2. Jean, Illuminator, *um 1430/35, †wahrsch. 1493 Bourges. Addenda: Tod.dat. in DA VII, 1996: (vor) 1498.11.10
Colombe, Jean
Sohn des Philippe (5), Bruder des Michel C., Vater von Philibert (4). C.s Biogr. ist relativ gut dok.: 1463 erstmals in Bourges als Mitarb. und Hausgenosse eines "escripvain de forme" namens Clément Thibault erwähnt. Ein Jahr später heiratet C.; 1467 erwerben er und seine Frau zus. mit zwei befreundeten Ehepaaren vom Domkapitel ein Grundstück mit der Auflage, daß jedes Paar je ein Haus binnen vier Jahren darauf zu errichten hätte; 1471 ist der Vertrag erfüllt. Einen Einschnitt in C.s Biogr. bedeutet die Verbindung mit dem savoyard. Herzog Karl I. 1485 erhält C. das Honorar für die Voll. der Très riches Heures noch in Bourges. 1486 tritt C. als "familier et enlumineur du duc" mit einem jährl. Gehalt von 100 florins in die Dienste des Herzogs. Die entsprechende Urkunde lobt überschwengl. "le talent, la probité, l'expérience de son art, et les autres vertus innombrables de son aimé maître Jean Colombe". Damals übersiedelt C. wohl in den Piemont oder nach Savoyen und vermietet sein Wohnhaus in Bourges an den (weiter unten gen.) Schreiber und Buchhändler André Rousseau. 1488 besteht dieses Mietverhältnis noch, doch scheint C. ein Jahr später, als Karl von Savoyen auf einer Reise in Bourges Station macht, wieder in seine Heimatstadt zurückzukehren. Er ist aber nicht mehr lange guter Gesundheit, denn bereits 1491 hat er die Arbeit niedergelegt. Wahrsch. stirbt er 1493, denn in diesem Jahr übernimmt sein ebenfalls als Buchmaler tätiger Sohn Philibert den väterl. Haushalt. Sollte C. damals noch gelebt haben, müßte er ein Haus außerhalb der Stadt bewohnt haben, welches er 1483 erworben hatte. 1498, als dieses Anwesen verkauft wird, ist auf alle Fälle von dem einstigen Besitzer als "feu Colombe" die Rede. (Das von der älteren Lit. gewöhnl. mit 1529 angegebene Sterbedatum ist also mit Sicherheit nicht auf Jean C. zu beziehen.) Obwohl C. in Bourges eine äußerst produktive Wkst. unterhielt, hatte er finanzielle Probleme, so daß eine seiner Kundinnen - die Königin von Frankreich, Charlotte von Savoyen - sich in einem undat., zw. den Jahren 1469 und 1479 verfaßten Schreiben bei dem Sekräter ihres Mannes für "Jehan Colombe, povre enlumineur à Bourges" einsetzen mußte, um ihn von der Steuer und vom städt. Wachdienst befreien zu lassen. Die Notlage ist verwunderlich angesichts der vielen Aufträge und Schätzung seiner Werke von Angehörigen aller zahlungsfähigen Schichten. C. vermochte das immense Auftragsvolumen offenbar durch eine hervorragende Arbeitsorganisation zu bewältigen. So stand er in engem Kontakt mit dem Buchhandel, was seine Verbindungen mit dem Schreiber und "libraire" André Rousseau beweist, mit dem zus. er für intellektuelle und bürgerl. Kreise Codices produzierte. Aber auch der Adel fand an seiner Kunst Geschmack. Louis de Laval, Rat Ludwigs XI., beanspruchte C.s Dienste bei der Ausstattung des heute in der Pariser BN aufbewahrten Stundenbuches, welches mit seinen 1234 Min. eine der reichsten Hss. der Gesch. werden sollte. Für denselben Mäzen illuminierte C. die Wiener Hs. der Neuf Preux sowie die Pariser Passages d'Outremer. Louis Malet de Graville, Admiral von Frankreich, der den Ursprung seiner Seigneurie auf Julius Cäsar zurückführen zu können glaubte, ließ von C. ein Werk zur röm. Gesch., den heute in Paris befindlichen Romuléon (fr. 364), ausstatten. Auch zum Herrscherhaus hatte C. gute Beziehungen. Königin Charlotte besaß die von ihm illuminierten, heute in Paris befindlichen Douze Périls d'Enfer sowie die der gleichen Slg gehörende Vita Christi. Wahrsch. vermittelte die Monarchin C. auch an ihren Neffen, den Herzog Karl I. von Savoyen, welcher die Fertigstellung von zwei der kostbarsten Hss. des Jh. C. anvertraute und ihn, wie bereits erw., schließlich in den Hofdienst aufnahm. Beide Codices waren noch in der ersten Jh.-Hälfte begonnen worden: die berühmten Très riches Heures mit Bildern der Brüder Limburg, die Jean de Berry gehörten, und die heute im Escorial befindl. Apokalypse für Amadeus VIII. von Savoyen, die Jean Bapteur und Péronet Lamy ausschmückten. Den Berry-Codex scheint C. noch in seiner Heimatstadt illuminiert zu haben, denn im Jahre 1485 werden ihm 25 écus d'or "pro illuminatura et historatione certarum orarum canonicarum illustrissimi domini nostri ducis" nach Bourges geschickt. Die Ill. zur Apokalypse entstanden dagegen am Hof von Savoyen, wie ein Rechnungsbeleg von 1490 überliefert: "A maestro Gio. Colomba, alluminatore ducale, per un Apocalisse fatto ed alluminato da lui con istorie, 400 fiorini." (Die von der Lit. meist mit 1482 angegebene Dat. dieses Dok. ist, wie Edmunds nachweisen konnte, unwahrsch.) Karl I. ließ von C. noch zwei weitere, diesmal aus dem Bes. des Kardinals Jean-Louis v. Savoyen stammende Hss. vollenden, nämlich die in Paris befindl. Hist. de Merlin sowie die Brüsseler Hist. du Graal. Ein Verz. des Œuvres von C. wird zwar einerseits durch die starke Beteiligung seiner Wkst. sowie durch die zahlr. Werke stilist. ähnl. orientierter Meister erschwert, andererseits aber durch eine bes. breite Basis urkdl. oder durch Sign. gesicherter Malereien erleichert. Außer den Sign. im engeren Sinn brachte er z.B. an bestimmten Stellen der Bilder (v.a. an Gewand- und Zeltsäumen oder an Archit.-Details) das Anagramm
Auswahl von Codices aus der Wkst. C.s (mit mehr oder weniger starker Mitarb. anderer Maler; Werkliste bei Schaefer, Fouquet ..., 1994):
Colombe, Jean, französ. Miniaturmaler, tätig seit ça 1467 in Bourges, † dort 1529, wahrscheinlich Bruder des Bildhauers Michel C., arbeitete um 1470 für die Königin Charlotte von Savoyen, durch deren Empfehlung er wohl Aufträge vom savoyischen Hof erhalten hat. Für den Herzog Karl beendigte er 1482 eine jetzt in der Bibliothek des Eskorials bei Madrid befindliche prachtvoll illuminierte Apokalypse, die Jean Bapteur u. Perronet Lamy zu Anfang des 15. Jahrh. begonnen hatten (von C. der Schmuck der Blätter von f. 29 bis Schlug). Bis 1485 vollendete der Künstler die von Pol de Limbourg und seinen Brüdern begonnenen "Très riches heures" des Herzogs von Berry. Auch dieser Auftrag kam vom Herzog von Savoyen, in dessen Besitz sich die Handschrift damals befand. Die von C. stammenden Miniaturen können sich freilich nicht mit den früheren an Feinheit der Ausführung messen; dennoch gehören sie mit zu den besten Arbeiten der französischen Miniaturmalerei des 15. Jahrh. Einige von ihnen scheinen noch auf unvollendet hinterlassenen Vorlagen der Limbourg zurückzugehen. 1486 führte C. den Titel "Familier et enlumineur de livres" des Herzogs Karl von Savoyen, und im selben Jahr scheint er sich in Chambéry aufgehalten zu haben. - Auf Grund der stilistischen Übereinstimmung gelang es dem Grafen Durrieu, noch folgende Bilderhandschriften als Arbeiten C.s zu identifizieren: Livre des douze périls d'Enfer (Paris, Bibl. nat. fr. 449, stammt aus dem Besitz der Königin Charlotte); Passages d'outremer von Sebastien Mamerot (ibid., franç. 5594); Vie du Christ (ibid., franç. 177-179, für Louis Bâtard von Bourbon ausgeführt); Romuléon des Seb. Mamerot (ibid., franç. 364, ausgeführt für Louis Malet de Graville); außerdem hat er auch an den "Heures de Laval" (Bibl. nat., lat. 920) mitgearbeitet. Interessant ist es, dag C. im "Romuléon" wiederholt Bilder aus dem früheren Teil der "Très riches heures" kopiert hat. Seinem Stile nach ist C. ein ausgesprochener Nachfolger der Fouquet'schen Richtung, die in Tours ihren Sitz hatte. Er erreicht diesen Hauptmeister nicht in der zeichnerischen Vollendung und der Farbe; seine Gestalten sind plumper, wenn auch sehr ausdrucksvoll, die Komposition weniger fein arrangiert. Immerhin nimmt er unter den zeitgenössischen französischen Miniatoren einen hervorragenden Platz ein. Er scheint das Haupt einer vielbeschäftigten Werkstatt gewesen zu sein, der C.s Zugehörigkeit zu einer ausgebreiteten Künstlerfamilie zahlreiche Aufträge verschaffte. Wahrscheinlich gehörte auch François C. zu dieser Werkstatt. Giraudet, Art. Tourang., 1885 p. 87. - P. Vitry, De quelques trav. réc. rel. à la peint. franç., 1903. - P. Durrieu, Les très riches heures de Jean de France, Duc de Berry, 1904. - H. Martin, Les Miniaturistes franç., 1906. - A. de Laborde, Les Manuscr. de la Cité de Dieu, 1909 p. 402, 456. - Mém. de la soc. savois. XII, 110 f. - Atti d. soc. d'archeol. etc. di Torino, 1901 p. 226 f. - Rev. d. Biblioth., 1904 p. 59 f. - Chron. d. Arts, 1895 p. 135 f., 154 f. - L'Arte 1901 p. 35, 38, 196; 1905 p. 16, 476. - Bull. de la soc. nat. d. antiqu. de France 1901 p. 146. - Cabinet histor. 1856 II p. 124. - Réun. d. Soc. des B.-Arts 1907 p. 398. - Le Moyen-Age 1905 (IX) p. 65 ff. (Petit-Delchet). Not. von H. Stein.