Sander, August, dt. Fotograf, Maler, *17.11.1876 Herdorf, †20.4.1964 Köln; 1902 Heirat mit Anna Seitenmacher in Trier; aus der Ehe gehen drei Kinder hervor (Erich, *1903; Gunther, *1907; von den Zwillingen Sigrid und Helmut, *1911, überlebt nur das Mädchen).
Sander, August
Ausb.: 1882-91 Besuch der ev. Volksschule Herdorf; 1891-96 Haldenjunge auf dem Herdorfer Erzbergwerk; 1897-99 Militärdienst in Trier, Mitarb. im Fotoatelier Georg Jung, ebd. 1899-1901 Wanderjahre (Berlin, Leipzig, Magdeburg, Halle, Dresden), Mitarb. in dt. Studios, vermutlich im Atelier von Ernst Sonntag und der Malschule von Martin Schumann, beide Dresden, Besuch von Lehrgängen. 1901 Übersiedlung nach Linz (Donau), dort Erster Operateur im Atelier Greif, das S. 1902 zus. mit Franz Stukenberg übernimmt und ab 1904 selbstständig führt. Ausz.: 1903 Bronzene Staats-Med. der Oberösterr. Landes-Ausst. Linz; 1904: Gold-Med. für Dreifarben-Fotogr. bei der gewerblichen Ausst. Wels; Müller & Wetzig-Preis Leipzig; 1909 Ausz. der L. Gevaert & Cie AG; 1909 Silberne Staats-Med. der Kunst- und Gewerbe-Ausst. Linz; 1958 Ehrenbürger von Herdorf; 1960 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse; 1961 Kulturpreis der Dt. Ges. für Photographie. Mitgl.: ab 1904 Sächsischer Photogr.-Bund Dresden; 1904-10 Oberösterr. KV; 1905 Ver. Mus. Francisco Carolinum, Linz; ab 1925 Fotografen-Innung Köln; 1929 Dt. Werkbund; 1951 Dt. Ges. für Photogr., 1958 Ehren-Mitgliedschaft. Reisen: 1927 Sardinien zus. mit Ludwig Mathar; 1929 Berlin, Linz und Wien (Gerd Arntz). - S.s Werk lässt sich in drei große Schaffensphasen gliedern: 1901-09 Linz, 1910-44 Köln, 1943/44-63 Kuchhausen. Nach ersten Fotogr. zunächst in Herdorf als 16-Jähriger autodidaktisch, dann auf Wanderjahren in mehreren dt. Ateliers, führt S. ab 1902 ein Atelier in Linz. 1903-09 betreibt S. einen Verlag für Fotografie, in dem er sämtliche Kunst- und kunstgew. Gegenstände aus dem Mus. Francisco Carolinum Linz dokumentiert. Künstlerisch ambitioniert arbeitet er als Maler und Fotograf. S. fertigt Einzel- und Gruppenporträts, Sach- und Bühnenaufnahmen, Landschafts- und Architekturansichten in zeittypischen und innovativen Techniken. Kunstfotografische Resultate wechseln mit Fotogr. dok. Stils. Seine Porträts sollten v. a. natürlich wirken, weshalb S. bevorzugt das Lebensumfeld der Abzubildenden aufsucht. In Linz erhält er Anerkennung aus der Bürgerschicht, aus Theater- und Künstlerkreisen. 1909 verkauft S. Karl Steinparzer sein Atelier und hinterlässt ihm auch zahlr. Negative, die später vernichtet werden. Die Linzer Zeit kann dennoch mit ca. 330 orig. Fotogr., weiteren Negativen und wenigen Gem. belegt werden. Mit dem Verkauf des Linzer Ateliers und dem Einzug in die Kölner Lichtbildwerkstatt (Dürener Str. 201) 1910 geht eine berufliche Neupositionierung einher. S. öffnet sein Atelier nicht allein der Kölner Kundschaft, sondern fährt mit seiner Großbild-Kamera regelmäßig in den Westerwald. Als Wanderfotograf gelangt er zu Bildern großer Realitätsnähe ohne zusätzliche Effekte. Tausende seiner Bilder zeigen die Landbevölkerung bei Hochzeiten, Jubiläen, Geburtstagen, aber auch den Arbeitsalltag der Bauern und Handwerker. Damit verlegt S. sein Atelier quasi zeitweilig nach außen, seinerzeit ein Novum. Seine Bilder liefert er als montierte Kontakte oder (gerahmte) Vergrößerungen in Form von detailgenauen Gelatinesilberabzügen. Jungbauern, 1914 ist eines der Hw. dieser Zeit. Außerdem nimmt S. im Westerwald jene Porträts auf, die er um 1925 in seiner Stamm-Mappe zusammenfasst und später seinem Mappenwerk Menschen des 20. Jh. (M. 1980, 2002 posthum publ.) voranstellt. Es sind unpathetische Bilder von Menschen, die in den 1830/40er Jahren geboren wurden, deren archetypische Physiognomie von ihren Lebensumständen im ländlichen Umfeld zeugen. Mit der Stamm-Mappe erfährt S. große Resonanz bei seinen Kölner Künstlerfreunden; ab 1921 hat er Kontakte zur Musikszene im Rheinland und zum Kreis Progressiver Künstler, dem er ab ca. 1928 fest zugehört (Freundschaft insbes. zu Franz Wilhelm Seiwert und Heinrich Hoerle). 1927, in seiner erfolgreichen Ausst. im KV Köln, eine Retr. über Menschen des 20. Jh., nehmen die Motive einen zentralen Platz ein. In einem zu dieser Ausst. verfassten Bekenntnis formuliert S. "Sehen, Beobachten und Denken" zu seinem Ziel, ebenso wie "durch die Photogr. in absoluter Naturtreue ein Zeitbild unserer Zeit zu geben". Damit gibt S. seinem Schaffen eine neue Wendung. Seine künstlerischen Ansprüche gehen über das aus der Begegnung heraus gestaltete, prägnante Einzelbild hinaus und zielen darauf, die komplexe Physiognomie der Ges. festzuhalten, umgesetzt in vielseitig lesbaren Sequenzen. Auf Grundlage typisierender Porträts aus versch. Berufs- und Gesellschaftsgruppen aufgenommen in Stadt und Land, unternimmt S. im Porträtprojekt Menschen des 20. Jh. eine Reflexion seiner Zeit. Ab ca. 1925, als er dem Phototheoretiker Erich Stenger erstmals von diesem neuen Projekt berichtet, arbeitet er seine teils urspr. im Auftrag entstandenen Motive als repräsentative Bll. aus und sammelt sie in Mappen, um sie individuell zusammengestellt der Öffentlichkeit zu präsentieren. Malerisch wirkende, kunstfotografische Techniken finden dabei keine Umsetzung mehr. Das Konzept, das S. bis in die 1950er Jahre verfolgt, listet über 45 Bildmappen, eingeteilt in sieben Gruppen (Der Bauer, Der Handwerker, Die Frau, Die Stände, Die Künstler, Die Großstadt, Die letzten Menschen). Die 1929 publizierte Monogr. Antlitz der Zeit, Sechzig Aufnahmen dt. Menschen des 20. Jh. (Kurt Wolff/Transmare-Verlag) ist mit ausgewählten Motiven aus Menschen des 20. Jh. eine Vorschau auf das umfangreicher geplante Porträtwerk Menschen des 20. Jh. und zählt zu den avantgardistischen Fotobüchern der Weimarer Republik. Die Aufnahmen datieren zw. 1910 und 1929 (u.a. Boxer, 1929; Konditor, 1928; Handlanger, 1928; Revolutionäre [Alois Lindner, Erich Mühsam, Guido Kopp], 1929; Bürgerliche Fam., 1923; Corpsstudent, 1925, Großindustrieller [Kommerzienrat Arnold von Guilleaume], 1927; Maler [Jankel Adler], 1924; Arbeitslos, 1928). Alfred Döblins Einf. zum Werk verdeutlicht die kulturelle und wiss. Dimension der Bilder und prägt für dessen Methode den Begriff "vergleichende Fotogr."; zahlr. zeitgen. Rez. betonen die Bedeutung des Werks (u.a. Walter Benjamin, Walker Evans, Seiwert, Lou Straus-Ernst, Kurt Tucholsky). Auf der Suche nach Typen fährt S. 1929 mit Empfehlungen von Seiwert nach Berlin. Weitere Porträts für Menschen des 20. Jh. entstehen. S. interessiert sich von A. an für die Lsch.; er schafft auch hier thematische Bildmappen und kooperiert mit Verlagen. Zudem dokumentiert S. Kunstwerke und Ausst. in seinem künstlerischen Umfeld und bearbeitet Aufträge für Architekten sowie für Handwerk und Industrie. 1933-35 veröffentlicht S. Hefte über dt. Regionen: Bergisches Land, Die Eifel (beide L. Schwann Verlag), Die Mosel, Das Siebengebirge, Die Saar, Am Niederrhein (alle L. Holzwarth Verlag). 1936 zerstören die Nationalsozialisten die Restauflage von Antlitz der Zeit. 1939 arbeitet S. am Stadtporträt und Mappenwerk Köln wie es war (1953 Ankauf durch die Stadt Köln; heute: Köln, SM). 1942/43 erfolgt die Übersiedlung von Köln in das Dorf Kuchhausen im Westerwald. S. rettet so einen wesentlichen Teil seines Archivs, bevor sein Kölner Atelier im folgenden Jahr durch Kriegsangriffe zerstört wird. 1944 stirbt sein Sohn Erich, zuvor Vertreter der von den Nazis verbotenen SAPD, im Siegburger Zuchthaus kurz vor Entlassung aus zehnjähriger Haft. Die Nachkriegszeit verlangt einen Neuaufbau von Wohnung und Atelier in einfachen Verhältnissen in Kuchhausen. S. hält an seiner praktischen Arbeit fest, wenn auch der Verlust von fotogr. Gerät das Schaffen erschwert. Er überarbeitet sein Archiv, plant Ausst. und Veröff. und knüpft an frühere Kontakte an. So sucht er 1948 über seine Tochter Sigrid und den nach New York emigrierten Fotografen Hans Schiff Kontakt zum MoMA; 1952 besucht ihn Edward Steichen, damaliger Leiter der fotogr. Slg des MoMA. 1962 publiziert S. Deutschenspiegel, Menschen des 20. Jh. im Sigbert Mohn Verlag mit einem Text von Heinrich Lützeler. - Einem kritischen Zeitgeist verpflichtet erkennt S. das Potenzial seines Porträtarchivs. Die Kombination der genau und vorbehaltlos beobachteten Darst. lassen Betrachtungen zw. Analyse und Synthese zu. Neben seiner präzisen Aufnahmetechnik entwickelt S. so eine für sein Medium außergewöhnliche Sicht, die ihm eine bes. Rolle in der Fotogeschichte sichert und sein sachlich-dok. Schaffen in Beziehung zu konstruktivistischen Strömungen und zur konzeptuellen Kunst positioniert. Für seine unmittelbare Beobachtung und methodische Vorgehensweise gepriesen, ist S.s Werk einer vergleichenden, sachlich-dok., "objektiven" Fotogr. verpflichtet und u.a. für Diane Arbus, Richard Avedon, Bernd & Hilla Becher, Rineke Dijkstra und Judith Joy Ross wegweisend.
Wesen und Werden der Fotogr., Rundfunkvorträge, WDR, 6 Tle, 1931; Rheinlandschaften, M. 1975; Die Photogr. Slg (Ed.), S. Menschen des 20. Jh., 7 Bde, M. 2002.
Einzelausstellungen:
1906 Linz, Landhaus-Pavillon / Köln: 1959 Dt. Ges. der Photogr. (K); 2001 (Wander-Ausst., K), '14, '18 Photogr. Slg; 2013 Wallraf-Richartz-Mus. (mit Wilhelm Leibl; Wander.-Ausst.; K) / 1971 New York, MoMA / 1980 Philadelphia, MoA (Wander-Ausst.; K) / 1994 Moskau, Puškin-MBK (Wander-Ausst.; K) / 2001 Los Angeles, Getty Mus. / 2005 Linz, LG (Wander-Ausst.; K) / 2009 Paris, Fond. Cartier pour l'Art contemp. (K). -
Gruppenausstellungen:
Köln: 1914 Messegelände: 1. Dt. Werkbund-Ausst.; 1930 KGM: Vrg Kölner Fachfotografen; KV: 1951: Photokina; 1975: Von Dadamax bis zum Grüngürtel (K); 1997 Photogr. Slg: Vergleichende Konzeptionen (Wander.-Ausst., K); 2000 Josef-Haubrich-KH: Zeitgen. A.S. und die Kunstszene der 20er Jahre im Rheinland (Wander-Ausst., K); 2024 Photogr. Slg: Blick in die Zeit - Alter und Altern im photogr. Porträt / Essen, Mus. Folkwang: 1929 Fotogr. der Gegenwart (Internat. Wander-Ausst.); 2024-25 Grow It, Show It! (K) / 1930 Amsterdam, Sted. Mus.: Socialistische kunst heden; München: Das Lichtbild / 1955 New York, MoMA: The Fam. of Man (K, Internat. Wander-Ausst.) / 1980 Berlin-Ost, Ständige Vertretung der BRD: A.S., Bernd & Hilla Becher (K) / 1982 Bonn, LVR-LM: Lichtbildnisse (K) / 1999 Bremen, KH: Von Beuys bis Cindy Sherman (Wander.-Ausst., K) / 2000 Hannover, Sprengel Mus.: How you look at it (Wander.-Ausst., K) / 2008 Barcelona, MACBA: The Universal Arch. (Wander-Ausst., K) / 2011 Sydney, AG of New South Wales: The Mad Square (Wander-Ausst., K) / 2019 Hamburg, Bucerius-Kunst-Forum (Wander-Ausst., K) / 2022 Siegen, Mus. für Gegenwartskunst: Nach A.S. (Begleitheft).
Weitere Lexika:
Krichbaum, 1981; C.Naggar, Dict. des photographes, P. 1982; Auer, 1985; DA XXVII, 1996; I.F. Walther, Künstler-Lex., in: Kunst des 20. Jh., II, Köln u.a. 1998; H.-M. Koetzle, Das Lex. der Fotografen, M. 2002; R.Mißelbeck (Ed.), Prestel-Lex. der Fotografen, M. u.a. 2002; M.-L. Sougez/H.Pérez Gallardo, Dicc. de hist. de la fotogr., Ma. 2003; R.Lenman (Ed.), The Oxford companion to the photograph, Ox./N.Y. 2005; T.Starl, Lex. zur Fotogr. in Österreich 1839 bis 1945, W. 2005
Gedruckte Nachweise:
W.Benjamin, Die Literarische Welt 18.9.1931, 25.9.1931, 2.10.1931; G.Sander, S. Menschen ohne Maske, Luzern/Ffm. 1971; B.Newhall (Ed.), S. Photogr. of an Epoch 1904-59, N.Y. 1980; C.G. Philipp, S.s Projekt Menschen des 20. Jh., Rezeption und Interpretation, Diss., Philipps-Univ. Marburg, Köln 1986; Kölnisches SM, A.S. Arch. (Ed.), S. Köln wie es war, Köln 1995; Die Photogr. Slg (Ed.), S. Lsch., M. 1999; id., Zeitgen. S. und die Kunstszene der 20er Jahre im Rheinland, Göttingen 2000; J.Paul Getty Mus., In Focus: S., L.A. 2000; id./LG Linz (Ed.), Linzer Jahre 1901-09, M. 2005; id./Fond. Henri Cartier-Bresson (Ed.), S. Sehen, Beobachten und Denken, M. 2009; Die Photogr. Slg (Ed.), S. Menschen des 20. Jh., Studienband, M. 2001; id. (Ed.), S. Sardinien, Photogr. einer Italienreise 1927, M. 2009; id. (Ed.), S. Meisterwerke, M. 2018; S.E. Müller, Kunstforum Internat. 281:2022(Mai-Juni)275-277; S.E. Müller, ibid. 295:2024(April-Mai)239-241; T.Schneider, ibid. 299:2024(Nov.-Dez.)238-240.
Archive:
Nachlass: Köln, Photogr. Slg/SK Stiftung Kultur, A.S. Arch.
Onlinequellen:
kuenstlerdatenbank.ifa.de; Köln, Photogr. Slg