Projection Piece, eine Space Division Construction, ein Dark Space und eine Perceptual Cell, die seit 1992 Tl der Sammlungspräsentation sind; diese letzteren vom Künstler vor Ort ausgef. und noch erh. Werke sind für die Forsch. von bes. Wert. Arbeiten von Werkgruppen, die einen gesamten Raum einnehmen, sind Lichtschleusen vorgeschaltet, die zum einen kein Licht in die Installation lassen und zum and. das Auge des Betrachters vorbereiten. Beim Dark Space in Hannover, Thought When Seen (1988), gelangt der Besucher z.B. über eine als Rampe ansteigende Lichtschleuse in einen Raum, dessen nur minimales Licht man erst nach ca. 10 Minuten wahrnimmt. 2005 finden mit den Tall Glass Pieces erstmals Wandobjekte Eingang in T.s Werk, bei denen hinter einer Glasplatte Folgen von Lichtfarben verlaufen. Ein weiterer wichtiger Bestandteil von T.s Kunst sind die Fotogr., Zchngn und Modelle, die sein Roden Crater Project vorbereiten und begleiten. Ferner entstehen Druckgrafiken (wie die achtteilige Aquatinta-Serie Still Light) und Zchngn zu Lichtinstallationen sowie wenige Künstlerbücher. - Char. ist in T.s Kunst, dass er das künstliche, techn. erzeugte Licht und das natürliche Licht als künstlerischen Werkstoff einsetzt. Dieses Licht erschließt sich nicht sofort, sondern erst mit Adaption der Augen; erst im Prozess der Wahrnehmung entsteht sein Werk. Licht, das physisch nicht greifbar scheint, macht T. in seiner Kunst anschaulich, in einem Tl der Werke kann man in das Licht regelrecht eintauchen. Haben Künstler seit der Renaiss. in ihren Gem. einen Raum mittels Perspektive möglichst realistisch dargestellt, so löst T. Raum und Perspektive mit Hilfe des Lichts auf. Damit erweitert er den Ansatz abstrakter Maler wie Mark Rothko oder Barnett Newman, in deren Gem. aus reiner Farbe das Licht aus den Bildern zu kommen scheint. In seinen Skyspaces werden der Himmel und dessen Licht Materie seiner Kunst. Vorbilder finden sich auch in Himmelsarchitekturen wie Étienne-Louis Boullées "Kenotaph für Isaac Newton" (1784). - T. zählt zu den ersten Künstlern des 20. Jh., die ortsspezifische Arbeiten entwickeln. Zugleich gehört er neben Irwin, Maria Nordman und Douglas Wheeler zur ersten Generation US-amer. Künstler der Westküste, die Licht als Medium einsetzen. Daraus entsteht die kalifornische Light-and-Space-Bewegung, deren bedeutendster Vertreter er ist. Den umfassendsten Überblick über sein Œuvre bietet das J.T. Mus. im argentinischen Colomé.

WERKE

Berlin, Kap. Dorotheenstädtischer Friedhof. Bremen, KH. Cádiz, Fund. NMAC. Claremont (Cal.), Pomona College MoA. Hobart, Mus. of Old and New Art. Houston (Tex.), MFA. - Rice Univ. Järna, Kulturforum. Los Angeles (Cal.), MCA. München, Munich Re. Naoshima, Chichu AM. New York, Guggenheim. - MoMA. - Whitney. North Adams (Mass.), Massachusetts MCA. Oslo, Ekebergparken. Phoenix (Ariz.), AM. Pittsburgh (Pa.), Mattress Factory. Salzburg, MdM. Tremenheere, Sculpture Gardens. Wien, MAK. Wonju-si, Mus. SAN. Zug, Bahnhof. Zürich, Kinderspital.

SELBSTZEUGNISSE

Dipinto con la luce, Mi. 1998.

AUSSTELLUNGEN

Einzelausstellungen:

1971 Los Angeles (Cal.), LACMA (mit Irwin; K) / 1977 Köln, Gal. Heiner Friedrich / New York: 1980-81 Whitney (K); 1990 MoMA (K) / 1983 Paris, MAMVP (K) / 1991 Poitiers, Le Confort Mod. (K) / 1993 London, Hayward Gall. (K) / 1995 Mito, Art Tower (K) / 1997 Bregenz, Kunsthaus (K) / 1998 Houston (Tex.), Contemp. AM (K) / 2000, '07, '09, '18, '20 München und Zürich, Häussler Contemp. / 2001 Berlin, Dt. Guggenheim (mit Rothko und Klein; K); Scottsdale (Ariz.), MCA (K); Zürich, Haus Konstruktiv / 2002 Pittsburgh (Penn.), Mattress Factory (K) / 2003 Seattle (Wash.), Henry AG / 2009-10 Wolfsburg, KM (K) / 2011 Moskau, Garage Center for Contemp. Cult. / 2014 Varese, Villa Panza (mit Irwin) / 2018 Baden-Baden, Mus. Frieder Burda (K) / 2019-20 Mexiko-Stadt, Mus. Jumex. -

 

Gruppenausstellungen:

1981-82 Humlebaek, Louisiana: Drawing Distinctions (Wander-Ausst.) / 1986 Washington (D.C.), Hirshhorn Mus. and Sculpture Garden: Directions; Los Angeles (Cal.), MCA: Individuals (K) / 1993 Berlin, Martin-Gropius-Bau: Amer. Kunst im 20. Jh. (K Wander-Ausst.) / 2000 Hannover: Expo / 2023 Frankfurt am Main, Kunststiftung DZ Bank: Himmel - Die Entdeckung der Weltordnung (K).

 

QUELLEN

Weitere Lexika:

ContempArtists, 1983; Künstler - Kritisches Lex. der Gegenwartskunst, Ausg. 26, M. 1994; DA XXXI, 1996; R.Kostelanetz, A dict. of the Avant-Gardes, N.Y. 22000; Delarge, 2001; J.Collins, Sculpture today, Lo./N.Y. 2007

 

Gedruckte Nachweise:

Occluded front: J.T. (K MCA), L.A. 1985; Mapping Spaces (K Basel, KH), N.Y. 1987; C.Adcock, J.T. The art of light and space, Berkeley, Cal. u.a. 1990; J.T. First light (K Bern, KM), St. 1991; J.Butterfield, The art of light + space, N.Y. 1993; H.Bruchhausen/B.Holzherr, in: J.T. (K MMA), Saitama 1997; J.T. The other horizon (K Wien, MAK), Ostfildern-Ruit 1999; M.Schwarz, J.T. Slow dissolve, Hn. 2002; U.Gehring, Bilder aus Licht, He. 2006; J.T. Light Inside (K Total MCA und Mus. Shuim), Seoul 2008; B.Heid, Kunstchronik 63:2010(9/10)449-454; J.T. (K Guggenheim), N.Y. 2013; J.T. A Retr. (K Wander-Ausst., Los Angeles, LACMA), M. u.a. 2013; I.Bickmann, Kunstforum Internat. 288:2023(April)320-322. - Film: F.Holzherr/A.Kratzert, J.T. Den Himmel auf Erden, 2013; J.Davis u.a., Kunst der Vereinigten Staaten 1750-2000, B. 2024

 

Onlinequellen:

Website T.