Frei zugänglich

Colombe, Jean

Geboren
(um) 1430/1435
Gestorben
Bourges, 1493?
Land
Frankreich
Geschlecht
männlich
GND-ID
Weitere Namen
Colombe, Jean
Berufe
Miniaturmaler*in; Illuminator*in
Wirkungsorte
Bourges, Chambéry (Savoie)
Zur Karte
Mitglied von
Veröffentlicht in
AKL XX, 1998, 357; ThB VII, 1912, 244 s

VITAZEILE

2. Jean, Illuminator, *um 1430/35, †wahrsch. 1493 Bourges. Addenda: Tod.dat. in DA VII, 1996: (vor) 1498.11.10

LEBEN UND WIRKEN

Sohn des Philippe (5), Bruder des Michel C., Vater von Philibert (4). C.s Biogr. ist relativ gut dok.: 1463 erstmals in Bourges als Mitarb. und Hausgenosse eines "escripvain de forme" namens Clément Thibault erwähnt. Ein Jahr später heiratet C.; 1467 erwerben er und seine Frau zus. mit zwei befreundeten Ehepaaren vom Domkapitel ein Grundstück mit der Auflage, daß jedes Paar je ein Haus binnen vier Jahren darauf zu errichten hätte; 1471 ist der Vertrag erfüllt. Einen Einschnitt in C.s Biogr. bedeutet die Verbindung mit dem savoyard. Herzog Karl I. 1485 erhält C. das Honorar für die Voll. der Très riches Heures noch in Bourges. 1486 tritt C. als "familier et enlumineur du duc" mit einem jährl. Gehalt von 100 florins in die Dienste des Herzogs. Die entsprechende Urkunde lobt überschwengl. "le talent, la probité, l'expérience de son art, et les autres vertus innombrables de son aimé maître Jean Colombe". Damals übersiedelt C. wohl in den Piemont oder nach Savoyen und vermietet sein Wohnhaus in Bourges an den (weiter unten gen.) Schreiber und Buchhändler André Rousseau. 1488 besteht dieses Mietverhältnis noch, doch scheint C. ein Jahr später, als Karl von Savoyen auf einer Reise in Bourges Station macht, wieder in seine Heimatstadt zurückzukehren. Er ist aber nicht mehr lange guter Gesundheit, denn bereits 1491 hat er die Arbeit niedergelegt. Wahrsch. stirbt er 1493, denn in diesem Jahr übernimmt sein ebenfalls als Buchmaler tätiger Sohn Philibert den väterl. Haushalt. Sollte C. damals noch gelebt haben, müßte er ein Haus außerhalb der Stadt bewohnt haben, welches er 1483 erworben hatte. 1498, als dieses Anwesen verkauft wird, ist auf alle Fälle von dem einstigen Besitzer als "feu Colombe" die Rede. (Das von der älteren Lit. gewöhnl. mit 1529 angegebene Sterbedatum ist also mit Sicherheit nicht auf Jean C. zu beziehen.) Obwohl C. in Bourges eine äußerst produktive Wkst. unterhielt, hatte er finanzielle Probleme, so daß eine seiner Kundinnen - die Königin von Frankreich, Charlotte von Savoyen - sich in einem undat., zw. den Jahren 1469 und 1479 verfaßten Schreiben bei dem Sekräter ihres Mannes für "Jehan Colombe, povre enlumineur à Bourges" einsetzen mußte, um ihn von der Steuer und vom städt. Wachdienst befreien zu lassen. Die Notlage ist verwunderlich angesichts der vielen Aufträge und Schätzung seiner Werke von Angehörigen aller zahlungsfähigen Schichten. C. vermochte das immense Auftragsvolumen offenbar durch eine hervorragende Arbeitsorganisation zu bewältigen. So stand er in engem Kontakt mit dem Buchhandel, was seine Verbindungen mit dem Schreiber und "libraire" André Rousseau beweist, mit dem zus. er für intellektuelle und bürgerl. Kreise Codices produzierte. Aber auch der Adel fand an seiner Kunst Geschmack. Louis de Laval, Rat Ludwigs XI., beanspruchte C.s Dienste bei der Ausstattung des heute in der Pariser BN aufbewahrten Stundenbuches, welches mit seinen 1234 Min. eine der reichsten Hss. der Gesch. werden sollte. Für denselben Mäzen illuminierte C. die Wiener Hs. der Neuf Preux sowie die Pariser Passages d'Outremer. Louis Malet de Graville, Admiral von Frankreich, der den Ursprung seiner Seigneurie auf Julius Cäsar zurückführen zu können glaubte, ließ von C. ein Werk zur röm. Gesch., den heute in Paris befindlichen Romuléon (fr. 364), ausstatten. Auch zum Herrscherhaus hatte C. gute Beziehungen. Königin Charlotte besaß die von ihm illuminierten, heute in Paris befindlichen Douze Périls d'Enfer sowie die der gleichen Slg gehörende Vita Christi. Wahrsch. vermittelte die Monarchin C. auch an ihren Neffen, den Herzog Karl I. von Savoyen, welcher die Fertigstellung von zwei der kostbarsten Hss. des Jh. C. anvertraute und ihn, wie bereits erw., schließlich in den Hofdienst aufnahm. Beide Codices waren noch in der ersten Jh.-Hälfte begonnen worden: die berühmten Très riches Heures mit Bildern der Brüder Limburg, die Jean de Berry gehörten, und die heute im Escorial befindl. Apokalypse für Amadeus VIII. von Savoyen, die Jean Bapteur und Péronet Lamy ausschmückten. Den Berry-Codex scheint C. noch in seiner Heimatstadt illuminiert zu haben, denn im Jahre 1485 werden ihm 25 écus d'or "pro illuminatura et historatione certarum orarum canonicarum illustrissimi domini nostri ducis" nach Bourges geschickt. Die Ill. zur Apokalypse entstanden dagegen am Hof von Savoyen, wie ein Rechnungsbeleg von 1490 überliefert: "A maestro Gio. Colomba, alluminatore ducale, per un Apocalisse fatto ed alluminato da lui con istorie, 400 fiorini." (Die von der Lit. meist mit 1482 angegebene Dat. dieses Dok. ist, wie Edmunds nachweisen konnte, unwahrsch.) Karl I. ließ von C. noch zwei weitere, diesmal aus dem Bes. des Kardinals Jean-Louis v. Savoyen stammende Hss. vollenden, nämlich die in Paris befindl. Hist. de Merlin sowie die Brüsseler Hist. du Graal. Ein Verz. des Œuvres von C. wird zwar einerseits durch die starke Beteiligung seiner Wkst. sowie durch die zahlr. Werke stilist. ähnl. orientierter Meister erschwert, andererseits aber durch eine bes. breite Basis urkdl. oder durch Sign. gesicherter Malereien erleichert. Außer den Sign. im engeren Sinn brachte er z.B. an bestimmten Stellen der Bilder (v.a. an Gewand- und Zeltsäumen oder an Archit.-Details) das Anagramm "molbeco" an. Auch der immer wiederkehrende Spruch "Omnis spiritus laudet deum" scheint, indem er in der Art eines Wortspieles das Symbol des Hl. Geistes, die Taube, auf den Fam.-Namen des Künstlers bezieht, den Autor des Bildes auszuweisen. Schließl. waren in C.s Wkst. auch Sprüche beliebt, welche von Resignation und Bitterkeit zeugen, z.B. "Or ai je bien mon jour perdu pour leaument servir" oder "Temps perdu pour Colombe". Auffällig ist, daß diese Klagen erst in relativ spät entstandenen Bildern zu finden sind, so daß die Vermutung Schaefers (1981), es könnte sich bei ihnen um "Signaturen" des Philibert (bzw. - wie der Autor hinzufügen möchte - des François) C. handeln, einiges für sich hat. Die stilist. Quellen C.s liegen v.a. in der Kunst Jean Fouquets, mit dem er sich auch in einem Fall die Ausstattung einer Hs., nämlich des Stundenbuches des Jean Robertet (New York), geteilt hat. Die Verankerung des jungen C. in diesem künstler. Milieu illustriert auch seine Zusammenarbeit mit einem Fouquet bes. nahe stehenden Buchmaler im Missale der Yale-Univ., in der Wiener Neuf-Preux-Hs. sowie im Stundenbuch des Louis de Laval. Von Fouquet hat C. zahlr. Kompositionsformeln und -typen übernommen, was sich etwa gut an der Darst. von Massenszenen belegen läßt: Menschenmengen als Aneinanderreihung von Köpfen. Allerdings wird gerade in diesem Darst.-Schema der gewaltige Unterschied zw. den beiden Künstlern offenbar: Im Gegensatz zu Fouquet entzieht nämlich C. seinen Komp. systemat. jede räuml. Qualität. Eine Menschenansammlung erscheint bei ihm als eine räuml. undifferenzierte Masse, die nur ein Segment der Bildfläche füllt. Auch die stets sehr reich und phantasievoll gestalteten Architekturen C.s entbehren jener für Fouquet typ. Raumsuggestion, sie wirken dieser durch ihren extrem schmuckhaften Char. sogar entgegen. Den primär zweidimensionalen Kompositionsprinzipien entspricht eine Bildflächengliederung durch geometr. Muster wie Rauten oder Diagonalen. Im Gegensatz dazu verleiht C. v.a. den Gewändern seiner Figuren eine harte Plastizität, so daß die Stoffbahnen zuweilen den Eindruck von geknitterten Metallfolien vermitteln. Die Darst. organisch-frei bewegter Körper war deshalb für C. weder von Interesse, noch lag sie im Bereich seiner Möglichkeiten. Diesem unnaturalist. Kunstwollen ist in bes. Weise die Farbgebung seiner Min. verpflichtet. C. arbeitet mit einem kräftig kontrastierenden Kolorit, beispielsweise tiefes Rot und Blau gegen Smaragdgrün. Das Kolorit wird meist systemat. eingesetzt, so daß zuweilen etwa die Gewandfarben einer Szene auf zwei leuchtend rein einander entgegengesetzte Töne reduziert und sodann konsequent alternierend eingesetzt werden. Von seinen naturalist. orientierten Zeitgen. (von Fouquet und wohl auch vom René-Meister) hat C. die Wiedergabe atmosphär. Phänomene kennengelernt, wobei er allerdings die Farbstimmung einer bestimmten Tages- oder Witterungssituation aller atmosphär. Qualitäten entkleidet und zu expressiver Wirkung umdeutet. Schließlich ist noch die - gerade im Vergleich zu Fouquet und zum René-Meister - schemat. Erzählweise C.s charakteristisch. Seine Figuren verfügen ledigl. über ein sehr beschränktes Repertoire an Gesten und mim. Ausdruck und wirken in ihrer stereotypen Gestaltung beinahe holzschnitthaft. Der markante Stil C.s hat sich im Lauf der Zeit nur sehr gering verändert. In dem frühesten ihm zugeschr. Werk, dem in New York aufbewahrten, um 1460/65 entstandenen Pontifikale des Jean Cœur, verwundern noch etwas die extrem untersetzten, halslosen Figuren, welche gleichwohl bereits eine für C. typ. Plastizität auszeichnet. Bereits in den Min. der späteren 60er und frühen 70er Jahre wie dem bereits gen. Stundenbuch des Jean Robertet in New York, der Orloge de Sapience in Glasgow sowie den Neuf Preux in Wien zeigt sich ein Stilbild, welches sich von den späteren Werken nur geringfügig unterscheidet. Immerhin läßt sich feststellen, daß sich die Malereien der 80er Jahre (wie etwa die Bilder der Très riches Heures, des in München befindl. Stundenbuches sowie des Pariser Romuléon fr. 364) durch eine gewisse Großzügigkeit in den Komp. auszeichnen. Die Figuren im Vordergrund sind im Verhältnis zum Bildformat angewachsen, sie werden stärker räuml. gruppiert, und auch die Lsch. haben eine gewisse Weiträumigkeit gewonnen. Die einzelnen Komp.-Elemente sind stärker im Bildfeld verankert, die Protagonisten agieren lebhafter und artikulierter. Bei zahlr. Hss. ist eine zusätzl. Datierungshilfe durch das Vorkommen von Motivanleihen aus den Très riches Heures gegeben. In diesen Fällen dürfen als terminus ante quem non die mittleren 80er Jahre angenommen werden, als C. die älteren Bilder dieses berühmten Buches, welches ihm zur Voll. anvertraut worden war, kennenlernen konnte. Generell ist im Spätwerk des C. mit einer starken Beteiligung seines Sohnes und schließl. auch seines Enkels zu rechnen, welche den einmal geprägten Werkstattstil noch Jahre nach dem Tod des alten Meisters fortsetzen. Die Komp. dieser späten Bilder unterscheiden sich auf versch. Art von den Min. C.s, was bes. gut die Pariser Troja-Gesch. (welche übrigens auf fol. 11r eine Sign. François C.s trägt) durch die Reduktion der Tiefenräumlichkeit beweist. Die Komp. der großformatigen Bilder werden durch übereinandergesetzte, horizontale Streifen strukturiert. Gewänder und Gesichter verlieren die für C. typ., harte Plastizität, die Farben sind weniger expressiv, der Farbauftrag weniger pastos. Eine andere Möglichkeit, den Stil C.s weiterzuführen, zeigen etwa die Min. der Pariser Romuléon-Bände fr. 365-367, welche die in den späten Komp. C.s bereits anzutreffende räuml. Disposition der Figurengruppen weiter forcieren, während die plast. Modellierung weicher und rundlicher wird. Leider ist das späte C.-Atelier noch so gut wie unerforscht. Eine klare Definition einzelner Personalstile wurde bis jetzt nicht vorgenommen. Dementsprechend lassen sich für Philibert und François C. nicht einmal ansatzweise Œuvregruppen zusammenstellen. - C. gehört sicher nicht zu den großen Bahnbrechern des 15. Jahrhunderts. Er hatte an der künstler. Entwicklung seiner Zeit nur bedingt - und auf keinen Fall als Neuerer - Anteil. Man wird ihn deshalb kaum als einen Maler der frz. Renaiss. bezeichnen können, auch wenn in seinen Bildern eine oft hypertroph wirkende Verwendung von Schmuckmotiven der Ars nova auffällt. Seine Bedeutung liegt vielmehr in der Breitenwirkung seiner Kunst, welche den Geschmack der kaufkräftigen Schichten zu befriedigen vermochte. Bei seinem umfangreichen Werk gewinnt man zuweilen den Eindruck, daß er sich gegen den Konkurrenzdruck des immer wichtiger werdenden Buchdrucks durch eine rigorose Arbeitsökonomie, unter welcher allerdings allzu oft die Qualität seiner Malerei zu leiden hatte, zur Wehr setzen mußte. Sein Wirken stand im Zeichen einer Zeit, in der die Buchmalerei schon im fortgeschrittenen Verfall begriffen war.

WERKE

Auswahl von Codices aus der Wkst. C.s (mit mehr oder weniger starker Mitarb. anderer Maler; Werkliste bei Schaefer, Fouquet ..., 1994): Brüssel, Bibl. royale, ms. 9246: L'hist. du Graal (beg. für den Kardinal Jean-Louis von Savoyen, nach dessen Tod zw. 1482 und 1485 im Auftrag Karls I. von Savoyen voll.). Chantilly, Mus. Condé, ms. 65: Les Très riches Heures (die von den Brüdern Limburg beg. Ausstattung wurde von C. im Auftrag Karls I. von Savoyen voll.; 1485 bezahlt). Cologny-Geneve, Bodmer-Stiftung, ms. 144: René d'Anjou, Le Mortifiement de vaine Plaisance (Kopie nach einem Original des René-Meisters). Florenz, Bibl. Laurenziana, Med. Pal. 241: Stundenbuch (nach etwa 1485). Glasgow, Univ. Libr., Hunter 420: L'Orloge de Sapience (Schreiberdatum 1470). London, Brit. Libr., Harley 4335-4339: Boèce (Schreiberdatum 1476). Lyon, Bibl. mun., cod. 514: Missale (nach 1481). Metz, Bibl. mun., ms. 1486: René d'Anjou, Le Mortifiement de vaine Plaisance (Kopie oder Voll. eines Originals des René-Meisters, um 1470). München, Bayr. Staats-Bibl., clm. 10103: sog. Stundenbuch des Jacques Cœur (nach etwa 1485). New Haven, Yale Univ., Beinecke Libr., ms. 425: Missale (um 1470/75). New York, Pierpont Morgan Libr., Glazier 49: Pontifikale des Jean Cœur (bald nach 1459); M. 677: Stundenbuch der Anne de France (entstanden vor der 1474 geschlossenen Ehe der Prinzessin); M. 834: Stundenbuch des Jean Robertet (um 1465/70). Paris, BN, lat. 920: Stundenbuch des Louis de Laval (erste Ausstattungsphase um 1470/75, zweite um 1485/89); fr. 91: Roman de Merlin (beg. für den Kardinal Jean-Louis von Savoyen, nach dessen Tod zw. 1482/85 im Auftrag Karls I. von Savoyen fortgeführt, jedoch nicht über die Vor-Zchng hinausgelangt); fr. 364: Benvenuto d'Imola, Le Romuléon (aus dem Bes. des Louis Malet de Graville, um 1485/90); fr. 407: Vita Christi (Auftrag der Charlotte von Savoyen, Königin von Frankreich, deren Todesjahr 1483 einen terminus ante quem bildet); fr. 449: Les douze Périls d'Enfer (Auftrag der 1483 gest. Charlotte von Savoyen, Königin von Frankreich); fr. 992: La Vie de Nostre benoit Sauveur ... ( um 1475); fr. 5594: Sébastien Mamerot, Les Passages d'Outremer (Auftrag des Louis de Laval, um 1474/75); fr. 22540: Hist. de Jules César (nach etwa 1485). San Lorenzo De El Escorial, Pal. Real: E. Vit. 5: Apokalypse (beg. von Jean Bapteur und Péronet Lamy 1428, voll. von C. im Auftrag Karls I. von Savoyen; 1490 bezahlt). Wien, Österr. Nat.-Bibl., cod. 2577/2578: Sébastien Mamerot, L'Hist. des neuf Preux et des neuf Preuses (Auftrag des Louis de Laval, Schreiberdatum 1472). - Codices, welche in der C.-Wkst. nach dem Tod C.s entstanden sind: Berlin, Kpst.-Kab., 4645/4646: 2 Bll. aus der Pariser Troja-Gesch.; 78 D 10: Benvenuto d'Imola, Le Romuléon (Papier-Hs., welche lt.Eintragung im Jahre 1498 vom Monseigneur de Chauvigny dem Lyoneser Bürger Philippe de Moulin geschenkt wurde). Paris, BN: fr. 53: Jean Mansel, La Fleur des Histoires (entstanden im Auftrag des Admirals von Frankreich, Louis de Graville); fr. 365-367: Benvenuto d'Imola, Le Romuléon; n.a. fr. 24920: L'hist. de la Destruction de Troie la grant (entstanden im Auftrag eines Mitgl. der Fam. de Poitiers; auf fol. 11r Sign. des François C.; 2 Einzel-Bll. in Berlin).



THIEME-BECKER

Colombe, Jean, französ. Miniaturmaler, tätig seit ça 1467 in Bourges, † dort 1529, wahrscheinlich Bruder des Bildhauers Michel C., arbeitete um 1470 für die Königin Charlotte von Savoyen, durch deren Empfehlung er wohl Aufträge vom savoyischen Hof erhalten hat. Für den Herzog Karl beendigte er 1482 eine jetzt in der Bibliothek des Eskorials bei Madrid befindliche prachtvoll illuminierte Apokalypse, die Jean Bapteur u. Perronet Lamy zu Anfang des 15. Jahrh. begonnen hatten (von C. der Schmuck der Blätter von f. 29 bis Schlug). Bis 1485 vollendete der Künstler die von Pol de Limbourg und seinen Brüdern begonnenen "Très riches heures" des Herzogs von Berry. Auch dieser Auftrag kam vom Herzog von Savoyen, in dessen Besitz sich die Handschrift damals befand. Die von C. stammenden Miniaturen können sich freilich nicht mit den früheren an Feinheit der Ausführung messen; dennoch gehören sie mit zu den besten Arbeiten der französischen Miniaturmalerei des 15. Jahrh. Einige von ihnen scheinen noch auf unvollendet hinterlassenen Vorlagen der Limbourg zurückzugehen. 1486 führte C. den Titel "Familier et enlumineur de livres" des Herzogs Karl von Savoyen, und im selben Jahr scheint er sich in Chambéry aufgehalten zu haben. - Auf Grund der stilistischen Übereinstimmung gelang es dem Grafen Durrieu, noch folgende Bilderhandschriften als Arbeiten C.s zu identifizieren: Livre des douze périls d'Enfer (Paris, Bibl. nat. fr. 449, stammt aus dem Besitz der Königin Charlotte); Passages d'outremer von Sebastien Mamerot (ibid., franç. 5594); Vie du Christ (ibid., franç. 177-179, für Louis Bâtard von Bourbon ausgeführt); Romuléon des Seb. Mamerot (ibid., franç. 364, ausgeführt für Louis Malet de Graville); außerdem hat er auch an den "Heures de Laval" (Bibl. nat., lat. 920) mitgearbeitet. Interessant ist es, dag C. im "Romuléon" wiederholt Bilder aus dem früheren Teil der "Très riches heures" kopiert hat. Seinem Stile nach ist C. ein ausgesprochener Nachfolger der Fouquet'schen Richtung, die in Tours ihren Sitz hatte. Er erreicht diesen Hauptmeister nicht in der zeichnerischen Vollendung und der Farbe; seine Gestalten sind plumper, wenn auch sehr ausdrucksvoll, die Komposition weniger fein arrangiert. Immerhin nimmt er unter den zeitgenössischen französischen Miniatoren einen hervorragenden Platz ein. Er scheint das Haupt einer vielbeschäftigten Werkstatt gewesen zu sein, der C.s Zugehörigkeit zu einer ausgebreiteten Künstlerfamilie zahlreiche Aufträge verschaffte. Wahrscheinlich gehörte auch François C. zu dieser Werkstatt. Giraudet, Art. Tourang., 1885 p. 87. - P. Vitry, De quelques trav. réc. rel. à la peint. franç., 1903. - P. Durrieu, Les très riches heures de Jean de France, Duc de Berry, 1904. - H. Martin, Les Miniaturistes franç., 1906. - A. de Laborde, Les Manuscr. de la Cité de Dieu, 1909 p. 402, 456. - Mém. de la soc. savois. XII, 110 f. - Atti d. soc. d'archeol. etc. di Torino, 1901 p. 226 f. - Rev. d. Biblioth., 1904 p. 59 f. - Chron. d. Arts, 1895 p. 135 f., 154 f. - L'Arte 1901 p. 35, 38, 196; 1905 p. 16, 476. - Bull. de la soc. nat. d. antiqu. de France 1901 p. 146. - Cabinet histor. 1856 II p. 124. - Réun. d. Soc. des B.-Arts 1907 p. 398. - Le Moyen-Age 1905 (IX) p. 65 ff. (Petit-Delchet). Not. von H. Stein.