Rosler, Martha, US-amer. Performance-, Video-, Installations-, Mixed-Media-Künstlerin, Kunstkritikerin, *29.7.1943 New York, lebt und arbeitet ebd.
Rosler, Martha
1965 erhielt R. am Brooklyn College, New York, ihren Bachelor (B.F.A). Zunächst war sie bis A. der 1970er in der New Yorker Kulturszene im Bereich Lit. und Theater aktiv. Diese Zeit war ihren eig. Angaben nach für ihr späteres Wirken aufgrund der intensiven Lektürearbeit bes. prägend. Als ebenso bedeutsam nennt sie die gesellschaftskritischen und experimentellen Filme Jean-Luc Godards. R. freundete sich mit dem Schriftsteller und Performancekünstler David Antin an, mit dem sie sich zu phil. und soziologischen Themen austauschte. Darauf basierend brachte R. seit den 1960er Jahren belletristische und theoretische Publ. heraus. 1971 begann sie ein Stud. der Kunst an der Univ. of Calif. in San Diego, das sie 1974 mit dem Master of FA abschloss. Fühlte sie sich zunächst noch der abstrakten Malerei Jimmy Ernsts und Ad Reinhardts nahe, empfand sie durch die eher informell geprägte akad. Ausb. diese Ausdrucksweise schnell als unzeitgemäß. Lit. spielte weiterhin eine große Rolle, und sie schloss sich mit den Philosophen Louis Marin und Jean-François Lyotard einer Literaturgruppe unter der Ltg Frederic Jamesons an, in der sie angeregt wurde, über die polit. Aufgabe von Kunst nachzudenken. Auf der Suche nach einer adäquaten Bildsprache beschäftigte sie sich mit dem Transfer von malerischen Komp. auf fotogr. Szenerien. Die kunstfotografischen Nachtaufnahmen des amer. Fotografen Edward Steichens gehörten zu R.s frühen Auseinandersetzungen mit dem Medium. Ihren ästhetischen und polit. Vorstellungen verlieh sie in ihren Fotomontagen erstmalig an Ausdruck. R. verortete ihre damaligen Arbeiten nicht, wie vielfach behauptet wurde, in die Nähe John Heartfields, sondern sah in Max Ernst (1891) ein Vorbild. Bes. den surrealistischen Bilderroman Une semaine de bonté (1934), der die Auseinandersetzung mit dem Sujet des Geschlechterkampfes zur Anschauung bringt, bezeichnete sie als Inspirationsquelle. In einer ihrer frühesten Collagen Beauty Knows No Pain or Body Beautiful (1965-74) dekonstruierte sie in oftmals ironischen Zusammensetzungen der Pop-Art ähnlich das trad. Bild der Frau als Objekt und Warenprodukt männlicher Lust, das sie aus Ztgs- und Zeitschriftenmaterial entnahm. R. nannte die Künstlerin Eleanor Antin und die Anthropologin Diane Rothenberg, beides feministische Aktivistinnen, als zeitgen. Impulsgeberinnen. Auf der Suche nach einer adäquaten Bildsprache setzte R. M. der 1970er Jahre neben der Fotogr. auch die Performance und den Film als künstlerische Repräsentation ein. In Monumental Garage Sale (1973, San Diego, Univ. of California) stellte sie persönliche Gegenstände zum Verkauf, deren Erlös für wohltätige Zwecke eingesetzt wurde. Viele der Objekte verwiesen auf ihre gescheiterte Ehe mit Leonard Neufeld und ihre Rolle als alleinerziehende Mutter. Sie stellte Fragen des amer. Konsumverhaltens, dem musealen Wert von Kunst und der Privatheit im autobiografischen Kontext öff. zur Diskussion. Die Performance wurde in abgewandelter Form über die Jahrzehnte hinweg weltweit präsentiert und fand 2012 im New Yorker MoMA mit dem Meta Monumental Garage Sale ihren Höhepunkt. Semiotics of the Kitchen (1975) zählt zu ihren stärksten Videoarbeiten: Monoton führt sie dem Betrachter in alphabetischer Reihenfolge Haushaltsgegenstände und Zutaten vor, präsentiert in brutal und überzogen wirkenden Bewegungen deren Nutzungsweise. Dadurch persiflierte sie das Stereotyp der Frau am Herd und konfrontierte dies mit dem Klischée des sog. schwachen Geschlechts. Ein weiteres Themengebiet, für das sich R. einsetzte, war die Antikriegsbewegung. In der Collagenserie Bringing the War back Home (1967-72) kritisierte sie den Vietnamkrieg. In insges. 15 Fotomontagen kombinierte sie Ausschnitte von Interieur-Aufnahmen aus einem Schöner Wohnen-Mag. mit Kriegsfotografien aus dem Life-Magazin. Die Bilder haben eine stark suggestive Wirkung, die das Wirklichkeitsverständnis der amer. Überflussgesellschaft in Anbetracht der Expansionspolitik in Vietnam gleichermaßen hinterfragen wie kritisieren. Damit prangerte sie auch die stark popularisierende Berichterstattung in den Medien an. Sie veröffentlichte die Fotomontagen in der nonkonformistischen Presse der amer. Westküste und verzichtete auf jegliche Erklärungen. 2004 legte sie Arbeiten als Bringing the War Home: House Beautiful, new series in Anbetracht der Kriegsgeschehnisse im Irak und in Afghanistan neu auf. Kunst als polit. Aufklärungstätigkeit einzusetzen wurde zur Grundlage ihrer Arbeitsweise. Um die Authentizität ihrer Fotogr. zu wahren, distanzierte sich R. von jeglichen Ästhetisierungsmechanismen. Sie machte aber ebenso deutlich, dass das fotogr. Abbild nur bedingt einen Wirklichkeitsausschnitt bieten kann. In diesem Kontext entstand die Foto-Text-Installation The Bowery in two inadequate decreptive systems (1974-75). Dafür nahm sie heruntergekommene Bauten in der Bowery auf, einem von Obdachlosen frequentierten New Yorker Boulevard. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen setzte sie Texten gegenüber, in denen mittels synonymer Bedeutungen Betrunkenheit beschrieben wird. R. verzichtete darauf in den Darst. Menschen zu zeigen, sodass der Betrachter nur die Schauplätze des Geschehens ohne seine Protagonisten zu sehen bekommt: Straßen, Fassaden oder leere Flaschen sind die einzigen Hinweise auf eine menschliche Präsenz. Die steigende Armut betrachtete R. als Kehrseite des US-Wirtschaftsbooms, die in den Massenmedien nur unzureichend thematisiert wurde. Sie reflektierte gleichzeitig über die Aufgabe der Dokumentarfotografie, die in der Berichterstattung oft verfälscht, in einem and. Zusammenhang, dargestellt wird und trotzdem wesentlichen Einfluss auf die ges. Meinungsbildung ausübt. Die Kleinbildkamera wurde zu ihrem steten Begleiter im Alltag und auf Reisen; mit ihr hielt sie v.a. auch öff. Räume wie Flughäfen, U-Bahn-Schächte oder Straßenbilder fest und verarbeitete diese in Serien-Projekten. Dazu gehören z.B. Transitions an Digressions (1981-97), Passionate Signals (seit 1986), In the Place of the Public: Airport Series (seit 1985), Rights of Passage (1993-97), Ventures Underground (seit 1990) oder Cuba Series (1981-2012). Mehrere 1000 Bilder lagern im Arch. der Künstlerin. Seit 1980 hatte R. zahlr. Lehrtätigkeiten: u.a. an der Rutgers Univ. in New Brunswick/N.J., der Städelschule in Frankfurt am Main, der Columbia Univ. und am Whitney Mus. in New York. Mit ihrem Sohn, dem Comic-Künstler Josh Neufeld, realisierte sie gemeinsam mehrere Projekte. Dazu gehört z.B. ein 2015 erschienenes Comic der durch die Bill & Melinda Gates Stiftung geförderten Kunstinitiative The Art of Saving a Life, das auf die Notwendigkeit von Impfstoffen aufmerksam machen soll. R. ist Mitgl. der Assoc. of Independent Film and Video und der Soc. for Photographie. Zu den Ausz. für ihr Werk zählen u.a. der 2005 in Hannover verliehene SPECTRUM Internat. Preis für Fotogr. der Stiftung Niedersachsen und 2006 der Oskar-Kokoschka-Preis, der österr. Staatspreis für Bild. Künstler. 2017 wurde ihr Lebenswerk mit dem Lifetime Achievement Award im Guggenheim Mus. gewürdigt, und sie erhielt wegen der bes. Innovationskraft ihrer Arbeiten den Lichtwark-Preis der Stadt Hamburg. R. gehört zu den polit. engagiertesten und einflussreichsten Künstlerinnen der Konzeptkunst, die auch bis in die Gegenwart hinein nicht an Bedeutung verloren hat. Krieg, Armut, Gentrifizierung oder geschlechterpolitische Ungerechtigkeit sind wiederkehrende Themen, die sie in ihren Arbeiten kritisch verhandelt.
Service a trilogy on colonization, N.Y. 1978; If You Lived Here: The City in Art, Theory, and Social Activism, N.Y. 1991; In the Place of the Public: Airport Series, B. 1997; J.Slyce, Interview with M.R., Dazed & Confused 1999(54)72-77; Decoys and Disruptions: Selected Essays 1975-2001, C./Mass. 2004; 3Works, Nova Scotia 2006; Culture Class: E-flux j., B. 2013; The Art of Cooking, N.Y. 2017.
Einzelausstellungen:
New York: 1989 Dia Art Found.; 2000 Internat. Center of Photogr. (K) / 2005 Hannover, Sprengel Mus. (K) / Frankfurt am Main: 2008 Portikus; 2023 Schirn / 2013 Mailand, Gall. Raffaella Cortese / 2014 Warschau, CSW / 2015 Seattle, AM (K) / 2017 Barcelona, MAC / 2018 Basel, KM (mit Hito Steyerl). -
Gruppenausstellungen:
New York: 1979 Whitney: Bienn.; 1985 New MCA: The Art of Memory, The Loss of Hist. (K); 2002 White Columns: Gloria: Another Look at Feminist Art in the 1970s (K) / 1980 New Orleans, Contemp. Arts Center: A Decade if Women's Performance Art (K, Wander-Ausst.) / 1982, 2007 Kassel: documenta (beide K) / 2003 Venedig: Bienn. / 2005 London, Tate Mod.: Open Systems: Rethinking Art c.1970 (K) / 2010 Köln, Mus. Ludwig: Bilder in Bewegung (K) / 2012 Shanghai: Bienn. / Wien: 2016 MUMOK: Woman Feministische Avantgarde der 1970er Jahre (K); 2026 Albertina: Care Matters (K) / 2017 Hamburg, KH: Art and Alphabet (K) / 2017-18 Paris, Monnaie de Paris: Women House (Wander-Ausst., K) / 2021-22 Kiel, KH und Graz, Kunsthaus: Amazons of Pop (K) / 2024-25 Washington (D.C.), NG of Art: The '70s Lens: Reimagining Documentary Photogr; Waiblingen, Gal. Stihl: Ein Fest für die Augen.
Weitere Lexika:
Dunford, 1990; L.C. und K.Hillstrom (Ed.), Contemp. women artists, Detroit u.a. 1999
Gedruckte Nachweise:
Modernism: Rethinking representation (K New MCA), N.Y./Boston 1984; C.Owens, Beyond recognition, Berkeley, L.A./Ox. 1992; V.Carmichael, M.R.s unknown secrets, in: ead.: Framing Hist.: The Rosenberg story and the cold war, Minneapolis 1993; J.P. Weber, in: Public information: Desire, disaster, doc. (K MMA), S.F. 1994; J.Wark, Woman's Art J. 22:2001(1)44-50; S.Wright, Parachute (Montreal) 97:2000; L.E. Bloom, Jewish identities in Amer. feminist art, N.Y. 2006; H.Diack, Too close to home: Rethinking representation in M.R.s photomontages of war, 7:2006(2)56-69; A.Alberro, Texte zur Kunst, 17:2007(67)258-266; D.Frédérique Bergholtz, in: WACK! Art and the feminist revolution (K MCA), L.A. 2007; Une avant-garde féministe (K Les Rencontres de la Photographie, Arles), P. 2022; J.Rönnau, Kunstforum internat. 279:2022(Jan.-Febr.)257-259; R.Puvogel, ibid. 291:2023(Sept.-Okt.)231-233; J.Davis u.a., Kunst der Vereinigten Staaten 1750-2000, B. 2024.
Onlinequellen:
Arch. of Amer. Art, 2014; Webseite R.; Dict. universel des Créatrices, 2024