Dumas, Marlene, südafrikanische Malerin, Zeichnerin, Collagekünstlerin, Autorin, *3.8.1953 Kapstadt, lebt in Amsterdam. Partnerin des Malers Jan Andriesse.
Dumas, Marlene
D. wächst in Kuils River in der Nähe Kapstadts auf einem Weingut auf. 1972-75 studiert sie an der Michaelis SchFA, Kapstadt (Abschluss mit BFA). Prägend für D. ist das Unterrichtsprojekt Object Transformed (1972), wofür sie mit Tusche, Wachsstift und Wasserfarbe auf Papier weibliche Körper in Lsch. verwandelt. Ihr Umzug in die Niederlande 1976 ist durch ihre Familiengeschichte und ihre mit dem Niederl. verwandte Muttersprache Afrikaans bedingt. Während ihre Fam. Großbritannien als ehem. Kolonialmacht kritisch gegenübersteht, wird die Kolonialgeschichte der Niederlande kaum reflektiert. Dort ist sie 1976-78 am Ateliers '63 in Haarlem tätig. Ihr Stud. der Psychologie an der Univ. Amsterdam (1979-80) beendet sie nicht, aber die dort erlernte Methodologie spiegelt sich in ihren psychologisch vielschichtigen Porträts wider. Das Thema der Heimatlosigkeit bestimmt ihre frühen Arbeiten (insbes. Zchngn, Collagen und Assemblagen) in den Niederlanden (M. D. The Image as Burden, 2014, S. 19). Die existentielle Erfahrung des Todes, die D. bereits mit zwölf Jahren durch den Verlust ihres Vaters macht, zieht sich durch ihr Werk. Auch wenn sie zu Zeiten der Apartheid aufwächst, fühlt sie sich selbst 1976 während massiver innenpolitischer Proteste in Südafrika noch nicht dazu in der Lage, sich in ihrem Werk thematisch damit auseinanderzusetzen. Erst nach ihrem Umzug in die Niederlande reflektiert sie die ungerechten Machtasymmetrien und rassistischen Strukturen der Apartheid, z.B. in Black Drawing (chin. Tusche, 1991/92), das sie als Ausdruck der "Befreiung von Apartheid" (M. D., The Image as Burden, 2014, S. 61) beschreibt. Dabei betont D., dass Südafrika ihr die Inhalte für ihr Werk liefere und Europa die künstlerische Form. 1978 findet mit Atelier 15 D.s erste Ausst. im Sted. Mus. In Amsterdam statt, die mit dem Verkauf ihres ersten Bildes Don't talk to Strangers (Öl, Collage, Bleistift, Klebeband/Lw., 1977) an das Mus. einhergeht. Die abstrakte Arbeit, die auf ihre aus Südafrika erhaltenen Briefe rekurriert, befindet sich heute (2025) im MoMA in New York. 1982 partizipiert sie als eine der bis dahin jüngsten Künstlerinnen an der documenta in Kassel. - Zentral für D. sind Arbeiten, die sich mit der "Komplexität menschlicher Beziehungen" (Boogerd/Bloom, 2009, S. 35) auseinandersetzen und oft auf Fotogr. basieren. Ihre Gem. und Zchngn weisen eine "ungewöhnliche Kombination von Unmittelbarkeit und Intimität und manchmal auch kontroversen Themen" (M.D. The Image as Burden, 2014, S. 7) auf. Themenkomplexe, die sich in ihren Arbeiten widerspiegeln, sind "Sexualität, Liebe, Tod und Schuld" sowie Referenzen zur "Kunstgeschichte, Populärkultur und auf das Zeitgeschehen" (M. D. The Image as Burden, 2014, S. 7). Arbeiten wie Waiting for Meaning (Öl/Lw., 1988) können als Teil von D.s "Bedeutungstheorie des Bildes" verstanden werden, die "Vertrauen in die kommunikative Kraft der Kunst" (Nieuwenhuyzen, zit. nach M. D. The Image as Burden, 2014, S. 49) zum Ausdruck bringt. Seit der Geburt ihrer Tochter Helena, ein häufiges Bildsubjekt D.s, 1989, adressiert sie auf bildlicher Ebene das Thema Mutterschaft, z.B. in The First People (4 Taf., Öl/Lw., 1990). Char. für D.s Werk ist, dass die Grenzen zw. Öffentlichkeit und Privatheit verschwimmen. So sind Sexualität, Nacktheit und Pornografie Themenfelder, die in Gem. wie The Particularity of Nakedness (Öl/Lw., 1987), für das D.s Partner Andriesse Modell sitzt, und in der Soloausstellung MD-light (1999 in der Frith Street Gall. in London) verhandelt werden. Der hist. Vorstellung von der Frau als passives Modell und Bildgegenstand entgegentretend betont D. so die weibliche Handlungsfähigkeit. Dieses Verständnis vom Empowerment des weiblichen Subjekts drückt sich auch in The Painter (Öl/Lw., 1994) aus. Mit den traumatischen Erfahrungen des Holocaust setzt sich D. in Liberation (1945) (Öl/Lw., 1990) auseinander, wobei sie einen Mann porträtiert, der ein derartiges Leid erlebt hat, dass er sich nicht mehr über die Befreiung der Konzentrationslager freuen kann. Nach großen internat. Soloausstellungen erhält D. mit Intimate Relations 2007 (mit Kat.) zum ersten Mal eine museale Ausst. in der Iziko South African NG in Kapstadt. Ein kritisches Plädoyer gegen den sog. Sicherheitszaun in Israel verfasst D. in dem ill. Essay Against the Wall (2010). Während Gem. wie The Widow (Öl/Lw., 2013), eine Darst. des Trauermarsches für Patrice Lumumba, den ermordeten ersten Premierminister des unabhängigen Kongo, suggerieren, dass sich D. dezidiert mit dekolonialen Prozessen befasst, steht für sie auch in dieser Arbeit das Empowerment durch den Einsatz des nackten weiblichen Körpers seiner Witwe Pauline im Vordergrund. D. betont, dass ihre Herkunft aus Südafrika ihr nicht wirklich geholfen habe, "andere Kulturen in Afrika zu verstehen" (M. D., The Image as Burden, 2014, S. 169), da sich "die Weißen in Südafrika nur für amerikanische und europäische Kultur interessiert“ haben (M. D., The Image as Burden, 2014, S. 169). Zu ihren künstlerischen und phil. Einflüssen zählen David Goldblatts Fotoserie "On the Mines" (2013), Francis Bacon, Joseph Beuys, Fotogr. von Diane Arbus und Lee Friedlander, Luc Tuymans, Nicole Eisenman, die Pictures Generation, die Filme der Nouvelle Vague und der frz. Strukturalismus. Zentral für D. sind aber auch Pressefotografien und Bilder aus der Populärkultur und Popmusik. Seit den 1980er Jahren unterrichtet sie an zahlr. Institutionen, u.a. Rijksakademie van Beeldende Kunsten (1986-94) und De Ateliers (1997-2013), beide in Amsterdam. D. hat zahlr. Ausz. erhalten, u.a.: 1996 Günther Fruhtrunk-Preis der ABK München; 2007 Kunstpreis der Landeshauptstadt Düsseldorf; 2012 Johannes Vermeer Award, Delft; 2017 Hans Theo Richter-Preis für Zchng und Grafik der Sächsischen AK, Dresden, sowie Ehrendoktorate der Univ. Antwerpen, Kapstadt, Stellenbosch und Grahamstown. Sie hat versch. Auftragsarbeiten ausgef., u.a. 2015-17 zus. mit Andriesse und Bert Boogaard ein Altarbild für die Dresdner Annenkirche. Mit Miss January (Öl/Lw., 1997) erzielt sie im Jan. 2025 den höchsten Auktionspreis einer lebenden Künstlerin.
Sweet nothings, Am. 1998.
Einzelausstellungen:
Amsterdam: 1983 Gal. Paul Andriesse; 1989 Film-Mus. (K); 2014-15 Sted. Mus. (Retr.; Wander-Ausst.; K) / 1984 Utrecht, Centraal Mus. (K) / 1989 Bern, KH (K) / 1995 Malmö, KH (K); Salzburg, Salzburger KV (K) / London: 1996 Tate; 2017 Nat. Portr. Gall.; 2024 Frith Street Gall. / Paris: 2001 Centre Pompidou (K); 2021 Orsay / 2001 Boston, Inst. of Contemp. Art (K) / New York: 2001 New Mus.; 2018 David Zwirner (K) / 2003 Ravensburg, StG (K) / 2005 Helsinki, KH (K) / 2007 Tokio, MCA (K) / 2008 Düsseldorf, Kunstpalast / 2008-09 Los Angeles, MCA (K) / 2010 München, Haus der Kunst (K) / 2011 Stockholm, Mod. Mus. / 2012 Warschau, Zachęta - Narodowa Gal. Sztuki (K); Mailand, Fond. Stelline (K) / 2017 Dresden, SKS / 2020 Antwerpen, Zeno X Gall. (K) / 2022 Venedig, Pal. Grassi (K) / 2025 Athen, Mus. of Cycladic Art (K). -
Gruppenausstellungen:
1984 Sydney: Bienn. / 1992 Kassel: documenta (K) / 1993 Hamburg, Deichtorhallen: Der zerbrochene Spiegel (K) / 1995 Johannesburg: Bienn.; Venedig: Bienn. / 2010 São Paulo: Bien. / 2019-20 München, PM: Feelings / Chicago: 2020 MCA: Duro Olowu: Seeing Chicago; 2024 Chicago Art Inst.: Project a Planet - The Art and Culture of Panafrica / 2020 Boston, Inst. of Contemp. Art: i'm yours / 2021 Metz, Centre Pompidou: Arcimboldo Face to Face; Dresden, Albertinum: Dreams of Freedom / 2022 Wien, Albertina: Edvard Munch. In Dialogue (K); Amsterdam, Rembrandt Haus Mus.: RAW / 2023 London, Tate Modern: Capturing the Moment; Canberra, NG of Australia: Deep inside my heart; Aarau, Aargauer Kunsthaus: Stranger in the Village / 2024 Bristol, Arnolfini: Acts of Creation; Basel, Fond. Beyeler: Dance with Daemons / 2025 Paris, Pinault Coll.: Bodies and Souls; Antwerpen, KMSKA: Collected with Vision; Bonn, KM: From Dawn Till Dusk (K).
Thieme-Becker, Vollmer und AKL:
AKL30, 2001
Weitere Lexika:
Jacobs I, 1993; DA IX, 1996; U.Bischoff, in: Künstler. Krit. Lex. der Gegenwartskunst, Ausg. 33, M. 1996 (mit Bibliogr.); S.D. Muller (Ed.), Dutch art., N.Y./Lo. 1997; L.C. und K.Hillstrom (Ed.), Contemp. women artists, Detroit u.a. 1999; Bénézit IV, 1999; AKL XXX, 2001.
Gedruckte Nachweise:
M.-R. Hendrikse, de arte 35:2000(62)3-19; D.van den Boogerd/B.Bloom, M. D., Lo. 2009; M. D. The Image as Burden (K Wander-Ausst.), Am. 2014; J.Cahill, The Burlington Mag. 157:2015(1345)279-280; T.Garb, Art Hist. 43:2020, 588-611; H.Reckitt/P.Phelan, Art and Feminism, Lo. 2001; J.Joy, Studies in Gender and Sexuality 11:2010(4)205-210; V.MacKenny, Nka. J. of Contemp. African Art, Spring/Summer 2008(22/23)146-151; W.Steiner, The Beauty of Choice, N.Y. 2024; R.Ermen, Kunstforum Internat. 305:2025(Sept./Okt.)232-233.
Onlinequellen:
Website D.; Grove Art Online, Ox. 2003; Dict. universel des Créatrices, 2023; Website Gal. David Zwirner.