Ukeles, Mierle Laderman (Mierle; geb. Laderman), US-amer. Bildhauerin, Malerin, Konzept- und Performancekünstlerin, Autorin, Aktivistin, *25.9.1939 Denver/Colo., lebt in New York.
Ukeles, Mierle Laderman
U. ist die Tochter eines Rabbis. 1967 heiratet sie Jacob U.; das Paar hat drei Kinder. Stud.: 1958-63 Kunst auf Lehramt, Univ. of Denver, Denver/Colo.; 1961 Bachelor, Barnard College, New York (Gesch. und Internat. Beziehungen); 1962-64 Bachelor, Pratt Inst., New York (Malerei und Skulptur; bei George Joseph McNeil, Robert Richenburg); 1966 Kunstlehrerdiplom, Univ. of Denver; 1974 Master, New York Univ. (Intermediale Kunst; bei Len Lye, Tony Martin, Morton Subotnick). Mehrfach Ehrendoktorwürde, u. a. School of the Art Inst. of Chicago, RISD, Providence und Maine College of Art, Portland. Ausz.: u.a. 1985 Guggenheim Fellowship; 1992-93 Andy Warhol Found. Grant; 2001 Anonymous was a Woman Found. Award; 2019 Francis J. Greenburger Award. Zw. 1977-92 zahlr. projektbasierte Stip. des Nat. Endowment for the Arts und des New York State Council on the Arts. - Nach der Geburt ihrer ersten Tochter 1968 kollidiert U.s Identität als freischaffende Künstlerin mit den Erwartungen an ihre Doppelrolle als Mutter. U. verfasst das Manifesto For Maintenance Art 1969! (Repr. L.Lippard, Six Years, N.Y. 1973) und problematisiert darin die fehlende Wertschätzung und Entlohnung für reproduktive Tätigkeiten wie Hausarbeit, Fürsorge und Pflege, sog. Instandhaltungsarbeiten, durch welche die Arbeitsbereiche der oftmals männlich konnotierten Lohnarbeit erst gesichert würden. Sie macht aber auch auf die Dichotomie zw. Kunst und Leben, Natur und Kultur, sowie Öffentlichkeit und Privatheit aufmerksam. In dem Manifest deklariert U. Maintenance als Kunst und performt von da ab die spezifischen Tätigkeiten häuslicher Arbeit und Mutterschaft (1970-74). Mit dem Manifest prägt sie den konzeptuellen Begriff des Maintenance Artist. Ehrenamtlich ist U. seit 1977 Artist in Residence des New York City Department of Sanitation, der städt. Müllentsorgung und Straßenreinigung, und betreibt bis heute in den Räumlichkeiten des Unternehmens ein Büro. Als frühes Beispiel feministischer Performancekunst gilt U.s Touch Sanitation Performance (1979-80), im Rahmen derer sie jedem der 8500 Angestellten die Hände schüttelt und eine Danksagung ausspricht. Das Werk umfasst eine detaillierte Karte, auf der sie die Route ihrer Begegnungen markiert, dok. Fotogr. sowie Ton- und Videoaufnahmen der Gespräche. Für weitere Performances reinigt U. unter dem Einsatz ihrer eig. Körperkraft stundenlang Gal. oder Mus., wie u.a. das Wadsworth Atheneum MoA in Hartford/Conn. (1973). Zw. 1983 und 2012 entwirft U. The Work Ballets, sieben Choreografien für Industriemaschinen und ihre Kraftfahrer, die an öff. Orten in New York, Pittsburgh, Givors, Rotterdam und Tokamachi aufgeführt werden (Kat.). Seit 1989 erarbeitet U. ein öff. Parkkonzept für die ehem. Müllhalde Fresh Kills Landfill auf Staten Island, New York. - U. zählt zu den Begründerinnen der feministischen Konzept- und Performancekunst. Sie verbindet Kunst, Institutionskritik und Aktivismus. Ihre Werke finden ihren Platz im alltäglichen Leben oder an semi-öffentlichen Orten und laden Partizipatoren und Publikum ein, normative Werte und konventionelle Lebensvorstellungen zu überdenken. Dabei üben U.s Performances Kritik an der mod. geschlechterspezifischen Trennung der Sphären Produktion und Reproduktion, aber auch an ökologischen Missständen, institutionellen Machtstrukturen und sozialen Ungleichheiten. Mit ihrem offenen Kunstbegriff fordert sie den männlich konnotierten Genie-Begriff heraus und setzt sich für einen freiheitlichen Begriff von Kunst jenseits der Kategorien von Gender, Sexualität und Klasse ein.
Maintenance Art Activity (1973), in: Documents 6:1997(10)8; Sanitation Manifesto! (1984), in: The Act 2:1990(1)84-85; A Journey: Earth/City/Flow, in: Art J. 51:1992(2)12-14.
Einzelausstellungen:
1981 Seattle (Wash.), Center on Contemp. Art / New York: 1984 Ronald Feldman FA, Inc.; 1986 Jewish Mus. (K); 1989 Bronx Mus. of the Arts; 2016 Queens Mus. (Retr.; K) / 1998 Hartford (Conn.), Wadsworth Atheneum (K) / 2013 Graz, KV (Wander-Ausst.; K) / 2015 Stockholm, Marabouparken Konsthall. -
Gruppenausstellungen:
1973 Valencia, California Inst. of the Arts: c. 7,500 (Wander-Ausst.) / London: 1980 Inst. of Contemp. Arts: Issue: Social Strategies by Women Artists (K) / 2007 Los Angeles (Cal.), MCA: WACK! Art and the Feminist Revolution (Wander-Ausst.; K) / 2012 New York, Brooklyn Mus.: Materializing "Six Years": Lucy R. Lippard and the Emergence of Conceptual Art (K) / Berlin, AK: 2013 Re.act.feminism #2 - A Performing Archit. (K); 2023-24 The Great Repair (K) / 2013 Istanbul: Bienn. (K) / 2014 München, Lenbachhaus: Playtime (K) / 2020 Düsseldorf, K21 KS im Ständehaus: I'm Not A Nice Girl!. / 2022-23 Basel, Mus. Tinguely: Territories of Waste (K) / 2024 Antwerpen, Mus. für Fotogr. (FOMU): RE/SISTERS - A Lens on Gender an Ecology (K) / 2026 Wien, Albertina: Care Matters (K) .
Weitere Lexika:
H.Brenner, Jüdische Frauen in der bild. Kunst, I, Konstanz 1998; R.Kostelanetz, A dict. of the Avant-Gardes, N.Y. 22000
Gedruckte Nachweise:
L.Lippard, Get the Message?: A Decade of Art for Soc. Change, N.Y. 1984; P.C. Philips, in: N.Felshin (Ed.), But is it Art? The Spirit of Art As Activism, Seattle 1995; K.Stiles/P.Selz, Theories and Doc. of Contemp. Art, Berkeley u.a. 1996; H.Molesworth, October 92:2000(2)71-97; T.Finkelpearl (Ed.), Dialogues in Public Art, C., Mass. 2000 (Interview); M.Kwon, One Place After Another: Site-specific Art and Locational Identity, C., Mass. 2004; L.E. Bloom, Jewish Identities in Amer. Feminist Art: Ghosts of Ethnicity, N.Y. 2006; A.Liss, Feminist Art and the Maternal, Minneapolis 2009; S.Jackson, Soc. Works. Performing Art, Supporting Publics, N.Y. 2011; L.Weintraub, Eco Art in Pursuit of a Sustainable Planet, Berkeley 2012; K.Baum, in: E.E. Scott/K.Swenson (Ed.), Critical Landscapes: Art, Space, Politics, Berkeley 2015; H.Cotter, New York Times v. 16.9.2016; B.Kulmer, Moving Subjects, Diss. Humboldt-Univ., B. 2017; A.-K. Günzel, Kunstforum Internat. 285:2022(Okt.-Dez.)278-280; D.Sperber, Devoted resistance. Jewish feminist art in the US and Israel (Jews, Judaism, and the Arts, 4), Leiden 2025.