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Frei zugänglich

Chardin, Jean Siméon

Geboren
Paris, 2. November 1699
Gestorben
Paris, 6. Dezember 1779
Land
Frankreich
Geschlecht
männlich
GND-ID
Weitere Namen
Chardin, Jean-Siméon; Chardin, Jean Baptiste Siméon; Chardin, Jean-Baptiste Siméon; Chardin, Jean-Baptiste-Siméon
Berufe
Stilllebenmaler*in; Genremaler*in
Wirkungsorte
Paris
Zur Karte
Von
Zuletzt geändert
13.05.2026
Veröffentlicht in
AKL XVIII, 1998, 222

VITAZEILE

Chardin, Jean Siméon (Jean[-]Baptiste[-]Siméon), frz. Maler, * 2.11.1699 Paris, †6.12.1779 ebd.

LEBEN UND WIRKEN

Sohn des auf Billardtische spezialisierten Kgl. Tischlers Jean C. Taufe am 3.11.1699 in Saint-Sulpice auf den Namen Jean Siméon (nicht Jean-Baptiste Siméon). Über die Ausb. C.s liegen keine zuverlässigen Inf. vor, außer daß er bei Pierre-Jacques Cazes Zeichnen gelernt haben soll. Am 3.2.1724 Aufnahme in die Acad. de Saint-Luc (reçoit ses lettres de maîtrise). Über die dortige Tätigkeit ist nichts bekannt. Allerdings entsteht in dieser Zeit das Aushängeschild für einen Chirurgen, das C. erste Aufmerksamkeit verschafft. Am 27.5.1728 stellt C. mehrere Stilleben während der Expos. de la Jeunesse auf der Pl. Dauphin aus, darunter La raie (Paris, Louvre). Das Bild fällt Mitgl. der Acad. Royale auf, die C. auffordern, sich um Mitgliedschaft an der Kgl. Akad. zu bewerben. Am 25.9.1728 wird er als "Maler mit der Begabung für Tiere und Früchte" aufgenommen, die Akad. erhält La raie und Le buffett (Paris, Louvre) als Aufnahmearbeiten. Wenig später (5.2.1729) verzichtet C. auf seinen Meistertitel an der Acad. de Saint-Luc. Am 15.2.1730 erwirbt Conrad Alexander de Rothenbourg, frz. Botschafter in Madrid und erster Mäzen C.s, eines von insgesamt sechs Bildern. Zu den Sammlern von C.s Bildern zählen auch seine Freunde und Kollegen Jacques-André-Joseph-Camelot Aved, Edme Bouchardon, Charles Nicolas Cochin d. J., Sekretär der Kgl. Akad. und Biograph C.s, Thomas-Aignan Desfriches, Robert Le Lorrain, Jean-Baptiste Lemoyne, Jean-Jacques Le Noir, Jean-Baptiste Pigalle, Jacques-Augustin Sylvestre, Louis-François Trouard und Jean-Baptiste Vanloo, weiterhin der Marquis de Marigny, Superintendent der Kgl. Bauten unter Louis XV, La Live de Jully, Prinz Joseph Wenzel von Liechtenstein, Graf Carl Gustav Tessin, Markgräfin Caroline Louise von Baden, Louis XV, Friedrich II., Katharina II. von Rußland und Louise Ulrike von Schweden. Ebenso besitzt der Kritiker Chevalier Antoine de la Roque, der regelmäßig über C. im Mercure de France schreibt, Bilder C.s. C. heiratet am 1.2.1731 Marguerite Saintard (†13.4.1735), der gemeinsame Sohn Pierre-Jean-Baptiste war ebenfalls Maler. 1731 ist C. als Gehilfe von Jean-Baptiste Vanloo bei der Rest. von Fresken der Gal. François I. in Fontainebleau tätig. Vanloo erwirbt auch das im Mercure de France gelobte bas relief nach einem Bronzerelief von F. Flamand, das C. 1732 zus. mit anderen Stilleben auf der Pl. Dauphin ausstellt, wo er zwei Jahre später erstmals neben vier Stilleben drei Genre-Darst. zeigt. Am 3.8.1733 Geburt der Tochter Marguerite Agnès (†1735). 1735 zeigt C. Genreszenen bei einer Ausst. in der Kgl. Akademie. Auch seit der Neueröffnung des Salons 1737 stellt er bis 1751 fast ausschließl. Genres aus, vereinzelt auch Porträts. Im Mai 1738 erster Stich nach einem Gem. C.s (La Femme occupée à chacheter une lettre; Paris, Louvre), der im Mercure de France angekündigt wird. Seitdem häufige Stiche nach Genrebildern C.s, die weitgehend von Charles Nicholas Cochin d.Ä. ausgeführt werden und maßgeblich zu seinem zeitgen. Ansehen in Europa beitragen. Im Nov. 1740 wird C. dem König in Versailles vorgestellt, dem er die Mère laborieuse und das Bénédicité (beide Paris, Louvre) anbietet, die in die Kgl. Slg im Louvre gelangen. Am 28.9.1743 wird C. zum Rat der Kgl. Akad. ernannt und heiratet am 26.11.1744 die Witwe Françoise Marguerite Pouget, in deren Haus in der 13 rue de Princesse er seitdem wohnt. Die Tochter Françoise Angélique, die am 21.10.1745 geboren wird, stirbt sechs Monate später. 1751 bezahlt der König die im Salon ausgestellte Serinette (Paris, Louvre) mit 1500 Livres, dem höchsten Betrag, den C. für ein Bild erhielt. 1752 werden ihm 500 Livres Kgl. Pension zugestanden. 1753 präsentiert C. neben vier Genrebildern wieder Stilleben im Salon. Bei mindestens drei dieser Stilleben handelt es sich offenbar um sehr frühe Werke (späte 1720er Jahre), was sich durch die verstärkte Nachfrage nach seinen Bildern erklärt, der er aber wegen der zeitintensiven Arbeitsweise nicht nachkommen kann. 1755 wird C. Schatzmeister der Kgl. Akademie. Er ist zunächst in Vertretung für den erkrankten Portail für die Anordnung der Bilder im Salon verantwortlich; nach dessen Tod (1761) wird ihm auch dieses (später durch eine weitere Pension von 200 Livres vergoltene) Amt übertragen. Nachdem C. 1755 lediglich ein bereits bek. bas relief und ein Stilleben ausstellt, zeigt er 1757 und in den nächsten zwölf Jahren, abgesehen von sechs Wiederholungen von Genre-Darst., ausschließlich Stilleben (darunter zwei bas reliefs 1769). 1757 läßt der König C. durch Marigny eine Wohnung "in den Galerien des Louvre" zuweisen. C.s Salonbeitrag 1759 wird erstmals in den Kritiken Diderots erwähnt, der sich bes. anläßlich der im Salon von 1763 präsentierten Arbeiten begeistert zeigt. Durch den Einfluß von Cochin d. J. erhält C. 1764 den Auftrag für drei Sopraporten im Schloß von Choisy. 1765 erfolgt die Aufnahme als Mitgl. an der Acad. des Sc., Belles-Lettes et Arts de Rouen. Es weist jedoch nichts darauf hin, daß C. deshalb Paris verlassen hat. Cochin d. J. verschafft 1766 C. den Auftrag für zwei Sopraporten für den Musiksaal von Schloß Bellevue, und Katharina II. erteilt C. den Auftrag einer großen Sopraporte für den Konferenzsaal der AK St. Petersburg. Abermals ist es Cochin d. J., der 1768 und 1770 Erhöhungen der Pension C.s um 300 bzw. 400 Livres erwirkt. Die Ernennung von Jean Baptiste Marie Pierre zum Dir. der Akad. (1771) beschneidet den Einfluß Cochins als bislang allmächtiger Sekretär der Akad. erheblich, was Konsequenzen für C. zur Folge hat. C. beginnt das Pastell zu nutzen und stellt im Salon von 1771 erstmals Portr.-Pastelle aus, ferner zeigt er zwei bas reliefs 1771 und 1777 sowie ein Genre-Gem. 1773. Insgesamt stellt C. wenigstens 54 Genrebilder (einschließl. der mit bildnishaftem Char.), 14 Portr. (inklusive Pastelle), 8 trompe l'oeils (sämtlich Darst. von bas reliefs) und mindestens 49 Stilleben aus. Einige der Werke zeigt C. mehrmals oder in Wiederholungen. Bilden die Stilleben innerhalb des Œuvres den weitaus größten Anteil, so erscheinen sie jedoch innerhalb des ausgestellten Werkes mit einem deutlich geringeren Anteil. 1774 tritt C. vom Amt als Schatzmeister der Kgl. Akad. und vom Amt des Organisators der Salon-Ausst. zurück, was im Zuge personeller Veränderungen trotz des Protests eine Kürzung seiner Pension zur Folge hat. Im Sept. 1779 nimmt er ein letztes Mal am Salon teil und erhält von Mme Victoire, einer Tochter des Königs, eine goldene Dose als Ausz. überreicht. - Das Œuvre der Gem. C.s dürfte kaum über die von P.Rosenberg (1983) gen. Werke, 173 Stilleben, 111 Genre-Darst., 10 Portr. sowie 9 Pastell-Portr. hinausgegangen sein. Von seinen Bildern hat C. nur einen Bruchteil datiert; die chronolog. Zuordnung der übrigen wird durch die von C. ausgeführten häufigen Wiederholungen und Varianten, überwiegend von Genre-Darst., zusätzlich erschwert. Trotz der unsicheren Datierungslage findet man hinreichend Anhaltspunkte für eine Untergliederung des Œuvres C.s, die sich v.a. durch die Zuwendung zu einzelnen Gattungen innerhalb bestimmter Zeiträume ergibt. In den ersten Jahren der künstler. Tätigkeit C.s dominieren stillebenhafte Darstellungen; in dieser Zeit auch die ersten dat. Bilder (1728). Von 1733 bis 1751 widmet er sich fast ausschließlich dem Genre; aber auch einige hervorragende Stilleben stammen aus diesen Jahren. In den darauffolgenden Jahren beschäftigt C. v.a. das Stilleben; parallel dazu wiederholt er Genre-Darst., einige davon mehrmals. Zw. 1771 und 1779 wechselt er zum Pastell, v.a. für Bildnisse. Die wenigen Zchngn, die C. zugeschrieben werden, zeigen fast ausschließlich Genremotive. - Auch wenn innerhalb der Rezeption C.s Darst. des häusl. Lebens lange im Mittelpunkt standen und die Portr. zu den besten der Zeit gezählt werden, sind es v.a. die Stilleben, die ihn als einen der wichtigsten frz. Maler des 18. Jh. erscheinen lassen. Dabei bleibt die Auswahl der Sujets im ganzen weitgehend der Trad. (holl., fläm. und frz. Stilleben) verhaftet. Allerdings richten sich Wahl und Zusammenstellung der Bildgegenstände zwar überwiegend, aber nicht mehr zwangsläufig nach themat. in sich geschlossenen Sujets wie Küchenutensilien u.ä. C. verwendet zeitgen. Skulpt. als Motive und verstößt mit der Darst. geöffneter Tierleiber (z.B. des Rochen, aber auch von Wildbret) gegen das trad. Ideal des Schönen und den vorherrschenden Geschmack: das Naturhäßliche tritt unter dem Anspruch des Naturwahren neben das Naturschöne. Char. für die Stilleben ist (mit Ausnahme der Sopraporten) der Verzicht auf die bislang übliche Rhetorik der Gattung, sofern diese durch Symbolisierungen oder Allegorisierungen Bedeutungen transportierten. Die Anzahl der (meist alltägl.) Gegenstände nimmt innerhalb der Werkentwicklung ab; ihre Formen werden zunehmend elementarer, wiederholen sich häufig. Die Auswahl des einzelnen Gegenstandes richtet sich nach den Anforderungen des Bildbaus, d.h. seine Formen müssen dem oft streng geometr. Kompositionsgerüst entsprechen wie die Gegenstandsfarben in der kolorist. Gesamtkonzeption aufgehen. Sie markieren in der Entwicklung der künstler. Umsetzung der Maxime von der imitatio naturae eine Position, die als grundlegend innerhalb der Geschichte der Gattung gilt. C. tritt mit der Kohärenzkonzeption der Stilleben in Konkurrenz zu zeitgen. und trad. Bildlösungen der Naturnachahmung, indem die Erzeugung von Einheit von der gegenständl.-symbol. auf die bildliche Ebene verlagert wird: die dargestellten Dinge weniger dadurch ihren Zusammenhalt finden, indem sie sich gemeinsam auf einen bestimmten Teilbereich der Realität beziehen oder den Betrachter an seine Vergänglichkeit gemahnen, sondern indem sie aufgrund der kolorist. Konzeption unterschiedslos in ihrem Erscheinen (als Genese und Vergehen von Dinglichkeit) als Einheit erfahren werden. Der Naturbegriff wird vom Sujet als einer Summe von Einzelobjekten auf das gesamte Bild, seinen "Organismus" transformiert, wodurch auch das Verhältnis der Dinge untereinander neu geordnet wird. Insofern kann von der Verlagerung von der Natur im Bild zur Natur des Bildes, zur "Bildnatur" gesprochen werden. Am bildl. Prozeß von Genese und Vergehen ist der Betrachter aktiv beteiligt, Reproduktion von Wissen wird durch visuelle Erfahrung ersetzt. Mit diesem Verständnis von Bild-Natur, das als "aufklärerisch" bezeichnet werden kann, markiert die Bildkonzeption von C. eine wesentliche Etappe auf dem Weg zur Autonomie des Bildes. Die Stilleben C.s etablieren dabei ein Paradox: In dem Moment, in dem sich die Gattung vollendet, sich am schärfsten gegenüber den anderen Gattungen abzugrenzen scheint, indem sie auf jegliche Partizipation an den "großen Themen" verzichtet, liegt der Keim für ihre Auflösung und die des gesamten Gattungssystems. Dies gilt ebenso für die Genreszenen, insbesondere die Kinderbilder, in denen die Kinder selbstvergessen in ihre Tätigkeiten versunken sind. Das selbstvergessene Schauen der Dargestellten erlangt in den Gem. eine Intensität, die emblemat. Inhalte, wie sie in den Texten zu den Nachstichen zum Ausdruck kommen, völlig in den Hintergrund treten läßt: Die Thematisierung des Vertieftseins in das Sehen als reflexiven Akt mittels der kolorist. Konzeption macht den Übergang zum Bild der Moderne möglich.

WERKE

Alger, MBA. Amiens, Mus. de Picardie. Angers, MBA. Baltimore, Mus. of Art. Berlin, SMPK. - Staatl. Schlösser und Gärten, Schloß Charlottenburg. Besançon, MBA. Bordeaux, MBA. Boston, MFA. Budapest, SzM. Cambridge, The Fogg Art Mus. Carcassonne, MBA. Chartres, MBA. Cherbourg, Mus. Thomas-Henry. Chicago, The Art Inst. Cleveland, Mus. of Art. Den Haag, Mauritshuis. Detroit, The Detroit Inst. of Arts. Douai, Mus. de la Chartreuse. Dublin, NG of Ireland. Edinburgh, NG of Scotland. Florenz, Uffizien. Fort Worth, Kimbell Art Mus. Frankfurt am Main, Städel. Glasgow, Hunterian Mus. and AG, Univ. of Glasgow. - Mus. of Art, Burrell Coll. Gosford House, Slg Earl of Wemyss: Le bénédicité, Öl. Hartford, Wadsworth Atheneum. Houston, MFA. Indianapolis, Mus. of Art. Kansas City, William Rockhill Nelson Gall. of Art, Atkins Mus. of FA. Karlsruhe, SKH. Lille, MBA. London, NG. Los Angeles, County Mus. of Art. - The Armand Hammer Found. Coll. Madrid, Villahermosa-Pal. (Slg Thyssen-Bornemisza). Malibu/Calif., J. Paul Getty Mus. Manchester, Slg George Wyndham. Merion/Pa., The Barnes Found. Minneapolis, Inst. of Arts. Moskau, Puškin-MBK. Muncie/Ind., Ball State Univ. München, BSG. New York, The Frick Coll. - Metrop. Mus. Norfolk/Va., The Chrysler Mus. Oberlin, Allen Memorial Art Mus. Ottawa, NG of Canada. Oxford, The Ashmolean Mus. Paris, Louvre: La raie; Le buffet und ca. 30 weitere Öl-Gem. - Louvre, Cab. des dessins: Autoportrait (Portr. de Chardin aux besicles), Pastell, 1771; Autoportrait (Portr. de Chardin à l'abat-jour), Pastell, 1775; Portr. de Madame Chardin, Pastell, 1775; Autoportrait (Portr. de Chardin au chevalet), Pastell. - Mus. Carnavalet. - Mus. de la Chasse et de la Nature. - Mus. Cognacq-Jay. - Mus. Jacquemart-André. Pasadena, Mus. of Art (The Norton Simon Found., Los Angeles). Philadelphia, Mus. of Art, The Johnson Coll. Pittsburgh, Mus. of Art, Carnegie Inst. Pregny, Slg Edmond de Rothschild. Princeton, Princeton Univ., AM. Rennes, MBA. Rotterdam, BvB. Saint Louis, St. Louis AM. San Diego/Cal., FA Gall. São Paulo, Mus. de arte. Springfield/Mass., Mus. of FA. St.petersburg, Eremitage. Stockholm, NM. Strassburg, MBA. Tatton Park, ehem. Slg Lord Egerton, Nat. Trust. Toronto, AG of Ontario: Le bocal d'abricots, Öl, 1756. Washington, Corcoran Gall. of Art. - NG of Art. - Phillips Collection. Williamstown/Mass., Sterling and Francine Clark Art Inst. Winterthur, Slg Dr. Oskar Reinhart.

SELBSTZEUGNISSE

C. et M. d'Angiviller, Corr. inédite ..., ed. M. Furcy-Raynaud, mit einem Vorwort v. A.Renou, P. 1900; A.Pascal/R. Gaucheron, Doc. sur la vie et l'Œuvre de C., P. 1931.

AUSSTELLUNGEN

Einzelausstellungen:

Paris: 1907 Gal. Georges Petit; 1929 Gal. Pigalle; 1959 Gal. Heim; 1979 Grand Pal. (K mit Biogr., Bibliogr., Ausst.-Verz.) / 1926 New York, Wildenstein & Co. / 1965 Columbus (Ohio), Gall. of FA / 1979 Cleveland, Mus. of Art (K); Boston, MFA (K) / 2010-11 Ferrara, Pal. dei Diamanti.

 

QUELLEN

Thieme-Becker, Vollmer und AKL:

ThB6, 1912 (Lit.).

 

Gedruckte Nachweise:

Allg. Enc. der Wiss. und Künste, L. 1818-89 (Neudruck Graz 1970), Tl 16, 1.Sektion, 158; Enc. Britannica, Lo. 1974, 42-44; Enc. universalis, P. 1980, 461 s.; Kindler, ML II, 1982; LdK I, 1987, 802 s. - Abbé le Blanc, Lettre sur l'expos. des ouvrages de peint. ... de l'année 1747 et en gén. sur l'utilité de ces sortes d'expos. à Monsieur R.D.R., P. 1747; Ch.N. Cochin, Lettre à un amateur en réponse aux critiques qui ont paru sur l'expos. des tableaux, 1751, P. 1881 (Coll. Deloynes, 61); Abbé le Blanc, Observations sur les ouvrages de MM. de l'Acad. de peint. et de sculpt., exposés au Salon du Louvre en l'année 1753 et sur quelques écrits qui ont rapport à la peint., à M. le président de B... [Bourbonne], P. 1753; L.G. Baillet de Saint-Julien, Lettre à M. Ch[ardin] sur les charactères en peint., Genève 1753; La Font de Saint-Yenne, Sentiments sur quelques ouvrages de peint., sculpt. et gravure, écrits à un particulier en province, s.l. 1754, 124-125; C.N. Cochin, Essai de la vie de C. [1780], in: Ch. de Beaurepaire, Précis analytique des travaux de l'Acad. des Sc., Belles-Lettres et Arts de Rouen 78:1875/1876, 417-441; J.B.G. Haillet de Couronne, Eloge de C., in: Mém. inédits [1780 verfaßt], ed. Dussieux u.a., II, P. 1854, 428-441; P.Hédouin, C., in: Bull. des arts 5:1846(11) 185-191; 1846(12)222-229; P.-J. Mariette, Not. sur C. Abecedario de P.-J. Mariette et autres notes inédites de cet amateur sur les arts et les artistes ..., ed. Ph. de Chennevières/A. de Montaiglon, AAF 1:1851-1862, 355-360; T.Gautier, Les coloristes franç.: C., in: L'Artiste v. 15.2.1864, 73-76; E./J. de Goncourt, GBA 15:1863, 514-533; 16:1864, 144-167 (Repr. als Kapitel "C." in: id., L'art du XVIIIe s., II, P. 1864; dt.: I, M. 1920/21; engl.: Ox. 1981); E.Bocher, C., P. 1876 (Les Gravures franç. du XVIIIe s., 3), P. 1876; H. de Chennevières, GBA 38:1888, II, 54-64; 1:1889, I, 121-130; F.Engerand, Les Commandes officielles de tableaux au XVIIIe s. C., in: La Chronique des arts et de la curiosité v. 4.4.1896, 128-130; 2.5.1896, 163 s.; L. de Fourcaud, C., La Rev. de l'art ancien et mod. 6:1899, 383-418; id., C., P. 1900; C.Normand, C., P. 1901 (Les Artistes célèbres); G.Schéfer, C. Biogr. critique, P. 1904 (Les Grands Artistes), P. 1904; P.Dorbec, Le portraitiste Aved et C. portraitiste, GBA 32:1904, II, 89-100, 215-224, 341-352; id., L'Expos. de la Jeunesse au XVIIIe s., GBA 33:1905, I, 456-470, hier 460-462; H.E.A. Furst, C. and his times, Lo./Glasgow 1907; O.Grautoff, C. 1699-1779, in: Kunst und Künstler 7:1908, 496-508; J.Guiffrey, C. Cat. complet de l'œuvre du maître, P. 1908; W.Pinder, C. 1699-1779, Mus. 11:1909, 41-44 (und in: id., Gesammelte Aufsätze aus den Jahren 1907-1935, L. 1938, 21-28); H.E. A. Furst, C., Lo. 1911; E.Hildebrandt, Malerei und Plastik des 18.Jh. in Frankreich, B. 1924, 161-173; G.Wildenstein, C., P. 1933 (L'Art franç.); id., GBA 75:1933(2)365-380; M.Florisoone, C., Genève 1938 (Les trésors de la peint. franç. au XVIIIe s.) (dt.: Bern/Basel 1939); H.E.A. Furst, Connoisseur 1940(7)13-18; E.Pilon, C., P. (1909) 1949 (Les maîtres d'art); F.Jourdain, C., P. 1949; E.Goldschmidt, C., Sth. 1945 (schwed. Ausg.), Kph. 1947 (dän.); B.Denvir, C., Z. 1950; D.de Chapeaurouge, Unters. zur Kunst C.s, Diss. Bonn 1953 (Mschr.); D.Diderot, Salons, ed. J. Seznec/J.Adhémar, 4 Bde, Ox. 1957-67, 2. Aufl.: Bd 1-3, Ox. 1975-1983; J.Barrelet, GBA 101:1959(1) 305-314; E.und J. de Goncourt, Jardin des arts 51:1959 (1)157-162; Ju. Zolotov, Šarden, Mo. 1962 (russ.); K.Garas, C., Bp. 1963; P.Rosenberg, C., Genf 1963 (dt.; 2. Aufl. in frz.: Genève 1991); G.Wildenstein, C., Z. 1963 (engl. Fassung übersetzt und ed. D.Wildenstein, Ox. 1969); J.W. McCoubrey, ArtB 46:1964, 39-53; R.Demoris, Rev. d'esthétique 22:1969(4)363-385; D.de Chapeaurouge, Actes du XXIIe Congr. Internat. d'Hist. de l'art (Budapest 1969), II, Bp. 1972, 51-56; P.Pizon, Le peintre 1972 (4) 10-14; E.Snoep-Reitsma, Nederlands kunsthist. jb. 24:1973, 147-243; M.Kuroe, C., To. 1975 (jap.); C. (K), P. 1979; Ph.Conisbee, BurlMag 121:1979, 194-198; H.N. Opperman, Eighteenth c. stud. 13:1979/80, 313-331 (Rez.); J.Kind, New art examiner 7:1979(Nov.)4-5; L.Munière, L'Estampille 107:1979(März)14-21; Th. W. Gaethgens, Kunstchronik 33:1980(3)89-95 (Rez.); F.Frascina, C., Milton Keynes 1980 (The Open Univ. Arts, 30); S.Kronbichler-Skacha, WJbKg 33:1980, 137-161; M.Fried, Absorption and theatricality. Paint. and beholder in the age of Diderot. Berkeley/L.A./Lo. 1980, bes. 44-47, 61, 66 s., 69 s., 72, 82, 122 s.; Ph.Conisbee, Paint. in eighteenth c. France, Ox. 1981, 13, 137-139, 162-169; A.Jakimovič, Šarden i francuzskoe proveščenie, Mo. 1981; M.Hobson, The object of art. The theory of illusion in eighteenth c. France, C. u.a. 1982, 77-80; N.Bryson, Word and image. French paint. of the Ancien Regime, C. (1981) 1983, 110-121, 157, 187, 190, 192-194, 199-203, 239; R.Demoris, Rev. des sc. humaines 187:1982(3) 292-306; E.Ostländer, Gemalte Plastik, Stud. zur Rolle und Funktion der Skulpt. in der frz. Malerei des 18. Jh., Diss. Köln 1983, 174 s., 179-189; P.Rosenberg, C. New thoughts, Lawrence (Kan.) 1983 (The Franklin D. Murphy lectures, 1); id., Tout l'œuvre peint de C., P. 1983 (Les Classiques de l'art), (ital.: L'opera completa di C., Mi. 1983 [Classici dell'arte, 109]) (WV); Diderot et l'art de Boucher à David. Les Salons 1759-1781 (K), P. 1984, 98, 146-159; Th.E. Crow, Painters and public life in eighteenth c. Paris, Lo. 1985, 134-138; S.F. McCullagh/P.Rosenberg, The supreme triumphe of the old painter. C.s final work in pastel, Mus. stud. 1985(12)42-59; Ph.Conisbee, C., Ox. 1986; A.Breitmoser, Trad. als Problem in der Stillebenmalerei C.s, M. 1987 (Schr. aus dem Inst. für Kunstgesch. München, 13); P.Rosenberg, BurlMag 129:1987(Febr.)116-118; M.Imdahl, Farbe. Kunsttheoret. Reflexionen in Frankreich, M. 1987, 75-86, 109 s.; M.D. Sheriff, Eighteenth c. - theory and interpretation 29:1988(1)19-45; L.J. MacDonald-McInerney, The magic that defies understanding. The late still-life paint. of C., Thesis (M.A.) Oberlin 1988 (Mschr.); H.Kohle, Ut pictura poesis non erit, Diss. Bonn, Hildesheim/Z./N.Y. 1989, 148-168; N.Bryson, Critical inquiry 15:1989, 227-252; A.Brejon de Lavergnée, Rev. du Louvre et des Mus. de France 1990(40); R.Démoris, C., la chair et l'objet, P. 1991; H.Broeker, Idea 10:1991, 103-125; F.Lecercle, Litt. 1992(Okt.)31-44; H.Broeker, Zur Bildkonzeption der Stilleben J. S. C.s, Diss. Gießen, Münster/Ha. 1993; M.Roland Michel, C., P. 1994.

 


THIEME-BECKER

Chardin, Jean-Baptiste Siméon, Maler, geb. in Paris am 2. 11. 1699, † das. am 6. 12. 1779. Sein Vater, Jean, Ch., war Holzschnitzer und Billardverfertiger bei den Menus-Plaisirs des Königs sowie Mitglied u. Syndikus der St. Lucas-Akademie. 'Seine Mutter war eine geb. Jeanne Françoise David. Die Eltern wohnten zuerst in der rue de Seine, dann in der rue du Four, Ecke der rue Princesse; sie hatten noch außerdem 2 Söhne: Noël Sebastien, das älteste ihrer Kinder, der später Kurzwarenhändler wurde, und Juste, der jüngste, der Tapissier wurde, sowie 2 Töchter: Marie Claire und Marie Agnès. - Man hat keine näheren Nachrichten über die Jugendzeit Chardins, der zu dem Akademiker Pierre Jacques Cazes in die Lehre gegeben wurde. Dieser ließ seine Schüler nicht nach dem Modell, sondern nach seinen eigenen Entwürfen arbeiten. Dann treffen wir Ch. im Atelier des Noël Nicolas Coypel, der ihn damit beauftragt, eine Flinte in das Bildnis eines Jägers hineinzumalen, schließlich bei Jean-Bapt. Van Loo, der ihn einen Teil der Fresken Rossos und Primaticcios in der großen Gal. Franz' I. im Schlosse zu Fontainebleau restaurieren läßt. - Die erste selbständige Arbeit Ch.s, von der man weiß, ist ein Aushängeschild, das ihm ein mit seinem Vater befreundeter Barbier-Chirurg in Auftrag gab; er malte (len Verlauf eines Straßenduelles. Von dieser temperamentvoll und wahrheitsgetreu behandelten Darstellung hatte sich bis 1871 eine Skizze erhalten, die von Jules de Goncourt gestochen ist. Bald darauf hatte er für N. N. Coypel einen toten Biber zu malen. 1728 ist der Ruf Ch.s in einem Kreise von Kollegen und Liebhabern bereits fest gegründet. In der Ausstellung der Jugend erscheint er mit mehreren Stilleben, darunter la Raie und le Buffet. In demselben Jahre wurde er Mitglied der St. Lukas-Akademie: Zwölf seiner Gemälde bringt er in dem Saale unter, (ler neben dem Beratungszimmer der Akademiker lag. Obwohl viele derselben den Verfasser nicht kennen, erregen diese Bilder doch ihre Bewunderung; daher wird diese Vorstellung Ch.s genehmigt, und, ohne ihm eine neue Aufgabe zu stellen, läßt man ihn am 25. 9. als Akademiker zu, indem man das Bufettbild u. ein Küchenstück als Aufnahmearbeiten zurückbehielt. Wenig später verheiratete sich Ch. Er hatte in Familienumgang die Tochter eines Kaufmanns, Marguerite Saintard, kennen gelernt; obwohl diese eben erst ihre Eltern verloren hatte und vermögenslos zurückgeblieben war, vermählte er sich mit ihr, nach mehr als 4jähriger Verlobungszeit, am 1. 2. 1731 in der Kirche Saint-Sulpice. Als Trauzeugen fungierten sein Bruder Juste und ein Arquebusier, Pierre Naudin. Am 18. 11. 1731 wird ihm ein Sohn geboren, Pierre Jean-Bapt., der später den väterlichen Beruf ergriff, am 3. 8. 1733 folgte eine Tochter, Marguerite Agnès, die indes am 14. 4. 1735 schon starb, am gleichen Tage mit ihrer Mutter, die übrigens dauernd leidend gewesen war. Ch. blieb 9 Jahre Witwer. Sein Leben verlief ruhig und einförmig, man weiß nicht, oh er je eine Reise unternommen hat. Zu seinen Freunden zähnen, außer den Handwerkern und Kaufleuten seines Quartiers, die Maler Aved, Desfriches, Wille, der Kupferstecher Le Bas und der Schriftsteller Sedaine. Am 7. 11. 1743 verlor er seine Mutter. Die Weiterführung seines Hauswesens zwang ihn, eine Vernunftehe einzugehen, und so heiratete er am 26. 11. 1744 Marguerite Pouget, die Witwe eines Bourgeois und ehemaligen Musketiers; seine Trauzeugen in St.- Sulpice sind sein Bruder Juste u. sein Freund Aved. Er zog aus der rue du Four in das Haus, das seine Frau in der rue Princesse besaß. Am 21. 10. 1745 schenkt ihm seine Frau eine Tochter, Angélique Françoise, die bald nach der Geburt wieder stirbt. Am 28. 9. 1743 wurde er zum Conseiller der Akademie, am 22. 3. 1755 einstimmig zum Schatzmeister derselben ernannt, ein Amt, das infolge der Verschleuderungen des Kastellans der Akademie wieder eingerichtet worden war. Ch. erfüllte mit größtem Eifer die Pflichten dieses seines infolgedessen recht delikaten Amtes. Seit dem 12. 7. 1759 ersetzte er Portail als "tapissier", d. h. als Organisator der Akademieausstellungen. Abgesehen von einer Reklamation, die er sich seitens eines Sohnes Oudry's zuzieht und wegen der dieser sich bei ihm entschuldigen muß, entledigt er sich dieser neuen, äußerst kitzligen Aufgabe unter allgemeinem Lobe. Endlich am 30. 1. 1765 erfolgte durch die Königl. Akad. der Wissenschaften und Künste in Rouen. seine Ernennung zum Offizier als Nachfolger Slodtz'. Währenddessen erfreute sich Chardin der königlichen Gunst, hauptsächlich dank dein Beistande seines Freundes Cochin, der sehr angesehen bei (lem Baudirektor Marigny war. Im März 1757 erhielt er eine Wohn.mg im Louvre in Nachfolge des Stechers Marteau; er fand fort eine Gesellschaft von Freunden vor, die in demselben Flügel wohnten, und begann einen häufigen Verkehr mit Cochin, Desfriches und Cl. Jos. Vernet. 1764 wurde er beauftragt, Sopraporten für Schloß Choisy zu malen, und 1765 solche für das Schloß Bellevue. 1768, beim Tode Jean Restouts, erhielt er eine Pension von 300 liv. Aber als Marigny und nach ihm Cochin in Ungnade gefallen waren, wurde er selbst durch den neuen Baudirektor M. de Vandières, infolge der Intrigen des Malers Pierre, der Vandières Günstling war, beiseite geschoben. Gelegentlich des von Pierre erhobenen Protestes gegen die Ernennung Cochins zum Akademiemitgliede, schrieb Chardin an M. de Vandières einen sehr ernsthaften Brief, der indes den Direktor nicht zu überzeugen vermochte. Dazu war Ch. seit 1772 sehr leidend; das Verschwinden seines Sohnes drückte ihn tief nieder, auch war seine materielle Lage eine so bedrängte, daß er am 25. 10. 1774 sein Haus in der rue Princesse verkaufen muß. In derselben Zeit gab er auch sein Schatzmeisteramt auf, worin ihm Marguerite Pouget hilfreich zur Seite gestanden hatte. Da sein Augenlicht sehr geschwächt war, vertauschte er die Ölgegen die Pastellmalerei. Nach langem Leiden starb er am 6. 12. 1779 und wurde am 7. im Beisein seiner beiden Brüder Juste und Noël Sébastien begraben. Seine Witwe mußte die Louvre-Wohnung räumen; eine Pension entbehrend, verkaufte sie am 6. 5. 1780 die von ihrem Gatten hinterlassenen Gemälde und richtete sich, von Freunden unterstützt, in einem Hause der rue du Renard (Saint-Sauveur) ein, wo sie erst 1791 starb. Biedermännische Gesinnung, Treue, Redlichkeit und Bescheidenheit waren die Hauptcharaktereigenschaften Ch.s. Seine Kunst gründet sich auf dieselben Tugenden. Er hat sein Lebelang sich bemüht, zu malen, was er sah und wie er es sah, und alles bei ihm, Wahl der Motive, Technik, entspringt aus dieser willigen Unterordnung unter die Natur. Er wurde als "Tier- und Früchtemaler" in die Akademie aufgenommen. Seine ersten Arbeiten stellten in der Tat meist Ensembles in der Art der "Raie" und des "Büfett" dar, auf denen man neben Früchten tote und lebende Tiere sah. I.ange Zeit blieb er diesem Genre treu, indem er bald Kochkessel, Möbelstücke, Kircheninterieurs malte, bald gedeckte Tische mit einem Hund, wie in dem "Büfett", mit einer Katze wie in der "Lessiveuse" oder in "Le Larron en bonne fortune", mit einem Affen, wie in dem "Peintre" oder dem "Antiquaire". Was er zu erreichen strebte, war die wahre Farbe, die körperliche Greifbarkeit der Dinge und das, was die Goncourt die "Harmonie des consonnances" genannt haben, d. h. die Art, wie die Dinge in der Atmosphäre stehen und sich gegenseitig darin reflektieren. An dem Charakter, der Wichtigkeit des Gegenstandes lag ihm wenig. Das geringste Objekt interessierte ihn, wenn er es nicht isoliert, sondern mit seinem Milieu studieren konnte; denn sein Pinsel hauchte ihm förmlich Leben ein, indem er es auf die Leinewand projizierte und es von den Lichteinflüssen seiner Umgebung durchdrungen zeigte. Eine Legende berichtet, daß Ch. sich nur zur Figurenmalerei entschlossen habe, um eine Wette gegen Aved innezuhalten; aber er hatte stets Figuren in seine Stilleben- und Interieurstudien hineingesetzt. Erst allmählich begann er sich auch für die Genreszenen zu interessieren, namentlich für kleinbürgerliche Interieurszenen. So wurde er der Maler der sorgsamen und stillen Hausverwalterinnen, die er in seiner Familie oder seiner Bekanntschaft antraf, und die er bei ihren alltäglichen Beschäftigungen schilderte: so in der Mère Laborieuse, der Gouvernante, in den Amusements de la Vie privée usw. Ebenso beschäftigen die Kinder dieser Bürgersmütter seinen Pinsel; so in dem Bénédicité, in der Petite Fille aux cerises, der Petite Maitresse d'école, in d. Toton und dem Jeune Dessinateur, für welchen er, wie man vermutet, seinen Sohn und seine Neffen als Modelle benutzt hat. Männer kommen äußerst selten auf seinen Bildern vor und nur in ganz vereinzelten Fällen, wie z. B. auf dem Aveugle des Quinze-Vingt. Von den Genreszenen gelangte Ch. ganz naturgemäß zum Porträt, auf welchem Gebiet er ein außerordentliches Talent entwickelt hat. Seit 1746 sah man ihn den Chirurgen Levre malen; ferner hat er die Porträts des Chirurgen Louis, seines Freundes Aved (le Souffleur), d. Komponisten Rameau, d'Alemberes, Sedaine's u. des Liederdichters Ponaid hinterlassen. Auch sich selbst hat er verschiedentlich gemalt; aber seine besten Bildnisse sind die, die er von sich selbst und von seiner zweiten Frau in Pastell gefertigt hat, als seine Augenschwäche ihn hinderte, in Öl zu malen. Schließlich hat Ch. auch einige dekorative Panneaus gemalt, darunter vor allem die Sopraporten in Choisy und Bellevue; aber selbst hier hat er keine allegorischen Künsteleien aufgesucht, sondern sich mit möglichst wahrheitsgetreuer Darstellung sei es von Musikinstrumenten, sei es von Kunstattributen begnügt. Es hat ihm vielleicht an Phantasievermögen gefehlt. Er gab sich wenig Mühe, seine Motive zu variieren. übrigens arbeitete er sehr langsam und mußte stets ein Modell vor Augen haben. Seine Technik trägt ein sehr persönliches Gepräge und ist in vieler Hinsicht den Koloristen seiner Zeit um ein Jahrhundert voraus. Er zeichnete selten, und man kennt nur ganz wenige sichere Zeichnungen seiner Hand; mit dem Pinsel umriß er seine Konturen. Er malte zuerst den Grund und ließ dann aus diesem düsteren Grunde in vollem Lichte die Gegenstände herauskommen. Diderot machte die Bemerkung, daß sein Farbenauftrag roh und ungelenk sei, und daß man, um seine Bilder richtig zu beurteilen, sie aus der Entfernung sehen müßte; das rührte daher, daß Chardin schrittweise vorging, indem er reine Farbtöne anwandte, die er nicht aufeinander, sondern in kleinen Flecken nebeneinander setzte. Dann verlieh er dem Ganzen einen harmonischen Gleichklang, indem er über das Ganze einen Ton legte, dessen Mischung Cochin bisweilen angab, u. der hauptsächlich den Zweck hatte, dem Schatten Transparenz und Leben zu verleihen. Ch. wurde zu seiner Zeit sehr geschätzt; trotzdem trug man Bedenken, ihn über die Holländer zu stellen, und keiner seiner Zeitgenossen hätte es gewagt, ihn Teniers vorzuziehen. Seine Bescheidenheit verhinderte es, daß seine Bilder hohe Preise erreichten; so verkaufte er 1745 2 Gemälde an Gersaint für 150 livres, der "Toton" wurde ihm mit 25 liv. bezahlt, die Pourvoyeuse und die Gouvernante mit 104 liv. 1760 kostet ein Stillleben (Faisan et une gibecière) Desfriches nur 48 liv., der es übrigens auf nicht höher als 72 liv. schätzt. Es ist eine Seltenheit, in den Verkäufen dieser Zeit ein Bild von Ch. 900 liv. erreichen zu sehen wie den Bénédicité bei der vente Fortier, 1770. Der höchste Preis, den der Maler erhalten hat, waren 1500 livres für die Serinette, die der König kaufte. Bei dem 1779 von seiner Witwe veranstalteten Verkauf war der geringste Preis, den die ihr hinterlassenen Bilder brachten, 15 livres! Wie alle Maler seiner Zeit, wurde Ch. in der 1. Hälfte des 19. Jahrh. sehr gering geachtet. Sieht man doch 1881 bei der vente Bruyard seine Pastell-Selbstbildnisse auf 76 fr. abgeschätzt. Aber dank den Bemühungen einiger weitblickender Kunstfreunde wie Marcille, La Caze, H. de Chennevières und der Goncourt ist er bald seinem ganzen Werte nach erkannt worden, und dieser Umschwung in seiner Schätzung zeigt sich in dem Emporschnellen der Preise für seine Bilder; so zahlte der Louvre für den Jeune Homme au violon und das Enfant au Toton die Summe von 350 000 Fr. Der Louvre bewahrt heute die stattlichste Sammlung von Werken Chardins, d. h. nahezu 30 gesicherte Bilder, darunter Le Bénédicité, La Pourvoyeuse und la Mère laborieuse. Von den französ. Provinzmus. besitzen Arbeiten Ch.s: Angers, Bourg, Cherbourg, Dijon, Le Havre, Niort und Rouen. In Deutschland findet man ihn vertreten im Kais. Friedrich-Mus. in Berlin, in der Karlsruher Kunsthalle und in der Münchener Pinakothek, in England in Glasgow (Universität) u. London (Strafford House), ferner in Wien (2 Zeichnungen in d. Albertina), in der Eremitage in Petersburg, im Reichsmus. in Amsterdam u. im Nationalmus. in Stockholm. Unter den Werke Ch.s besitzenden Privatsamml seien hauptsächlich genannt, in Paris: Ed. Andre (2), Buvau (1), Deligand (1), Flameng (1), Foulon de Vaulx (1), Jahan-Marcille (8), L. Michel-Lévy (6), Casimir Périer (1), H. de Rothschild (14), Rouart (9), Vollons (1), Weill (1). In Wien: Liechtenstein (4). - Mehrere Gemälde ferner auch im Besitz des deutschen Kaisers im Neuen Palais zu Potsdam, des Großherz. v. Baden und der Prinzessin Friedr. Carl v. Hessen. Ikonographie Chardins: vor 1744, Pastellbildnis von La Tour; 1755 Bildnis von Cochin d. J., gest. von Cars; 1771, Selbstbildnis in Pastell, gest. v. Chevillet; 1775, Selbstbildnis in Pastell, gen. "à l'abatjour" 1776 Bildniszeichnung von Cochin, gest. v. J. F. Rousseau. Monographien: Ed. u. Jul. de Goncourt. Chardin, Etude contenant 4 dessins, Paris 1864 (S.-A. a. d. Gaz. d. B.-Arts XV 514-531; XVI 144-167). - L. de Fourcaud, J.-B.-S. Chardin, Paris 1900 (S.-A. a. d. Rev, de l'art anc, et mod. VI [1899] 383-418). - Ch. Norman d. J.-B.-S. Chardin, Paris 1902 (Les Art. célèbres). - G. Schefer, Chardin (Les Grands Art.) Paris, Laurens 1904. - A. Dayotu. L. Vaillat. L'oeuvre de Chardin et Fragonard (Le Livre d'or del'expos. d. deux maitres, Paris 1907). - Edm. Pilon, Chardin, Paris 1909 (Les maitres de l'art). - W. Pinder, J.-B.-S. Chardin (Museum 11 [1907]). Größere Zeitschriftenaufsätze: Mercure de France, Nov. 1909 (Virg. Josz, Les graveurs de Chardin). - Gaz. d. B.-Arts, 1899 11 177-190, 333-342, 390-396 (E milia F. S. Dilke. Chardin et ses oeuvres à Potsdam et à Stockholm). 1904 II 89-100, 215-224, 341-352 (Prosper Dorbe c, Le Portrait. Aved et Chardin Portrait.) - L'Art et les Artistes V (1907) 123-140 (Arni. Dayot, Chardin). - Kunst u. Künstler VI (1908) 496-508 (Otto Grautoff, J.-B.-S. Chardin). - Bad. Landesztg v. 2. 7. 1908 (L. Munzinger, Chardin u. s. Bilder i. d. Karlsruher Kunsthalle). Zur Chardin - Fragonard - Ausst., Paris 1907 Rev. de l'art anc, et mod. XXII (1907) 93-106 (Jean Gui(frey). - Gaz. d. B.-Arts 1907 II 89-102 (Maur. Tourneux). - Mus. et Monum. de France II 10314 (P. Vitry). - Rev. d. Deux mondes 1907 XL 1 (R. de La Sizerann e). - Art décoratif 1907, No 105 (C. Gronkowski). - Rev. de Paris 1907 No 13 (M. Tinayr e). Rev. bleue 1907, No 26 (G. Lecomte). - The Studio vol. 42 p. 25 ff. (Henri Frantz). Sonstige Zeitschriften-Literatur: Gaz. d. B.- Arts, Table alphab. I - XV (1859-63); XVI- XXV (1864-68); N. S. I - X XII (1869-80) 1903 I 37 ff. (Un Portrait de la seconde femme de Ch.); 1903 II 64 ff. - L'Art et les Artistes I (1905) 14-19 (Gust. Geffroy, Ch. peintre de figures). - Chrom d. arts 1896, p. 128-130 1899 p. 313 ff. (2. unedierte Briefe Ch.). - Bull. de la Soc, hist. du 6e arrond. Paris 1899 (Les Demeures de Ch.). - Rev, de l'art anc, et mod. II (1897) 26718 (Bild d. Samml. Lacaze). - Les Arts 1902 No 12: 1905 No 43, 45 u. 47. - Rev. Bleue v. 29. 12. 1906 (A. Bernard, Le Portrait). - The Burlington Magazine XI (1907) 247 (Bild d. Univers. Glasgow); XII (190718) 46 ff. (Bild d. Univers. Glasgow). - Jahrh. d. preuß. Kstsarnml. IV (1883) 254 ff. Allgemeine Literatur: Bellier-Auvray. Dict. gén. I. - Jal, Dict. crit., 1872. - Emm. Bocher, Les gravures franç. du 18e s., ¡He fasc., 1876 (cf. Repert. f. Kstw. VII 114 ff.). - Dilke, French painters of the 18. Cent. London 1899. - Edm. u. Jul. de Goncourt. L'Art du 18. s. 1874 (deutsch: 1908, P. 51). - P. Marcel, Peint. franç. 1690-1721. - Mireur, Dict. d. ventes d'art, II (1902). - Dumont-Wilden, Le Portrait en France, Brüssel 1909 p. 164 ff. Urkundliches: Eug. Piot, Etat civil, 187:1. - Arch. de l'art franç., docum., I - VI; nout arch. etc., 3e sér., XX (1904) s. Reg. p. 292 XXII (1906) s. Reg. p. 364: N. P. II (1908) 25, 111. Cornu.